Solothurner Literaturtage

Du auf Du mit den Autoren — beim «Literarisches Flanieren» kann man sich treiben lassen

Überraschend und intim: literarisch flanieren in den Abendstunden der Solothurner Literaturtage.

Instantdichten – was das wohl sein mag? Pünktlich um acht Uhr abends finden sich an den Solothurner Literaturtagen vier Literaten auf der Bühne im Uferbau an der Aare ein. Zunächst müssen die Vorgaben definiert werden. Brexit, Musical oder Urheberrecht, was soll das Thema sein? Das Publikum darf abstimmen. Und dann können die Leute im Saal ein Werkzeug, ein Hobby, eine berühmte Person vorschlagen: Urheberrecht also und eine Sodamaschine, Pingpong und Willy Brandt sollen in den Texten vorkommen. Nun verschwinden die Autoren eine Dreiviertelstunde in einen ruhigen Raum: Julia von Lucadou, Donat Blum, Rolf Hermann und Gerhard Meister. Um die Zeit zu überbrücken, veranstalten die beiden Moderatoren ein munteres Wettraten. Mit Literatur hat das nicht viel zu tun, also ziehen wir weiter.  

«Literarisches Flanieren» nennt sich das Programm, das an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen zum zweiten Mal in den Abendstunden stattfindet. Keine grossen Lesungen, sondern kleine, intime und auch experimentelle Formen, bei denen man sich treiben lassen und schnuppern kann, Du auf Du mit den Autoren.

Inspiriert von Düften: Tim Krohn fängt Bilder und Assoziationen in Worten ein.

Inspiriert von Düften: Tim Krohn fängt Bilder und Assoziationen in Worten ein.

Apropos schnuppern: Wir ziehen weiter zur Duftbar mit Tim Krohn. Durch den ehrwürdigen Treppenaufgang eines sorgfältig renovierten Patrizierhauses gelangen wir in den Rittersaal. Dort sitzt Krohn am Laptop, vor ihm drei Schreibmaschinen, an denen man sich selber versuchen kann. Im Raum gibt es zwei Duftschränke. Einer mit Rohdüften, der andere mit Kompositionen – ein Duftkünstler zum Beispiel hat sich die Gerüche von verschiedenen Stadtvierteln in Los Angeles beschreiben lassen und dann den Duft nachkomponiert. Und welche Geschichten erzählen nun uns diese Düfte, welche Bilder und Assoziationen wecken sie? «West Los Angeles», Krohns Lieblingsduft, ist blumig, frisch beschwingt, «Northwest of Downtown» dagegen riecht nach Asphalt, Teer und Terpentin. Man könne Verantwortung abgeben, wenn man diese Düfte beschreibe, sagt Tim Krohn, könne einfach den Bildern folgen. Er liest seinen Text zu «Candour» vor, den er soeben beendet hat. Ein Kosmos mit Pfirsichen, Gemüse und einer Amsel steigt im Kopf auf.

Derweil haben die vier Instantdichter ihre Texte fertig. Panikattacken und falscher Flow sind überwunden, kaum zu glauben, was die vier in der kurzen Zeit zustande gebracht haben. Rolf Hermann trägt in vollmundigem Walliserdeutsch eine Sage vor, die von lesbischer Liebe handelt, und Gerhard Meister verpackt in einer virtuosen Pirouette seine Schreibnöte in einen Text zu Schreibnöten.

Auf ein Glas Wein mit Milena Moser und Nell Zink.

   

Über die Aare gehts zur Hafenbar. Dort sitzt Milena Moser mit US-Autorin Nell Zink unter einem lauschigen Lindenbaum mit sechs Gästen am Tisch. Es wird viel gelacht und das Gespräch mäandert von Pumas und New Mexico zu Schreibanfängen abseits des Literaturbetriebs.

Die Zeit schreitet voran. Wir wollen uns noch zur Trobadora Beatriz setzen: Annette Hug hat Irmtraud Morgners Bestseller aus den 1970er-Jahren mit fünf Autorinnen gelesen und den Montageroman aus einer Vielzahl unterschiedlicher Genres in die Gegenwart weitergedacht. Wie steht es heute um brüderlich-schwesterliche Welten, wie um geistreiche Radikalität? Wieder darf das Publikum mitreden – etwa: Hat jemand Irmtraud Morgner erlebt? Ja, tatsächlich.

Natürlich, Lesungen und Podien gab es auch an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen, die 17 800 Eintritte (Vorjahr 18 000) und eine Zunahme beim «Literarischen Flanieren» verzeichnen konnten. Besonders schön beleben diese intimen Abendstunden den Geist von Solothurn.

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