Derendingen
Verein baut Büros um – weil Wohnungen mehr Geld einbringen

Der Aserbaidschanisch-Türkische Kultur- und Solidaritätsverein baut sein Gebäude am Meisenweg 1 in Derendingen um.

Urs Byland
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Am Meisenweg 1 wird hinter heruntergelassenen Rollläden bereits eifrig umgebaut.

Am Meisenweg 1 wird hinter heruntergelassenen Rollläden bereits eifrig umgebaut.

Urs Byland

Wenig bekannt sein dürfte, dass in Derendingen ein Aserbaidschanisch-Türkischer Kultur- und Solidaritätsverein besteht. Eine Baupublikation machte auf den Verein aufmerksam. Darin wird die Umnutzung von Büroräumlichkeiten zu Wohnungen im Gebäude am Meisenweg 1 angezeigt.

Vereinspräsident Cevzet Aras aus Derendingen verweist aus sprachlichen Gründen auf Gülent Kaja, der zwar nicht Mitglied des Vereins ist, aber der Buchhalter, und der perfekt Deutsch redet. Von ihm ist zu erfahren, dass der Verein ursprünglich aus einem Solidaritätsgedanken heraus gegründet wurde. «Der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Bergkarabach hat viele Flüchtlinge in die Türkei vertrieben», erklärt Kaja.

Viele kamen auch nach Westeuropa. Die in der Region Solothurn lebenden Flüchtlinge – heute sollen etwa 300 Aserbaidschaner und Bergkarabacher hier leben – gründeten in den 1990er-Jahren den Solidaritätsverein und sammelten Geld, um die Flüchtlinge in der Türkei zu unterstützen. «Man muss sich das wie heute mit den syrischen Flüchtlingen vorstellen, die ohne Hab und Gut in der Türkei in Lagern leben.» Der Konflikt schwelt zwar weiter, aber in den letzten Jahren mit geringerer Intensität.

Vom Geldgeber zum Bittsteller

«Die Gründer des Vereins hatten auch eine etwas andere islamische Religionsauffassung und fühlten sich nirgends vertreten», weiss Gülent Kaja. Deshalb hätten sie ein Haus in Derendingen gekauft, das nicht nur als Vereinslokal dient. Mit der Vermietung von Büros half das Lokal auch den Vereinsfinanzen. «Der Verein kann deshalb Mitgliederbeiträge auf freiwilliger Basis erheben. Das war ein cleverer Schachzug der Gründer.» Und wohl auch mit ein Grund für das Fortbestehen des Vereins.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute diene der Verein seinen etwa 150 Mitgliedern vor allem als gesellschaftlicher Treffpunkt. Ähnliche Vereine existieren in Olten und in Deutschland. Finanziell sei man nicht auf Rosen gebettet, und bei Einladungen der aserbaidschanischen Botschaft bitte man auch mal um finanzielle Unterstützung des Vereins.

Weil die Vermietung von Büros nicht mehr richtig funktioniere, hat der Verein beschlossen, anstelle von Büros zwei Wohnungen einzubauen und zu vermieten. Zur Baupublikation hat es keine Einsprachen gegeben.

Der Bergkarabach-Konflikt

Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan

Der Bergkarabachkonflikt ist ein Konflikt der Staaten Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach im Kaukasus. Der Konflikt trat in der Moderne erstmals zur Unabhängigkeit der beiden Staaten nach 1918 auf und brach während der Endphase der Sowjetunion ab 1988 neu aus. Infolgedessen erklärte sich die Republik Bergkarabach für unabhängig, wird bisher international aber von keinem Mitgliedstaat der UN anerkannt. Bergkarabach, eingeklemmt zwischen Armenien und Aserbaidschan, war in seiner Geschichte immer wieder Spielball der regionalen Grossmächte, vor allem Türkei und Russland. Letztere unterstützen die christlichen Armenier, während die Türkei mit den muslimischen Aserbaidschanern verbunden ist. Immer wieder kam es in der Geschichte zu Konflikten in Bergkarabach. Der letzte und heute andauernde Konflikt begann 1988. Es kam zu Pogromen in der Bevölkerung. 1992 bis 1994 bekriegten sich aserbaidschanische und armenische Truppen (reguläre Truppen, Freischärler und Paramilitärs) in Bergkarabach und den angrenzenden Regionen. Die Folge waren Zehntausende Tote und 1 Millionen Flüchtlinge. Angesichts der Dynamik, mit der sich der Konflikt seit etwa fünf Jahren wieder aufschaukelt, ist bereits nicht mehr von einer Nachkriegs-, sondern von einer Vorkriegssituation die Rede. (uby)

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