1. Mai in Solothurn
Das Establishment sitzt «am Schärme» – die Jugend marschiert im Regen

Während sich die traditionellen Gewerkschaften mit Ansprachen zum Tag der Arbeit auf dem Dornacherplatz begnügten, marschierten Splittergruppen mit mehrheitlich jungen Teilnehmenden durch die Stadt Solothurn. Die Kundgebung blieb aber laut Polizeiangaben friedlich.

Hans Peter Schläfli
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1. Mai 2021 in Solothurn: Versammlung für die Demonstration auf dem Amthausplatz.
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1. MaiI 2021 Solothurn
Die autonomen Gruppen ziehen durch die Stadt
1. MaiI 2021 Solothurn
1. MaiI 2021 Solothurn
1. MaiI 2021 Solothurn
Kundgebung auf dem Dornacherplatz
Rednerin Franziska Tschannen
Philipp Hadorn
Markus Baumann
Band auf dem Balkon
1. MaiI 2021 Solothurn

1. Mai 2021 in Solothurn: Versammlung für die Demonstration auf dem Amthausplatz.

Michel Lüthi/Bilderwerft.ch

Der Tag der Arbeit ist wie Weihnachten für Sozialisten. Statt glänzenden Kugeln holt man am 1. Mai einfach die alten Fahnen und Slogans aus dem Keller. Doch diesmal war es in Solothurn anders.

Während sich das Establishment der traditionellen Gewerkschaften auf dem Dornacherplatz traf, wollten weder «das schwarze Schaf» der Familie, in diesem Fall der schwarze Block der Antifa, noch der ausländische «Schwiegersohn», in diesem Fall die kurdischen Aktivisten, an der «Familienfeier »mitmachen.

Los ging es trotz Dauerregen auf dem Amthausplatz, wo sich geschätzt 300, mehrheitlich junge Personen aus einer Vielzahl wenig etablierter, gewerkschaftsähnlicher Organisationen trafen. In der Altstadt setzte sich kurz der schwarze Block der linksradikalen Antifa mit Spruchbändern wie «Genug eingesteckt, jetzt wird ausgeteilt» an die Spitze. Das grosse Aufgebot der Polizei begleitete dies diskret und musste nie eingreifen, wie Walter Lüdi, Kommandant der Stadtpolizei, auf Anfrage bestätigte.

Derweil sass die kleine Gruppe von rund 70 Personen der alten Garde der Gewerkschaften «am Schärme» unter dem Dach eines Festzeltes auf dem Dornacherplatz. Eingeladen hatte das Organisationskomitee mit Markus Baumann, dem Präsidenten des Solothurner Gewerkschaftsbundes, der den alternativen Umzug als «Täuppele» bezeichnete: «Wir wollten keinen Superspreader-Anlass riskieren, deshalb führen wir nur den Anlass auf dem Dornacherplatz durch.»

Feurige Reden der Frauen

Das Pflegewesen erlebe nicht erst seit der Pandemie einen Notstand, die Situation sei schon vorher mehr als prekär gewesen, sagte Pflegefachfrau Franziska Tschannen in ihrer Ansprache. «Der Applaus war schön und gut, aber seither warten wir vergeblich auf Verbesserungen unserer Arbeitsbedingungen», fuhr Tschannen fort, und sie forderte, dass das Gesundheitswesen von der Ökonomisierung befreit werde. Es brauche dringend mehr Personal und bessere Ausbildungsmöglichkeiten. «Die Gesundheitsversorgung ist eine wichtige staatliche Aufgabe. Die Politik muss jetzt handeln.»

Nationalrätin Franziska Roth zitierte eine wissenschaftliche Studie, die zum Ergebnis gekommen sei, dass fluchende Frauen intelligenter sind. «Lasst uns nicht nur von der Ungleichstellung reden, sondern lasst uns dabei fluchen. Es geht um Moral und um Gerechtigkeit», sagte Roth. «Gleichstellung ist ein Menschenrecht. Wir müssen unbequem und fordernd sein.» Es gebe immer noch zu viele Frauen, die nichts und damit das Falsche tun.

Die feurigen Reden der beiden Frauen hätten ein grösseres Publikum verdient gehabt. Doch während der alternative Umzug gut mobilisieren konnte, stecken die Solothurner Gewerkschaften in einer existenziellen Krise: Philipp Hadorn wurde 2019 aus dem Nationalrat abgewählt, Markus Baumann 2021 aus dem Kantonsrat und aus dem Gemeinderat Derendingen. Hatten die Schweizer Gewerkschaften 1976 noch über 900'000 Mitglieder, sind es jetzt weniger als 700'000.

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