Zwei Männer geniessen im Landhaus-Foyer in einer illustren Gruppe den Apéro und freuen sich auf den kommenden Film: «Eisenberger – Kunst muss schön sein, sagt der Frosch zur Fliege». Das alleine wäre eigentlich nicht der Rede wert. Wenn da nicht die weissen Stöcke wären, die Urs Lüscher und Thomas Biedermann verraten. Sie gehören zu den rund 325'000 Sehbehinderten und Blinden in der Schweiz. «Kennen Sie den? Gehen ein Blinder und ein Gehörloser zusammen ins Kino.»

Was wie der Beginn eines schlechten Witzes klingt, ist in Wahrheit die Einleitung eines Videos, mit dem das Bundesamt für Kultur die Apps «Greta» und «Starks» bekannt machen will. Mit «Greta» kann eine sehbehinderte Person über das Smartphon die Audiodeskription des Films hören, während «Starks» die Untertitel auf das Handy eines Gehörlosen zaubert. Beide Apps funktionieren auch bei einigen der Filme, die derzeit an den Solothurner Filmtagen gezeigt werden.

Zeit für einen Selbstversuch

Wie sieht ein Blinder den Dokumentarfilm über den Österreicher Christian Eisenberger, der als 40-Jähriger bereits 45'000 Kunstwerke produziert hat? Zeit für einen Selbstversuch. Die Suche mit dem Stichwort «Greta» im Appstore ist erfolgreich, die App ist rasch heruntergeladen, und die Freischaltung über Mail ist in wenigen Minuten erledigt. Greta liefert sofort die neusten Filmvorschläge: «Les Dames», «Chaos im Netz», «Immer und ewig» und bereits an vierter Position «Eisenberger». Der Download der Filmdatei dauert nur wenige Minuten und danach braucht es kein Internet mehr. Die App erkennt über das Mikrofon des Handys anhand des Tons die Szene, die sich gerade auf der Leinwand abspielt. Die passende Beschreibung ist über die Kopfhörer zu hören.

«Greta» flüstert ein, was auf der Leinwand passiert. Ein Segen für sehbehinderte Kinogänger.

«Greta» flüstert ein, was auf der Leinwand passiert. Ein Segen für sehbehinderte Kinogänger.

Augen zu und den Film geniessen. Aber das ist gar nicht so einfach. Immer wieder gewinnt die Neugier. Aus Mangel an Vorstellungskraft öffnen sich die Augen. Eine Option, die Thomas Biedermann nicht mehr offen steht, seit er fast vollständig erblindet ist. Trotzdem geniesst er den Film. «Es war wunderbar nachvollziehbar, was auf der Leinwand abläuft», fasst der Interessenvertreter des Schweizerischen Blindenverbandes am Ende seine Eindrücke zusammen. «Ich habe mir den Künstler und seine Werke anhand der Beschreibung und auch anhand der Reaktionen des Publikums sehr gut vorstellen können. Die Musik war ebenfalls sehr wichtig, um einen Eindruck zu bekommen. Besonders Eisenbergers humorvoller, sarkastischer Umgang mit der Szene der Galeristen hat mir gefallen.»

Da steckt viel Aufwand dahinter

Dieses Lob freut Urs Lüscher, denn er gehörte zum Dreierteam von «Hörfilm Schweiz», das die Audiodeskription zu «Eisenberger» produziert hatte. Der Aufwand sei gross gewesen: «Die erste Person beschreibt, was auf der Leinwand passiert, die zweite schreibt es auf. Die dritte, sehbehinderte Person entscheidet, welche Informationen für Blinde relevant sind.

Nur diese werden schliesslich durch einen professionellen Sprecher in die Audiodeskription aufgenommen.» Lüscher gibt ein einfaches Beispiel: «Die erste Person beschreibt einen plätschernden Bach. Einem Blinden die Geräusche zu beschreiben, ist natürlich völlig überflüssig. Deshalb braucht es unbedingt eine sehbehinderte Person im Team.»
Urs Lüscher bezeichnet das Projekt «Regards Neufs» in der Romandie als bahnbrechenden Vorläufer. «Wir versuchen nun, in der deutschsprachigen Schweiz mit Hörfilm Schweiz aufzuholen.» Die Produktion einer Hörfilmfassung kostet rund 10'000 Franken. Die Filmförderung des Bundesamts für Kultur knüpft an eine finanzielle Unterstützung die Verpflichtung, eine Audiodeskription zu produzieren. Heute muss ein Dokumentarfilm ab einer Unterstützung von 125'000 Franken und ein Spielfilm ab 325'000 Franken zwingend auch eine Tonspur für Sehbehinderte beinhalten.

Kein «Chüschele» mehr nötig

«Für den Film ‹Eisenberger› haben wir zwei Versionen hergestellt», erklärt Urs Lüscher weiter. Die Version fürs Fernsehen ist mit dem Ton des Filmes abgemischt. Im Kino ist das natürlich nicht möglich. Hier kommt Greta ins Spiel. Die sehbehinderte Person hört die Audiodeskription über den Kopfhörer und der Kinoton vermischt sich im Ohr damit.»

«Die technischen Entwicklungen der letzten Jahre sind phänomenal», sagt Thomas Biedermann. Dank der App Greta könne nun jede sehbehinderte Person spontan mit Freunden ins Kino gehen und die Audiodeskription sei in wenigen Minuten bereitgestellt. «Früher musste ich eine Begleitperson haben, die mir den Film beschreibt. Die anderen Kinogänger haben natürlich nicht verstanden, warum jemand ständig ‹chüschelet›. Heute ist das wunderbar. Niemand fühlt sich im Kino gestört.»