Aus Niederämter Sicht
Kolumne: Willkommene Fehleinschätzung

Melina Aletti
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Pappeln im Herbstkleid im vergangenen November am Aarekanal bei Winznau.

Pappeln im Herbstkleid im vergangenen November am Aarekanal bei Winznau.

Bruno Kissling (Archiv)

Vor kurzem war ich in Basel an einem Geburtstagsfest. Es fand in einer typischen WG statt, wir tranken Bier aus Dosen und Aperol Spritz aus Wassergläsern, eingeladen waren viele junge Menschen unterschiedlichster Herkunft. Einige davon kenne ich durch das Studium schon lange, andere habe ich an diesem Abend zum ersten Mal gesehen.

Es war ein Abend, wie ich ihn vor vier Jahren kurz nach Studienbeginn ab und zu erlebte, der aber mittlerweile pandemiebedingt Seltenheitswert hat. Mir ist deshalb eine Begebenheit erstmals aufgefallen, die sich so oder ähnlich schon oft abgespielt hat. Ich sitze neben einer Person, die ich noch nicht kenne. Um ins Gespräch zu kommen, reden wir zuerst darüber, wie wir das Geburtstagskind kennengelernt haben.

Bald schon landen wir bei der Frage, woher ich komme. Ich antworte «aus Olten», weil die meisten Menschen, die in Städten wohnen, Niedergösgen nicht kennen. Bereits beim Stichwort Olten neigen sich die Mundwinkel nach oben zu einem leicht verächtlichen Grinsen. «Hat Olten mehr als den Bahnhof?» oder «Wieso wohnt man da?» sind die nächsten Fragen.

Ich kann sie nicht beantworten. «Weisst du», hole ich aus, «eigentlich bin ich gar nicht aus Olten, sondern aus Niedergösgen». Es folgt Schweigen und ein Blick, der mir zeigt, dass hinter der Stirn Rädchen am Drehen sind. Wenn dieser Vorgang erfolgreich ist, höre ich: «Ah, von dort wo das Atomkraftwerk ist?». Irgendwie schon, irgendwie auch nicht. Denn das Kraftwerk heisst ja wirklich Gösgen, nur steht es halt in Däniken. Aber das behalte ich für mich, es interessiert mein Gegenüber nicht, die Meinung ist gemacht.

Solche Szenen haben mich lange Zeit immer wieder geärgert. Weil ich merkte, was für ein falsches Bild viele Menschen von unserer Region haben. Weil ich mich gekränkt fühlte und das gerne richtiggestellt hätte. Weil ich nicht auf mir sitzen lassen wollte, dass mein Zuhause in den Augen anderer ein nicht lebenswerter Ort ist.

Mittlerweile kann ich mit dieser Fehleinschätzung gut leben. Dabei geholfen hat mir ein Tipp, den ich vor einiger Zeit erhalten habe: Es ist besser unterschätzt zu werden, denn dann hat man noch die Möglichkeit, zu überraschen. Wenn man überschätzt wird, kann man nur enttäuschen. Bis anhin trifft das zu. Noch nie war jemand enttäuscht, den ich von etwas weiter her auf einen Spaziergang durch den Ballypark oder einen «Aareschwumm» eingeladen habe. Alle waren positiv überrascht. Ich kann mir auch vorstellen, dass beim Pendeln zwischen Bern und Zürich die Frage auftaucht, wo denn dieser schöne Flecken genau liegt, wenn der Blick im richtigen Moment vom Smartphone hochgeht.

Dann nämlich, wenn sich der Zug zwischen Dulliken und Däniken in die Kurve neigt und so die Aussicht auf einen Teil des Niederamts ermöglicht, wo sich die letzten Nebelschwaden verziehen und einem schönen Herbsttag Platz machen.

Aber vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn sie in Zürich, Bern oder Basel nicht wissen, dass es zwischen Olten und Aarau sehr lebenswert ist (und zwar nicht nur, weil man in weniger als einer Stunde in besagten Städten ist). Dann kann ich weiterhin ungestört am Morgen dem Hang entlang von Niedergösgen Richtung Erlinsbach gehen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ich kann von Wisen nach Trimbach spazieren ohne den Weg mit vielen anderen teilen zu müssen oder in Ruhe vom Känzeli an der Grenze zwischen Dulliken und Oftringen einen Blick in Richtung Alpen werfen.

Wenn ich’s mir jetzt nochmals überlege, bin ich sogar froh, dass Menschen ab und zu Fehleinschätzungen machen.

Melina Aletti studiert Pharmazie und lebt in Niedergösgen.

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