Finden Sie das kurios? Vermutlich nicht, denn dass es Solothurn mit der Elf ganz besonders hat, ist einfach so. Das Bier, das Foto-Studio, die Guggen-Musig: Wir integrierten «Öuf» derart inflationär in unseren Sprach- und Benennungsgebrauch, dass uns diese lokalpatriotische Kennzahl kaum mehr auffällt. Niemand denkt immerzu an die Bedeutung der Elf, an deren geschichtliche Herkunft oder «Heiligkeit», wenn er oder sie die Zahl irgendwo hört oder liest. Unsere Besonderheit ist eine Alltäglichkeit geworden.

Ein fremder Blick kann helfen, diesen Prozess zumindest für einen kurzen Moment umzukehren. Niemand Geringeres als die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt des Vereinigten Königreichs Grossbritannien und Nordirland, auch bekannt als «BBC», brachte uns diese Woche eine erkenntnisreiche Aussensicht. Auf dem Online-Portal des Nachrichtensenders erschien am Dienstag unter der Rubrik «Travel» ein gut zweiseitiger Bericht über Solothurn. Oder besser gesagt über unsere «Besessenheit» von der Zahl Elf. «This Swiss town is obsessed with number 11» lautet der Titel des Berichts, eine «rätselhafte Beziehung» sei das zwischen Zahl und Stadt heisst es weiter. Eine «Kuriosität», die auch die meisten Schweizerinnen und Schweizer ausserhalb von Solothurn nicht kennen würden.

Der Autor, ein schottischer Reise-Journalist mit Namen Mike MacEacheran, nimmt seine Leserschaft in seinem Bericht mit auf eine kleine Forschungsreise rund um die Elf. Sie beginnt bei der Solothurner Uhr an der UBS-Fassade (um 11 Uhr am Morgen) und endet in der Öufi-Brauerei beim Bier mit Moritz Künzle, wo ihm dieser von seinem bald 11-jährigen Whisky erzählt. Die St.-Ursen-Kathedrale und ihre «undenkbare» Ausreizung der Zahl Elf nimmt MacEacheran ganz besonders unter die Lupe. Er nennt Fakten, welche auch die Autorin noch nicht kannte – so wusste sie bisher nicht, dass einer der elf Altare in der St.-Ursen-Kathedrale aus elf verschiedenen Sorten Marmor gehauen wurde.

Als Quelle der im Artikel abgebildeten Fotos, etwa vom Landhaus im Abendlicht oder von vier Sorten Öufi-Bieren, gibt sich Mike MacEacheran selbst an – er muss unsere Stadt also tatsächlich besucht haben. Und sie muss ihm gefallen haben: Mit Worten wie «grossartig», «Brillanz» und «faszinierend» spart er nicht.

Als Verfasserin dieser Kolumne tut man sich hin und wieder schwer damit, vor der eigenen Haustüre zu kehren – weil man diese als eigentlich sauber empfindet. Mike MacEacherans Blick auf Solothurn macht uns wieder bewusst, was wir selbst nicht mehr wahrnehmen. Der «BBC»-Artikel erinnert daran, wie aussergewöhnlich unser Faible für die Elf ist. MacEacheran hat recht: Wir sind besessen von dieser Zahl, und es ist kurios.

Eine Recherche im Internet zu Artikeln über Solothurn, die nicht in einem Schweizer Medium erschienen, erwies sich jedoch als ernüchternd: Kein einziger lobender Artikel über unsere Stadt konnte ausfindig gemacht werden. Ein Artikel berichtet über die Goldgewinnung im Solothurner Krematorium, ein anderer über den millionenschweren Federklau eines Bauamt-Angestellten, weitere über Unfälle und Brände. Nein, das ist es nicht, was Solothurn ausmacht. Auch sind wir mehr als «Öuf»! Also doch wieder vor der eigenen Haustüre kehren. Und selbst darüber schreiben. Irgendwo findet sich ganz bestimmt noch ein Stäubchen.