Solothurn
Illustrationen zeigen, wie sich das Stadtbild in 2000 Jahren verändert hat

Ein neues Buch zum 2000-jährigen Jubiläum Solothurns stellt die Stadtgeschichte anschaulich und für alle zugänglich dar. Ein wichtiger Inhalt sind die Illustrationen zur Stadtentwicklung.

Judith Frei
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Die erste Siedlung ist vor 2000 Jahren rund und um die römische Brücke gebaut worden.
3 Bilder
Stadtgeschichte Solothurn
Der historische Kern ist noch sichtbar, doch viel Siedlungsgebiet befindet sich ausserhalb.

Die erste Siedlung ist vor 2000 Jahren rund und um die römische Brücke gebaut worden.

Monika Krucker/Rothus Medien

Gewiss ambitioniert, die 2000-jährige Geschichte Solothurns innerhalb von 96 Seiten darzustellen. Das Buch «2000 Jahre Solothurn, Menschen und Geschichten: Die Solothurner Stadtentwicklung von der Römerzeit bis heute» von Monika Krucker und Simone Desiderato wagt den Versuch.

Mittels Illustrationen, die Solothurn immer aus derselben Vogelperspektive zeigen, sieht man, wie sich das Stadtbild über die Jahre verändert. Die Illustratorin Simone Krucker zeigt auf diesen Stadtansichten keine Menschen. Nur eine Fähre im Wasser oder bebaute Felder lassen vermuten, dass an diesem Ort tatsächlich Menschen lebten.

Einblicke in den Alltag von dazumal

Um dieser Menschenleere entgegenzuwirken, wird auf jeder zweiten Doppelseite ein Augenblick im Alltag einer fiktiven Person dargestellt. Diese Augenblicke stellen die Lebensrealität der Bevölkerung dar, und zwar nicht derjenigen, die dann Eingang in die Geschichtsbücher gefunden haben.

So bekommt man einen Einblick in das Leben einer Sklavin, Fährmanstochter oder eines Tuchhändlers und vielen mehr. Mit Hilfe des Begleittextes werden die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen der Stadt nachvollziehbar.

Das Werden einer Stadt funktioniert nicht wie ein Uhrwerk

Es werden insgesamt 13 Stadtansichten in unregelmässigen Zeitabständen gezeigt. Die Autorinnen werden dadurch der Tatsache gerecht, dass das Werden einer Stadt nicht wie ein Uhrwerk funktioniert. In manchen Epochen scheint die Zeit beinahe stehen zu bleiben, in manchen überschlagen sich die Ereignisse.

Es wird auch auf einen Blick ersichtlich, dass die Stadt nicht linear gewachsen ist und die Lebensqualität stets grösser wurde. So verschwindet die antike Brücke nach dem Zerfall des Römischen Reiches für einige Jahrhunderte und wird erst wieder im Mittelalter aufgebaut.

Frühe aber bescheidene Anfänge an der Aare

Im ersten Jahrhundert nach Christus wurde an einer engen Stelle über die Aare eine Brücke erbaut (siehe Abb. 1). Sie befand sich etwa 60 Meter westlich der Wengibrücke und war Teil einer europäischen Handels- und Truppenroute.

So konnten Güter und Truppen schnell von Italien über den Sankt Bernhard via Avenches nach Augusta Raurica oder Vindonissa gelangen. Von diesen Orten aus ging die Reise auf dem Rhein Richtung Norden weiter. Wegen dieser Brücke liessen sich Menschen in diesem Gebiet nieder und bald wurde dieser Flecken Erde «Saldourum» – Flussenge – genannt.

Wer hat Vorrecht in der Stadt im Mittelalter?

Im 13. Jahrhundert wurde die Stadtmauer vergrössert (siehe Abb. 2). Der Begleittext erklärt, dass das Bauwerk nicht nur zur Verteidigung der Marktstadt errichtet wurde: Das Bürgertum erbaute die Fortifikation auch als Machtdemonstration gegenüber dem St.–Ursen–Stift. Diese zwei Parteien kämpften schon lange um das Vorrecht in der Stadt und eine Mauer um das ganze Stadtgebiet – auch um die St.–Ursen–Kathedrale – kam einem Besitzanspruch gleich.

Das erstarkte Bürgertum kaufte während dieser Epoche immer mehr Privilegien beim König und so erlangte die Stadt immer mehr Rechte und Freiheiten. Städtebaulich sind jetzt beinahe alle Gebäude aus Stein. 1337 wurde gar ein Gesetz erlassen, das das Bauen von Holzhäusern untersagte, denn ein Brand hätte wegen der dicht beieinanderstehenden Gebäude katastrophale Konsequenzen.

Die mittelalterlichen Umrisse der Stadt sind noch heute erkennbar (siehe Abb. 3), doch sonst ist die Stadt kaum erkennbar: Sie ist weit über die Stadtmauern hinausgewachsen, es gibt zwei Bahnhöfe und mehrere Brücken – die grösste Dichte von Brücken für den nichtmotorisierten Verkehr in der Schweiz kann man dem Begleittext entnehmen.

Grosse Ereignisse wirken sich auf die Lebensrealität aus

Das Buch zeigt nicht nur, wie sich das Stadtbild, sondern auch, wie sich die Solothurner Gesellschaft verändert hat. Es wird klar, dass die heutige Gesellschaft nicht mit derjenigen derselben mittelalterlichen Stadt verglichen werden kann. Auch die damaligen Herrschafts- und Machtverhältnisse sind kaum nachvollziehbar, denn für uns ist es selbstverständlich, dass Solothurn Teil der föderalen Schweiz ist.

Die Ausschnitte aus dem Leben der gemeinen Solothurner Bevölkerung helfen dem Leser, diese Entwicklung besser zu verstehen. Die kleinen Geschichten zeigen deutlich, wie historische Umstände die Lebensrealität formen.

Ein kreativer Ansatz die Stadtgeschichte darzustellen

Dieses Buch ist nicht das erste Buch über die Geschichte der Stadt. Es hebt sich aber dank der Illustrationen von den anderen ab. Die erstaunliche und ansprechende Machart verleitet dazu, in den Abbildungen sein Wohnhaus oder sein Lieblingsrestaurant zu suchen. Der Begleittext zu den Stadtabbildungen ergänzt das Bild und so versteht man schnell, wie die Stadt zur heutigen Form kam.

Wegen des überschaubaren Umfangs des Buches musste sich die Historikerin Simone Desiderato auf die grossen Entwicklungen beschränken. Die verständlichen Texte deuten gewisse Ereignisse an und regen den geschichtsaffinen Lesenden dazu an, sich in Themen zu vertiefen. Gleichzeitig ist die Geschichte durch die klare Sprache auch für Laien zugänglich.

Wie soll Solothurn in Zukunft aussehen?

Die Historikerin bettet die Ereignisse auf lokaler Ebene immer in den grösseren historischen Kontext ein. Es wird der Tatsache Rechnung getragen, dass grosse Ereignisse oft Auswirkungen auf der lokalen Ebenen haben. Eine globale Wirtschaftskrise wirkt sich beispielsweise direkt auf das Solothurner Gewerbe aus. Dabei geht jedoch vergessen, dass auch Menschen den Lauf der Geschichte verändern und prägen. So findet man nur spärlich gestreut Hinweise, welche Personen und Familien im Lauf der Zeit Solothurn regierten und gestalteten.

Dieses Buch hätte eigentlich gar nicht realisiert werden sollen (wir berichteten). Doch das Resultat zeigt, dass sich die Stadt gut daran getan hat, das Projekt zu unterstützen. Der Stadtpräsident, Kurt Fluri, schreibt im Vorwort zu diesem Buch, dass es nicht nur darum gehe, die Vergangenheit abzubilden und zu verstehen, sondern es gehe auch um die Zukunft. Wie soll das Stadtbild in Zukunft gestaltet werden? Bei dieser Frage «ist es sicher nicht schlecht, wenn wir uns dabei ins Bewusstsein rufen, dass die Qualität unserer heutigen Entscheide von künftigen Generationen beurteilt werden wird, wenn diese dereinst auf unsere Epoche zurückblicken».

Hinweis: 2000 Jahre Solothurn, Menschen und Geschichten: Die Solothurner Stadtentwicklung von der Römerzeit bis heute, Krucker Monika, Desiderato Simone, Rothus-Verlag, 49.90 Franken, ISBN: 978-3-03865-040-9.

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