Gastautor
Vermissmeldung

Rhaban Straumann
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Rhaban Straumann vermisst vieles im Oltner Tagblatt.

Rhaban Straumann vermisst vieles im Oltner Tagblatt.

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Das Jahr ist bald volljährig, doch dich habe ich zu oft schmerzlich vermisst. Auch 2019 war viel los in unserer Stadt. Eindeutig zu viel fand ohne dich statt. Obwohl du überall freien Eintritt geniesst. Wo warst du, geschätztes Oltner Tagblatt aka Aargauer Zeitung, als die Saxofonistin Fabienne Hoerni sowie elf weitere Musikerinnen aus Europa und der Schweiz in der ausverkauften Oltner Variobar die Bühne füllten? Als Hanspeter Müller-Drossaart im Theaterstudio den Trafikanten gab?

Weshalb wurde mit Les Diptik die Neuentdeckung der Schweizer Kleinkunstszene im Schwager-Theater – dem zweiten Oltner Kleintheater – verpasst? Ebenso glänztest du mit Abwesenheit an der Uraufführung von «Reha» mit Graziella Rossi und Helmut Vogel von und mit dem gefeierten Charles Lewinsky sowie bei der ausverkauften Tanzvorstellung «Gemischte Beine – Bewegte Gefühle». In die Tasten griff auch niemand für das erste nationale Festival für Übersetzung «aller-retour» im Kulturzentrum Schützi.

Wann hat die Zeitung das letzte Mal eines der unzähligen Konzerte im Coq d’Or besucht? Oder einen Fotostream im Galicia? Was ist mit den ungezählten nicht erwähnten Veranstaltungen unerwähnter Gastspielorte? Wo bleibt die Neugier auf Entdeckungen? Weshalb darf hiesige Kultur nicht auf den Kulturseiten des ersten Zeitungsbundes stattfinden? Obwohl mit Einfluss aufs nationale Schaffen. Im Oltner Tagblatt ist schlicht zu wenig Olten drin.

Was geschieht mit einer Regionalzeitung, die den Fokus in Zürich hat? Die grösste Kleinstadt liegt nahe, aber wünscht man sich tatsächlich noch mehr Zentralisierung der Information? Wie lebt es sich damit? Was sagt das über deine Relevanz? Natürlich weiss der geneigte Leser, die informierte Leserin um die Situation der Presse, um die darbenden, schier in die Bedeutungslosigkeit geschrumpften Lokalredaktionen. Wenn der Lokalteil einer Lokalzeitung mangels lokaler Berichte aufgrund knapper lokaler Kapazitäten nur noch spärlich vom lokalen Geschehen berichtet, ist das wie wenn ein liberaler Politiker mehr Liberalismus, liberale Wirtschaft, Privatisierungen, liberales Tun und Denken fordert, sich vor allem weniger Staat wünscht, und dennoch als Verwaltungsrat staatlicher, staatsnaher oder vom Staat abhängigen Institutionen und Betriebe wie Krankenkassen, Spitäler, Post, Energie sowie Kommunikation freizügig Verwaltungsratshonorare kassiert. Absurd der Vergleich vielleicht, dennoch bestehen Zusammenhänge. Nicht nur im Widerspruch. Die Politik ist mitunter mitverantwortlich sowohl wie es um die Grundversorgung als auch um die Presse steht. Und Politik sitzt gerne in Verwaltungsräten und kassiert für eine Handvoll Sitzungen Vergütungen, die durchaus auch mal mindestens einem halben Jahreslohn einer Journalistin entsprechen können. Ist das gut?

Und Ehrenwort, sollte diese Kolumne tatsächlich veröffentlicht werden, schöpfe ich Hoffnung. Denn ich schätze dich zu sehr, um mir keine Sorgen zu machen. Die Vermissmeldung gilt übrigens auch für Stadträte.

der Autor ist Oltner Schauspieler und Satiriker.

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