Alte Geschichten und Bräuche
Raunächte: Die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren, in der Tiere (angeblich) sprechen können

In den Raunächten vom 21. Dezember bis zum 6. Januar ereignen sich unerklärliche Phänomene. Viele alte Geschichten und Bräuche zeigen dies. Auch die Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger hat sich mit diesen Geschichten auseinandergesetzt, die einmal am Passwang stattgefunden haben sollen.

Fränzi Zwahlen-Saner Jetzt kommentieren
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Nebelfall im Abendrot über dem Passwang. Dort soll sich einst, in einer der Raunächte, eine geheimnisvolle Geschichte ereignet haben.

Nebelfall im Abendrot über dem Passwang. Dort soll sich einst, in einer der Raunächte, eine geheimnisvolle Geschichte ereignet haben.

Monika Eggenschwiler

«In den Raunächten können die Tiere sprechen.» Diese Behauptung kann man in alten Geschichten und Legenden nachlesen. Doch es droht Unheil damit, denn wer die Tiere beim Sprechen belauscht, der stirbt im kommenden Jahr.

Nicht nur sprechende Tiere, auch andere geheimnisvolle Dinge sollen in den Nächten zwischen dem 21. Dezember, der längsten Nacht, oder je nach Gegend vom 24. Dezember an bis zum 6. Januar geschehen. Denn das sind die sogenannten Raunächte: Nächte, bei denen gemäss Volksglaube die Naturgesetze ausser Kraft gesetzt sind. Der Name stammt vom Wort «rau» oder «ruuch» und bedeutet behaart oder eben ruuch, wie wir das in Mundart noch kennen.

Die Namensgebung stammt auch vom Brauch des Beräucherns des Stalls mit Weihrauch. Dies scheint aber eine Herleitung nach der Christianisierung zu sein, auch wenn man mit der Beräucherung das Böse, den Teufel und Gespenster, davon abhalten wollte, über die Ställe Unglück zu bringen oder die Tiere zu «verhexen».

Spuren bis in unsere Zeit

Im Grunde sind die Raunächte aber keltisch-germanischen Ursprungs. In diesen Nächten waren in diesem Kulturkreis die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten aufgehoben. Geisteraustreibungen und -beschwörungen wurden durchgeführt und die Zukunft liess sich in diesen Nächten voraussagen. Das heute noch praktizierte Bleigiessen zu Silvester oder auch die vielen Horoskope, die zum Jahresende zu lesen sind, haben hier ihren Ursprung.

Um die Geister in diesen Nächten freundlich zu stimmen, galt es früher, einige Regeln einzuhalten. So musste im Haus Ordnung gemacht werden. Es durfte keine weisse Wäsche an Leinen aufgehängt werden, nicht einmal Wäscheleinen sollten gespannt sein, damit sich die Geister nicht darin verfingen. Es durften keine Kartenspiele durchgeführt werden und Kinder, die an den Samstagen in dieser Zeitspanne geboren wurden, wurden hellseherische Fähigkeiten zugesprochen.

Vom Mond- zum Sonnenjahr

Es wird vermutet, dass diese Bräuche ihren Ursprung in der Umstellung des Kalenderjahres vom Mond zum Sonnenjahr haben. Während das Mondjahr nur 354 Tage zählt, werden im Sonnenjahr, wie wir das heute kennen, 365 Tage gezählt. Somit finden elf Tage oder zwölf Nächte ausserhalb der Zeit, oder anders ausgedrückt, «zwischen den Jahren» statt.

Elisabeth Pfluger.

Elisabeth Pfluger.

Bruno Kissling

Die Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger hat in ihrem 1986 erschienenen Buch «Solothurner Geistersagen» eine unheimliche Geschichte, die sich während der Raunacht-Zeit abspielt, aufgeschrieben.

Vor vielen Jahren sassen einmal an einem Heiligabend ein paar Männer beim Jassen im Hof Schiltloch am Passwang. Einem der Männer schien es aber nicht ganz geheuer, sich in dieser Heiligen Nacht dem Kartenspiel hinzugeben. Er mahnte seine Kollegen:

«Ich höre das Läuten in der Kirche Ramiswil. Wir wollen doch aufhören mit dem Spiel.»

«Nüt isch», meinten aber seine Jass-Freunde.

«Jetzt wird weitergejasst, Heiliger Abend hin oder her. Du willst doch kein Frömmler oder Spielverderber sein.»

Ihr Kollege liess sich überreden und die vier jassten weiter.

Nach einer gewissen Zeit ging plötzlich die Türe auf und ein unbekannter Mann kam herein und setzte sich zur Jassrunde dazu. Die Jasser waren aber so in ihr Spiel vertieft, dass sie zunächst keine Notiz vom Unbekannten nahmen. Da konnte der eine, der zunächst aufhören wollte, Hundert weisen und beim gleichen Spiel weisen auch alle drei anderen gleichzeitig Hundert. «Vom Chrüzass», sagt sodann der Erste. «Erzähl keinen Mist», meint sein Gegenüber. «Vom Kreuzass habe ich Hundert.»

«Was?», sagen die beiden andern gleichzeitig und zeigten ihre Karten. Auch sie hatten Hundert vom Kreuzass. Vor Schreck fallen dem Ersten seine Karten auf den Boden und als er sie aufheben will, bemerkt er endlich den Fremden am Tisch und sieht, dass er Geissfüsse hat.

«Jössis Gott», ruft er laut aus, und auch seinen Kollegen fallen vor lauter Schreck die Karten aus den Händen. Im gleichen Augenblick war der Fremde dann aber plötzlich verschwunden. Die vier Männer sassen vor lauter Schreck noch eine Weile wie angewurzelt da, bis sie sich wieder erholten. Und von diesem Moment an spielte keiner von ihnen mehr Karten in der Heiligen Nacht.

Quelle: Elisabeth Pfluger «Solothurner Geistersagen». Aare-Verlag, Solothurn.

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