Solothurner Filmtage
Der Regisseur, der erfolgreich auf zwei Hochzeiten tanzt

Zu seinen Werken gehören «Sternenberg» , «Giulias Verschwinden» oder «Bird’s Nest»: Christoph Schaub schafft es, populäre Spielfilme und Dokfilme zu realisieren.

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
In seinen Architekturfilmen sucht Christoph Schaub nach Utopien. Wie im Film über Brasilia.

In seinen Architekturfilmen sucht Christoph Schaub nach Utopien. Wie im Film über Brasilia.

Bevor wir am «Rencontre» in Solothurn den Filmen von Christoph Schaub (60) begegnen, treffen wir den Regisseur, um mit ihm auf 30 Jahre Arbeit als Regisseur zurückzublicken. Sein Werk ist ungewöhnlich breit: erfolgreiche Spielfilme wie «Sternenberg» (2004) und «Giulias Verschwinden» (2009), aber auch hochgelobte Architektur-Doks wie «Bird’s Nest» (2008) über das Olympiastadion von Herzog und de Meuron in Peking hat er gedreht. Das ist ungewöhnlich in der Schweiz, wo man entweder das eine oder das andere macht.

Christoph Schaub «Filme zu machen ist das eine, Filme zu zeigen das andere, ebenso Notwendige. Filme sollen das Publikum erreichen – nicht nur an Festivals.»

Christoph Schaub «Filme zu machen ist das eine, Filme zu zeigen das andere, ebenso Notwendige. Filme sollen das Publikum erreichen – nicht nur an Festivals.»

Emanuel Freudiger

Wir besuchen ihn in seinem Büro an der Dienerstrasse in Zürich. Ein halbes Stockwerk gehört dem Film: Regisseure und kleinere Produktionsfirmen haben hier ihr Domizil. «Ja, es ist ein Nest», bestätigt Schaub. Hier lasse sich gut arbeiten.

Wer an den Filmtagen Gast des «Rencontre» ist, hat das grosse Los gezogen. Sein filmisches Werk wird breit gezeigt. Für Schaub ist es «eine Ehre, ein Zeichen, dass man mein Filmschaffen ernst nimmt». Er erhofft sich Auseinandersetzung, sagt: «Ein Film ist nur lebendig, wenn er vor dem Publikum läuft.» Mit dem «Rencontre» bieten die Filmtage auch den jüngeren Cinéphilen Gelegenheit, Filme zu sehen, die so alt sind wie sie selber – oder gar älter.

Die Retrospektive zu programmieren heisst für einen Filmer auch, Rechenschaft abzulegen. Gibt es bei Christoph Schaub einen Film, bei dem er heute sagt, den hätte ich besser nicht gedreht? Er regiert ziemlich überrascht, lacht und wird dann ernst. «Jeder Film hat seinen Wert. Bei einem hat man gelitten und sich nachher gefreut, weil er gut aufgenommen wurde – bei manchen umgekehrt. Ich möchte die unterschiedlichen Erfahrungen nicht missen.»

Der Bewegte

Zum Filmer gemacht hat Christoph Schaub die 80er-Jahr-Bewegung in Zürich. Der damals 23-Jährige wollte lieber mit Bildern statt mit Steinen gegen Polizei und Establishment schmeissen. Warum eigentlich? Er lacht, das sei ja ein Zitat von ihm. «Film war für mich Berufung.» Schon an der Mittelschule habe er mit Super8-Filmen angefangen. «Zum Beruf geworden ist Filmen aber durch die Bewegung.» In «Schwimmdemo» oder «Keine Zeiten sich auszuruhen» von 1981 unterstützte und dokumentierte er sie. «Ich konnte sie in Bilder fassen und meine politische Haltung ausdrücken.»

Rencontre: Zwei Diskussionen

Architektur filmen:
Sa 27. 1. 16.45 Uhr, Kino Palace. Mit Christoph Schaub, Architekt Marcel Meili und Filmwissenschafter Johannes Binotto. Moderation: Rahel Marti, Hochparterre

In Aktion!:
So 28. 1. 17.30 Uhr, Kino Palace. Christoph Schaub und sein Co-Regisseur Thomas Krempke diskutieren über drei frühe Interventionsfilme und politischen Aktionismus. Moderation: Julia Zutavern (Filmwissenschaftlerin)

www.solothurnerfilmtage.ch/rencontre

Nicht ersichtlich aus Schaubs Biografie ist, warum er nach diesen dokumentarischen Experimenten auf das etablierte Format Spielfilm umsattelte. «1984/85 hat sich die politische Situation verändert, aber vor allem habe ich gemerkt: Ich will mehr, will eine eigene Autorenposition haben, will über all die Themen Filme machen, die mich beschäftigen.» Sein erster Spielfilm war «Wendel» über einen jungen Auswanderer. Schon 1989 feierte sein Dreierporträt «Dreissig Jahre» Premiere im Wettbewerb von Locarno, und sein Drama «Am Ende der Nacht» schaffte es 1992 an die «Quinzaine des Réalisateurs» in Cannes.

So hätte es weitergehen können. Doch Christoph Schaub verliess 1994 nicht nur die von ihm mitbegründete Produktionsfirma Dschoint Ventschr, sondern auch das Genre Spielfilm – und machte mit «Il Girasole» seinen ersten Architekturfilm. Vom politischen Aktivisten zum Darsteller der «schönen» Architektur? «Architektur ist politisch!», widerspricht Schaub, lehnt sich zurück und erzählt: «Ich war nach ‹Am Ende der Nacht› etwas desillusioniert. Der Film hatte gute Kritiken, ist in Cannes gezeigt worden, aber er hat kaum Zuschauer-Response gefunden. Mit den Dokfilmen habe ich mich quasi wieder regeneriert.»

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.
12 Bilder
Freitag, 26. Januar: A Long Way Home Von Luc Schaedler. 15.00 Uhr, Landhaus: Fünf chinesische Künstler erforschen die Erschütterungen der chinesischen Geschichte. Sie setzen sich für eine demokratische Gesellschaft ein und sind Teil einer mutigen Gegenkultur.
Samstag, 27. Januar: Das Leben vor dem Tod Von Gregor Frei. 15.00 Uhr, Landhaus: Zwei ältere Männer leben in einem ausgestorbenen Dorf im Tessin. Der eine will mit 70 «abtreten». Darf man einfach so sterben? Der Regisseur dokumentiert die aufwühlende Debatte.
Samstag, 27. Januar: Chris the Swiss Von Anja Kofmel. 21.15 Uhr, Landhaus: Kroatien, 1992: Während des Jugoslawienkrieges wird die Leiche des jungen Schweizer Journalisten Chris gefunden. 20 Jahre später begibt sich seine Cousine auf Spurensuche.
Sonntag, 28. Januar: Boomerang Von Nicole Borgeat. 17.15 Uhr, Reithalle: Theo, ein ehrgeiziger Politiker mit fremdenfeindlicher Gesinnung, ist im Wahlkampf. Doch eines Tages wacht er in der Haut seiner Putzfrau auf, einer muslimischen Asylsuchenden.
Sonntag, 28. Januar: Fell in Love with a Girl Von Kaleo La Belle. 20.00 Uhr, Konzertsaal: Eine Patchwork-Familie wandert in die USA aus. Ein wirklichkeitsnahes und intimes Porträt, das grundlegende Fragen zu heutigen Lebensformen aufwirft.
Montag, 29. Januar: Tranquillo Von Jonathan Jäggi. 18.00 Uhr, Reithalle: Ein Tinnitus zwingt den Mittzwanziger Peter, seinen egoistischen, urbanen Lebensstil zu überdenken. Das Zeitzeugnis einer Generation kam ohne öffentliche Filmförderung zustande.
Montag, 29. Januar: Mario Von Marcel Gisler. 20.45 Uhr, Reithalle: Mario steht am Anfang einer Fussball-Karriere. Da verliebt er sich in seinen Mitspieler Leon. Das bleibt anderen im Klub nicht verborgen, bald verbreiten sich erste Gerüchte.
Dienstag, 30. Januar: Vakuum Von Christine Repond. 14.45 Uhr, Reithalle: Inmitten der Vorbereitungen auf ihren 35. Hochzeitstag erfährt Meredith, dass sie HIV-positiv ist. Als Überträger kommt nur ihr Mann André infrage. Hält das ihre Ehe aus?
Dienstag, 30. Januar: Die Vierte Gewalt Von Dieter Fahrer. 17.45 Uhr, Reithalle: Durch das Internet ist die Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit des Journalismus in Gefahr. Der Regisseur taucht in den Alltag diverser Redaktionen ein und reflektiert kritisch.
Mittwoch, 31. Januar: Des moutons et des hommes Von Karim Sayad. 9.30 Uhr, Landhaus: Anstatt Tierarzt zu werden, kauft sich der 16-jährige Habib wie andere Männer in Algerien einen Schafbock für Kämpfe. Der soll ihm zu Ruhm und zu einem Einkommen verhelfen.
Mittwoch, 31. Januar: Cercando Camille Von Bindu de Stoppani. 20.45 Uhr, Reithalle: Die pflichtbewusste Camille geht mit ihrem an Alzheimer erkrankten Vater auf Reise. Sie muss lernen, ihn loszulassen und ihr eigenes Glück zu finden. Eine herzerwärmende Komödie.

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.

Schweiz am Wochenende

Der Politische

Interessant ist Schaubs Charakterisierung der beiden Genres: «In einem Spielfilm darf man den Menschen in die Seele schauen, man darf sie als Filmer gar mitgestalten. Im Leben aber sind die Menschen, wie sie sind. Architektur ist Ausdruck, wie Menschen wohnen wollen, ist die Materialisierung für ihre Wünsche, in einem gewissen Sinn, wie sie sich ‹räumlich› kleiden.» Ist das nicht etwas gar schön geredet? Bauen ist doch so sehr Business wie Kunst. «Klar ist die Ökonomie in der Architektur wichtig, aber ich habe mich ja nicht für Immobilieninvestoren interessiert, sondern für Architekten, die eine Vision, eine Sehnsucht für Menschen umsetzen.»

EL AMOR CIEGO – Spielfilm von Pablo Martín Torrado Zu Tangoklängen entspinnt sich eine Romanze inklusive Kinobesuch und Sonnenuntergang. Doch bleibt die Grossleinwand eigentümlich leer, sind die beiden Sonnen am Himmel eigentlich Strassenlaternen und schmachten die Verliebten isoliert in einer virtuellen Realität. Sehen wir hier die Zukunft? Unser Future Lab bietet Virtual und Augmented Reality für den Selbstversuch. Ich wette, dass es dabei zu ähnlichen Szenen kommt wie in Pablo Martín Torrados doppelbödiger Komödie, die im Nachtschwärmer-Programm «Nocturne» läuft.
10 Bilder
AYSHA KEVIN MICHELE – Dokumentarfilm von Florine Leoni Aysha, Kevin und Michele leben in einem Wohnheim auf dem Land. Ihr Leben dreht sich um Games, Musik von Justin Bieber und Sido, ums Rappen oder Reiten. Die Jugendlichen träumen von der Zukunft, geniessen die Aufmerksamkeit der Kamera, setzen sich in Szene, schöpfen Selbstvertrauen und filmen sich selbst. Aus alltäglichen Episoden zwischen Dokumentation und Fiktion wird ein berührendes Spiel mit dem Medium Film, aus vermeintlicher Belanglosigkeit wird Poesie.
REWIND FORWARD – Dokumentarfilm von Justin Stoneham Justin Stoneham reist in die Vergangenheit und spult mit VHS-Kassetten die eigene tragische Familiengeschichte zurück. Sein zutiefst persönlicher Film nimmt uns mit an südenglische Strände, erzählt von Velos und Rollstühlen, von Schicksalsschlägen und Brüchen, und er macht Hoffnung. Dazu erklingt die Musik von Heidi Happy. Die eigenwillige Handschrift von Justin Stoneham wurde am Filmfestival Locarno mit einem Pardino d’oro ausgezeichnet.
INTIMITY – Animationsfilm von Elodie Dermange Sie duscht, zieht sich an, schminkt sich und entblösst dabei ihre intimsten Gedanken. Durch den inneren Monolog einer Frau, die ihren Körper erst lieben lernt, als sich Kameras auf ihn richten, greift Elodie Dermange nicht nur das aktuelle Thema der Selbstdarstellung auf. Sie bedient sich in ihrem Erstling meisterhaft der Mittel der Animation, die dokumentarisch präzis enthüllt, was sonst verborgen bleibt. Kein Wunder, wird der Film an zahlreichen Dokfilmfestivals und bald in Sundance gezeigt!
FAST ALLES – Spielfilm von Lisa Gertsch «Ich muss pinkeln und habe Hunger.» So tönt es vom Rücksitz. Aber die Stimme gehört nicht einem quengelnden Kind, sondern einem gestandenen Mann. Paul leidet an Frühdemenz, und seine Frau Leandra erkennt ihn im Rückspiegel kaum wieder. Michael Neuenschwander und Oriana Schrage verkörpern das Paar, dem im Leben einmal fast alles möglich schien, mit sanfter Melancholie. Und die ebenso talentierte Regisseurin Lisa Gertsch zeigt mit «Ein Prinzessinnen-Film» im weiteren Programm, dass sie auch lustig kann.
FACING MECCA – Spielfilm von Jan-Eric Mack An Anfang und Ende stehen Kühlschränke. Jan-Eric Mack hätte für die frostige Atmosphäre der Schweizer Bürokratie kein besseres Bild finden können. Sie schlägt einem syrischen Asylsuchenden nach dem Krebstod seiner Frau mitleidlos entgegen. «Wenn das jede miech…» Doch ein Rentner stellt sich quer, ganz wie das muslimische Grab, das es zu bestellen gilt. Eine Parabel darüber, dass Menschlichkeit zuweilen heisst, aus der Reihe zu tanzen. Der Film wurde bei den Student Academy Awards unter 1600 Einsendungen mit der Silbermedaille ausgezeichnet.
LES INTRANQUILLES – Spielfilm von Magdalena Froger Wie fühlt es sich an, in den Krieg zu ziehen? In atmosphärisch dichten Bildern nähert sich Magdalena Froger einer Frage an, die viele ohne Antwort lässt. Sprachlos sind denn auch drei Soldaten, wenn sie eine verlassene Landschaft durchqueren oder sich in Trance tanzen. Sie driften scheinbar ziellos, abgestumpft und gleichwohl unruhig durch den Film. Aus dem Off ertönt «J’avais un camarade», das Lied der Fremdenlegion, und hallt lange nach.
SCHWIMMDEMO – Interventionsfilm von Christoph Schaub und Thomas Krempke Die handliche Bolex ermöglichte es Frauen ab den 1950er-Jahren, autonom Filme zu machen. Die Avantgarde-Perlen unseres historischen Programms erkunden den emanzipatorischen Effekt der Schweizer Kultkamera. Er wirkt von der amerikanischen Pionierin Maya Deren über die Queer-Cinema-Ikone Barbara Hammer, die mit «Dyketactics» die lesbische Liebe auskundschaftete, bis in die Schweizer Filmschulen nach. Ein aktives und experimentelles Kino, das nahe am Körper überblendet, doppelt belichtet, sinnlich und immer in Bewegung ist!
BOLEX – EINE SCHWEIZER KAMERA VON WELTFORMAT: WEIBLICHE EXPERIMENTE Die handliche Bolex ermöglichte es Frauen ab den 1950er-Jahren, autonom Filme zu machen. Die Avantgarde-Perlen unseres historischen Programms erkunden den emanzipatorischen Effekt der Schweizer Kultkamera. Er wirkt von der amerikanischen Pionierin Maya Deren über die Queer-Cinema-Ikone Barbara Hammer, die mit «Dyketactics» die lesbische Liebe auskundschaftete, bis in die Schweizer Filmschulen nach. Ein aktives und experimentelles Kino, das nahe am Körper überblendet, doppelt belichtet, sinnlich und immer in Bewegung ist!
CHEN CHEN – Dokumentarfilm von Franziska Schlienger Chen Chen wuchs in einem chinesischen Dorf mit zwei Geschwistern auf; vor den Kontrollen der Einkindpolitik versteckte er sich auf dem Feld. Nun hat er es nach Schanghai geschafft und will sich zeigen: Mode und Konsum bestimmen das Streben des androgynen jungen Mannes. Schweizer Dokumentarfilme blicken immer öfter nach China und offenbaren – wie in diesem faszinierenden Porträt – die Ambivalenzen einer sich rasant verändernden Gesellschaft zwischen Tradition und modernem Individualismus.

EL AMOR CIEGO – Spielfilm von Pablo Martín Torrado Zu Tangoklängen entspinnt sich eine Romanze inklusive Kinobesuch und Sonnenuntergang. Doch bleibt die Grossleinwand eigentümlich leer, sind die beiden Sonnen am Himmel eigentlich Strassenlaternen und schmachten die Verliebten isoliert in einer virtuellen Realität. Sehen wir hier die Zukunft? Unser Future Lab bietet Virtual und Augmented Reality für den Selbstversuch. Ich wette, dass es dabei zu ähnlichen Szenen kommt wie in Pablo Martín Torrados doppelbödiger Komödie, die im Nachtschwärmer-Programm «Nocturne» läuft.

zvg

In «Brasilia» spürte er der sozialen, städtebaulichen Utopie von Oskar Niemeyer nach, bei Peter Zumthor und Gion A. Caminada dem Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne im Kanton Graubünden. Bei «Bird’s Nest» – für Schaub eines der besten Bauwerke von Herzog und de Meuron – fokussiert er auf das Konzept, in einer fremden Kultur zu bauen.

Man spürt auch hier den politischen Filmer. «Ja, entscheidend ist die Haltung», gibt Schaub zu. «Linke können einen Film machen über Christoph Blocher oder über Andreas Glarner, aber sie dürfen dabei nicht der Faszination ihrer Figuren erliegen.» Und er? Ist er der Faszination der Architekten nicht erlegen? «Bauten erliegt man weniger, und man kann fragen: Erfüllen sie ihren künstlerischen, formalen Anspruch?»

In den Spielfilmen erzählt Schaub von Aussenseitern, von Menschen, die etwas anders sind: von einem geistig behinderten Knaben («Stöffitown» 2015), einem alleinerziehenden Vater («Dreissig Jahre», 1989) oder einem jungen Mann, der die weibliche Funktion eines Au-pair übernimmt («Jeune homme», 2006). Das gehört für Schaub zur Haltung: «Soll niemand sagen, nicht auch Spielfilme seien politisch, zumindest gesellschaftspolitisch.»

Der Erfolgreiche

Um die Jahrtausendgrenze hatten Zuschauer und Kritiker Christoph Schaub in zwei Schubladen versorgt, etikettiert mit «der engagierte Regisseur» und «der Architekturfilmer». Dann tauchte 2004 so plötzlich wie überraschend «der Erfolgsfilmer» auf. Mit «Sternenberg» gelang ihm ein Publikumsliebling. Dass der Film nach einem einfachen Muster gestrickt sei, will Schaub nicht gelten lassen. «In einem Film muss man komplizierte Dinge einfach erzählen.» Schaub erinnert sich: «Ich habe mir vorgestellt, ‹Sterneberg› läuft im grossen Zürcher Kino Corso 1 vor 800 Leuten. Die wollen unterhalten sein.» Das sei dank der populären Besetzung mit Mathias Gnädinger, Stephanie Glaser, Walo Lüönd und dank dem Drehbuch Micha Lewinskys gelungen. «Von der Struktur her ist der Film recht kompliziert. Es ist nicht klar, ist es eine Tragödie oder eine Komödie, soll man lachen oder weinen: das im Gleichgewicht zu halten, ist relativ schwierig.»

International erfolgreicher war «Giulias Verschwinden» (2009). Er habe das Drehbuch von Martin Suter in den Ferien gelesen. «Es war lustig, extrem gut geschrieben, vor allem die Dialoge. Martin Suter vom Besten.» Dass es vor allem in der Schweiz an guten Drehbüchern mangle, will Schaub nicht gelten lassen. «Auch in Amerika oder in Deutschland ist es äusserst schwierig, gute Drehbücher mit guten Dialogen zu finden.»

Der Engagierte

Das Bild über Christoph Schaub wäre unvollständig, würde man seine kulturpolitische Arbeit nicht erwähnen. Angefangen hat das im Videoladen und im AJZ-Kino der Bewegung. Später verzögerte er den Tod des Wollishofer Quartier-Kinos Morgenthal um Jahre, war Mitinitiant beim Riffraff und ist dort heute Verwaltungsrat. «Ich finde, Filme zu machen ist das eine, Filme zu zeigen das andere, ebenso Notwendige. Filme sollen das Publikum erreichen – nicht nur an Festivals.» Es gibt Jahr für Jahr mehr Filme («zu viele», findet Schaub), trotzdem verliert das Kino kontinuierlich Zuschauer. «Kinos, ob Mainstream oder Arthouse, müssen sich neu erfinden», meint Schaub, «aber ich bin sicher, dass es gelingen wird. Menschen wollen soziale Verbindlichkeit, und das finden sie im Kino.»

Was zulegt, sind Festivals, Streaming und Serien. Lust auf eine Serie hat Schaub trotzdem nur bedingt: «Die meisten Serien sind von mehreren Regisseuren gedreht, aber man sieht kaum einen Unterschied, weil zu viel vorgegeben ist.»

Aktuell arbeitet er an zwei Projekten: An der Fernsehkomödie «Amur senza fin» – auf Rätoromanisch. Da werde niemand in der Deutschschweiz an den Dialogen rummäkeln, meint Schaub augenzwinkernd. Als typisches Schaub’sches Kontrastprogramm entsteht dazu die Dok «Architektur der Unendlichkeit» über sakrale Bauten. Das Thema erstaunt bei Christoph Schaubs Biografie doch ziemlich. Der Regisseur lacht und sagt: «Mich auch. Weil ich noch immer Agnostiker bin.» Ihn interessiere aber, wie man von Räumen beeinflusst wird. «Es ist ein Essay, das zusammen mit Architekten und Künstlern den Fragen von Entrückung und Endlichkeit nachgeht.»

Aktuelle Nachrichten