Telefon 143
Mit «viel Sympathie und Wohlwollen willkommen geheissen»: Tanja Kocher aus Selzach ist die neue Präsidentin der «dargebotenen Hand»

Tanja Kocher, eigenständige Kommunikationsfachfrau aus Selzach, ist neuerdings Präsidentin des Verbands «Telefon 143 - Die Dargebotene Hand». Im Gespräch erklärt ihre neue Position und erzählt über ihre frühere Arbeit für Banken und Bundesräte.

Andri Morrissey
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Auf einen Kaffee mit: Tanja Kocher, die neue Präsidentin der Dargebotenen Hand.

Auf einen Kaffee mit: Tanja Kocher, die neue Präsidentin der Dargebotenen Hand.

Hanspeter Bärtschi

Dunkle Wolken bedecken den Frühlingshimmel, dennoch ist das Münsterplattform in der Berner Altstadt gut besucht. An einem Tisch des Park-Cafés Einstein au Jardin sitzt Tanja Kocher und trinkt einen Latte macchiato. Kocher arbeitet seit einiger Zeit in der Bundeshauptstadt, das hört man auch. Nur einzelne Ausdrücke würden ihre Solothurner Wurzeln noch verraten, erzählt sie.

Die Selzacherin ist seit einer Woche Präsidentin des Verbands «Telefon 143 – Die Dargebotene Hand». Dies, nachdem ihr Vorgänger Christian Budry, der seit 2014 als Präsident amtete, verstorben ist. Die Telefonnummer 143 ist in der ganzen Schweiz bekannt und stellt für viele eine Möglichkeit dar, Gefühle, Probleme oder Ängste mitteilen zu können. Auf verschiedenen Brücken oder hohen Terrassen wird zudem mit weissen Tafeln auf die Nummer hingewiesen. Dazu steht «Verzweifelt? Darüber reden hilft» geschrieben. Laut dem Jahresbericht der Hotline wurden im Pandemiejahr 2020 fast 207'000 Anrufe beantwortet.

Kocher erzählt ausgiebig und gelassen über ihre vergangene Karriere – von ihrer Arbeit in der Kommunikationsbranche, unter anderem für Grossbanken und für Politiker – und über ihre neue Stelle.

Die Arbeit als Präsidentin erledigt Kocher, wie alle Vorstandsmitglieder der Hotline, ehrenamtlich. Gleichzeitig führt sie nach wie vor ihre eigene Kommunikationsfirma Holisticom. Gewählt worden sei sie wegen ihrer umfangreichen Karriere in der Kommunikationsbranche, spekuliert Kocher. Den genauen Grund für ihre Wahl kenne sie aber nicht. «Das müssten Sie diejenigen fragen, die mich gewählt haben», witzelt Kocher.

Vom neuen Team sei sie sehr warm begrüsst worden.

«Es ist unglaublich, wie viel Sympathie und Wohlwollen mir entgegengekommen ist»,

sagt Kocher. Als Präsidentin ist Kocher für die Strategie der Hotline zuständig. Die Regionalstellen des Telefons 143 sind überall in der Schweiz zu finden und als einzelne Vereine tätig. Kochers Aufgabe besteht nun darin, diese einzelnen Vereine unter einem Dach zu einem nationalen Organ zu vereinen.

In ihrer ersten Woche bestand ihre Arbeit darin, die Regionalstellen der Hotline in der ganzen Schweiz zu besuchen und sich einen Überblick zu verschaffen. So war Kocher, als sie die Interview-Anfrage dieser Zeitung erreichte, gerade in Lugano bei der Besichtigung eine Regionalstelle.

Hans Rudolf Merz: «Kultiviert, gebildet und humorvoll»

Kochers Lebenslauf umfasst drei verschiedene Jahrzehnte. So arbeitete die 56-Jährige unter anderem für die Deutsche Bank als Vertreterin der Emea-Region (Europa, Naher Osten und Afrika), als Kommunikationsleiterin beim Eidgenössischen Finanzdepartement (EFD) und als Kommunikationschefin für alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz.

Vom alt Bundesrat könne sie nur Gutes erzählen. «Er ist ein cooler Typ, sehr kultiviert, gebildet und humorvoll. Ich habe gerne für ihn gearbeitet.» Die Vorstellung, als Emea-Regionalvertreterin an Konferenzen in verschiedensten Länder zu fliegen, klinge vielleicht traumhaft – Kocher relativiert aber: Für eine Konferenz stieg sie in den ersten Flug am Morgen und kehrte oftmals am selben Tag mit dem letzten Flug wieder nach Hause.

Zwar sei die Hotline ein politisch unabhängiger Organ, trotzdem gäbe es Themen, bei der sich das Telefon 143 politisch engagieren könnte, sagt Kocher. Ein brennendes Thema, bei der sich Kocher starkmachen will, ist die Umsetzung der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt.

So wird eine Onlineberatung für Betroffene geprüft. «Das Telefon 143 würde sich hier gerne als fachkompetente Organisation einbringen. Wir haben über 60 Jahre Erfahrung mit Menschen, die in Familien oder ausserhalb des familiären Rahmens Gewalt erfahren oder ausüben. In verschiedenen Kantonen arbeitet Die Dargebotene Hand mit kantonalen Opferhilfestellen zusammen», sagt Kocher.

Wo Geschichte und Kommunikation sich schneiden

Kocher ist zudem auch Historikerin. In der Kommunikationsbranche spielt das, laut Kocher, auch eine grosse Rolle. «Als Historikerin kann man gut Zusammenhänge erkennen. Es ist wie bei der Schmetterlingstheorie: Wenn es an einem Ort flattert, hat es an einem anderen Ort bestimmt Auswirkungen.»

Und wie sieht die Zukunft der Hotline 143 mit der neuen Präsidentin aus? Erstmals organisiere der Vorstand eine Retraite, damit sich alle besser kennen lernen könnten, so Kocher. Gravierende Änderungen wolle sie nicht anbringen, einzelne Ideen habe sie aber schon. Etwa der telefonische Kontakt mit Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch ist ein Thema, das die neue Präsidentin der nationalen Hotline angehen will.

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