Olten
Podium zu den Randständigen in Olten: «Es findet quasi eine Beschlagnahmung des Raumes statt, der nicht ihnen gehört»

Die Diskussionsrunde zu den Randständigen in der Oltner Kirchgasse zeigt: Das Gewerbe und die Kirchgemeinde wollen dringend Massnahmen.

Fabian Muster
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Das Podium fand in der Oltner Stadtkirche statt.

Das Podium fand in der Oltner Stadtkirche statt.

Patrick Lüthy

Das öffentliche Podium zu den Randständigen in der Kirchgasse, zu der das Stadtmagazin-«Kolt» in die Stadtkirche geladen hat, interessierte breite Kreise. Vor rund 90 Personen mit Vertretern des angrenzenden Gewerbes, der Stadtverwaltung und aus der Gemeindepolitik diskutierten die vier geladenen Gäste über die Zustände in der Innenstadt.

Am Schluss der zwei Stunden war man sich einig, dass es für die Szene vor der Stadtkirche keine einfache Patentlösung gibt, sondern ein Bündel von Massnahmen die Situation verbessern könnte.

Die Stadt müsse den Lead übernehmen

Aus Sicht des Gewerbes und der christkatholischen Gemeinde, welcher die Stadtkirche inklusive Sockel gehört, sind rasche Vorkehrungen allerdings dringend. Coop City-Geschäftsführer Hans Ruedi Kern erwähnte in seinen Ausführungen mehrmals, dass die Stadt nun den Lead übernehmen müsse.

Hans Ruedi Kern, Geschäftsführer Coop City.

Hans Ruedi Kern, Geschäftsführer Coop City.

Patrick Lüthy

Er beschrieb ausführlich, mit welchen Vorfällen das Warenhaus täglich zu kämpfen hat: Neben dem Konsum von harten Drogen und Alkoholika, Bettelei oder Pöbeleien vor ihrer Eingangstüre sind dies Vandalismus, Diebstahl von teuren Champagnern oder Markenartikel zur Finanzierung des Drogenkonsums oder Auseinandersetzungen zwischen Randständigen bis in den Laden. Die Oltner Filiale habe beispielsweise die höchste Diebstahlrate aller Coop-City-Warenhäuser der Schweiz. Er mahnte:

«Es müssen Lösungen her, das Einkaufserlebnis ist infrage gestellt, gewisse Leute bleiben Olten fern.»

Dies würden auch die zahlreichen Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden zeigen, die er jeweils erhalte.

Auch die christkatholische Gemeinde will nun handeln, wie die Präsidentin Monique Rudolf von Rohr sagte. Sie zählte ein paar negative Beispiele auf: Gottesdienste und andere Veranstaltungen würden gestört, Scherben von Bierflaschen lägen in der Kirche herum oder Randständige versperrten den Eingang ins Gotteshaus. «Es findet quasi eine Beschlagnahmung des Raumes statt, der nicht ihnen gehört.»

Monique Rudolf von Rohr, Präsidentin Christkatholische Kirchgemeinde.

Monique Rudolf von Rohr, Präsidentin Christkatholische Kirchgemeinde.

Patrick Lüthy

Daher wolle man die Zustände nicht länger tolerieren und ein gerichtliches Verbot auf dem ganzen Grundstück mit einer Hausordnung durchsetzen (wir berichteten): Künftig sollen laute Musik, Littering oder streunende Hunde auf dem Grundstück der Kirchgemeinde mit Bussen bis zu 2000 Franken geahndet werden.

Ein «Hotspot»

Auch für die Gruppe Sicherheit, Intervention und Prävention, kurz SIP, die seit Anfang Jahr in der Stadt Personen mit auffälligem Verhalten anspricht, ist die Szene rund um die Stadtkirche ein Hotspot, wo man sehr präsent sei und entsprechend störendes Verhalten wahrgenommen habe, wie deren Leiter Joël Bur sagt. Er erwähnte einschränkend, dass von den rund 30 Leuten ganz wenig auffällig seien. «Wir versuchen, mit einzelnen Personen in Beziehung zu treten, Hilfestellung für einen Entzug zu geben oder in Zusammenarbeit mit der Polizei nach Lösungen zu suchen.»

Joël Bur, Leiter Interventionsgruppe SIP.

Joël Bur, Leiter Interventionsgruppe SIP.

Patrick Lüthy

Doch ein Versprechen abgeben, dass die Situation nach den drei Jahren des Pilotprojekts in der Kirchgasse besser wäre, wollte er nicht.

Der Vertreter des Stadtrats, Sozialdirektor Raphael Schär-Sommer, war ebenfalls der Meinung, dass die SIP die Situation nicht alleine lösen kann. Daneben müsste auch etwas mit den alten WC-Anlagen, wo Drogen konsumiert würden, geschehen.

Stadtrat Raphael Schär-Sommer.

Stadtrat Raphael Schär-Sommer.

Patrick Lüthy

Zudem habe die Polizei die Präsenz erhöht, was beispielsweise im September zu drei Wegweisungen geführt habe. «Diese kamen auch in der Szene gut an.» Er unterstrich zudem, die Randständigen nicht für alles verantwortlich zu machen, etwa das zunehmende Littering. «Die Kirchgasse hat sich am Wochenende zu einer Ausgehmeile entwickelt.»

Diese Lösungen wurden (an)diskutiert

In der anschliessenden Diskussion, an der sich auch zwei Personen aus der Szene beteiligten, wurden mehrere mögliche Lösungen (an)diskutiert. Coop-City-Geschäftsführer Kern warb mehrmals für einen alternativen zentralen Ort etwa mit Containern und einem Witterungsschutz, wo sich die Randständigen «wohl und sicher fühlen.»

Kirchgemeindepräsidentin Monique Rudolf von Rohr wünschte sich eine noch stärkere Präsenz der SIP, die in ihren Augen bisher nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte. Auch grössere Abfalleimer in der Kirchgasse, um das Littering einzudämmen, oder mehr kostenlose Sitzgelegenheiten, um den Aufenthalt auch für Passanten attraktiver machen und so die soziale Kontrolle zu erhöhen, wurden genannt.

Auch aus dem Publikum gab es Wortmeldungen.

Auch aus dem Publikum gab es Wortmeldungen.

Patrick Lüthy

Aus dem Publikum gab es den Vorschlag, die Randständigen für gewisse einfache Aufgaben einzuspannen, damit diese so ihr Selbstbewusstsein stärkten: Sie könnten zum Beispiel dafür sorgen, dass in der Kirchgasse kein Abfall mehr herumliege. Auch die Idee, Randständige stärker in die Lösungsfindung einzubeziehen, etwa mithilfe einer Arbeitsgruppe, kam auf.

Einig war man sich, dass die Randständigen nicht einfach weggeschickt werden können. SIP-Leiter Joël Bur sagte: «Süchtige Menschen hat es immer gegeben und sie wollen auch ihren Platz in der Öffentlichkeit».

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