Stadtbummel

Heiliger Bimbam – oder warum die Nachtruhe nicht für Glocken gilt

Der Zytgloggenturm läute auch in der Nacht.

Im «Stadtbummel» schreibt Redaktorin Maria Brehmer über das nächtliche Gebimmel der Solothurner Glocken. Sie lebt seit acht Jahren in der Altstadt – und hat sich noch immer nicht an die Viertelstundenschläge in der Nacht gewöhnt.

Sie waren Schmuck, hielten den Teufel fern und läuteten bei Hexenverbrennungen: 5000 Jahre alt ist die Geschichte der Glocken. Lange bestimmten sie den Rhythmus unseres Lebens – und gehören noch immer ein bisschen dazu: Welch kalte Sommer würde uns das nur bringen, würden wir einzig mit Rätschen an der Chesslete den Winter vertreiben?

Glocken sind ausdauernd

In Solothurn läuten die Glocken seit fast 500 Jahren auch ohne kultischen Hintergrund. Dank des astronomischen Uhrwerks der Zytglogge von 1545 wissen wir Tag für Tag, Stunde für Stunde und alle 15 Minuten, dass wieder eine Viertelstunde um ist. Auch nachts. Die Ausdauer, mit der der Jacquemart seine Glocke anschlägt, ist bemerkenswert. Ob der auch mal eine Pause braucht? Oder reicht es, ihn ab und an zu ölen? Fragen, die man sich stellt, wenn man nachts mal wieder wach im Bett liegt.

Eine Frage, die auch auftaucht: Brauchen wir überhaupt noch eine öffentliche Zeitdurchgabe? Christliches Stundengeläut hört man in der Solothurner Altstadt nie – weil die meisten Kirchen und Kapellen nicht mit dem entsprechenden Stundenschlagwerk ausgerüstet sind. Erst diese Woche forderte ein Biberister in einer Petition, auf das nächtliche Geläut in seiner Wohngemeinde zu verzichten. Um eines besseren Schlafes willen.

Tradition zieht nicht immer als Argument

Mittlerweile hat er die Petition wieder zurückgezogen: Zu heftig und emotionsgeladen waren die Reaktionen vor allem in den sozialen Medien – und sie zeigten eine klare Meinung: Glocken gehören zur Kultur, Punkt. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass wir heute viel pünktlichere Uhren an unseren Handgelenken und auf unseren Smartphones haben. Dass die Reaktionen bei einem solchen Antrag für Solothurn ähnlich ausfielen, davon ist auszugehen. Damit wir nachts in den Gassen nicht zu laut feiern, setzt die Stadt Patrouillen ein. Für Glocken scheint die Nachtruhe allerdings nicht zu gelten.

Tradition als Argument zieht nicht immer – Hexenverbrennungen nur so als Beispiel. Für ein einzigartiges Kulturgut wie das Zytglogge-Uhrwerk hingegen gilt, dass man es bewahrt. Und was ist mit neueren Uhren?

Auch das Uhrwerk des Bieltors läutet zur Viertelstunde, 24 Stunden am Tag – und hat erst gut 50 Jahre auf dem Buckel. Nachts die Glocken abzustellen, wäre zumindest technisch machbar, wie Stadtuhrmacher Martin von Büren erklärt. Aber vielleicht gilt in Solothurn auch in Sachen Glocken: «’S isch immer eso gsy». Oder zumindest seit 50 Jahren so.

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