Welschenrohr

Mehr als ein schlechter Scherz: Der skurrile Brief eines Stammgasts

«Kaffee und Gipfeli»: Katharina Koechling brachte die Bäckerei zurück nach Welschenrohr.

«Kaffee und Gipfeli»: Katharina Koechling brachte die Bäckerei zurück nach Welschenrohr.

Vor einem Jahr erhielt das kantonale Amt für Wirtschaft einen Brief vom Welschenrohrer Gemeinderat Thomas Mägli. Darin beanstandet der Alt-FDP-Kantonsrat vermeintlich, die Dorf-Bäckerei erfülle die Auflagen nicht. Nur: Mägli sagt, er habe diesen Brief nie geschrieben.

Es gab jene Zeit, da zählte Welschenrohr drei Bäckereien und zwei Metzgereien. Heute sind die Metzgereien verschwunden. Eine Bäckerei kehrte vor zwei Jahren zurück ins Dorf. Vis-à-vis bewirtet der Tearoom Café Colette seit fünf Jahren schon seine Gäste. Die beiden Betriebe brachten nach ruhigen Jahren Leben ins Dorfzentrum Welschenrohrs zurück. Beide Geschäfte haben Patisserie in ihren Vitrinen und auch die Bäckerei bewirtet Gäste mit Getränken an einer Handvoll Tischen. Eine Konkurrenzsituation, wie sie im Gastgewerbe alltäglich ist. Aber diese soll in Welschenrohr für Unstimmigkeiten gesorgt haben, wie verschiedentlich zu hören ist. Gemeinderat Thomas Mägli schrieb neulich in einem Leserbrief dieser Zeitung: «In den letzten Monaten und Wochen hat sich eine Gruppe gebildet, die mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln versucht, der Betreiberin der Bäckerei Steine in den Weg zu legen.»

Die falsche Hausnummer im Absender

Thomas Mägli hat die dorfinternen Spannungen unmittelbar erfahren. Ein Jahr ist es her, da erhielt der Alt-Kantonsrat einen eingeschriebenen Brief vom kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Darin bestätigte das kantonale Amt den Erhalt eines Briefes, den Thomas Mägli am 30. Juli nach Solothurn geschickt haben soll. Am 8. August 2018 antwortete Mägli dem Kanton: «Ich muss Ihnen mitteilen, dass ich kein solches Schreiben gemacht habe.» Der Welschenrohrer weiter: «Entweder hat ein ‹Namensvetter› von mir an Sie geschrieben oder jemand versucht, mich in eine unsaubere Sache zu verwickeln.» Mägli fordert das Amt für Wirtschaft im gleichen Brief dazu auf, ihm eine Kopie des vermeintlich von ihm gesandten Briefes zuzustellen. Wenig später erhielt Mägli jenen Brief, den er an den Kanton adressiert haben soll. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor, und es ist mit einem Stempel vom «Arbeitsinspektorat und Gewerbe» versehen. «Seit langer Zeit bin ich stolzer und engagierter Gemeinderat der Gemeinde Welschenrohr», beginnt das Schreiben. Danach schildert der Verfasser des Briefs, dass Katharina Köchlin die besagte Bäckerei führe und ihre Gäste seit diesem Frühjahr an 4 bis 5 Tischen bewirte. Weiter steht im Schreiben: «Ich zweifle die Bewilligung für Getränkeausschank an [...]». Es folgt eine Auflistung von Gründen, in welchen beanstandet wird, dass die Bäckerei die Auflagen nicht erfülle. Der Brief, den das Amt für Wirtschaft erhielt, ist in geschwungener Computerschrift mit T. Mägli signiert. Und: Im Absender stimmt die Hausnummer des Gemeinderates nicht.

War es bloss ein schlechter Scherz? Für Thomas Mägli ist es mehr. «Für mich ist der Fall noch nicht erledigt», sagt er. Er wolle herausfinden, «wer in meinem Namen einen solchen Mist in die Welt rauslässt». Das mutmasslich gefälschte Schreiben erscheint umso rätselhafter, als Thomas Mägli zu den Stammgästen der Bäckerei Katharina zählt. Der Gemeinderat, beruflich im Ruhestand, verbringt in den letzten Jahren als Gast viel Zeit im Dorfzentrum. Zunächst war er Stammgast im Tearoom, wie er erzählt, trank bis zu drei Kaffees im Café Colette. Er sei es gewesen, der die heutige Wirtin des Cafés damals anfragte, ob sie das Lokal in der gemeindeeigenen Liegenschaft Thalhof nicht übernehmen wolle, berichtet Mägli. Vor ungefähr vier Jahren jedoch sei gegen ihn im Tearoom ein Hausverbot ausgesprochen worden. «Nach einem Jahr sagte die Wirtin, ich solle wieder kommen», erzählt Mägli. Wenig später sei ihm das Hausverbot wieder auferlegt worden. Das erste Mal erhielt er das Verbot schriftlich: «Ich hätte Gäste beleidigt, hiess es», so Mägli. Weshalb er erneut ein Hausverbot habe, wisse er bis heute nicht. So kam es, dass Mägli heute seinen Kaffee beinahe täglich vis-à-vis in der Bäckerei konsumiert.

Unwillentlich geriet Mägli in einen Strudel. Der ihm zugeschriebene Brief lässt ihn nicht mehr los. «Das ist Verleumdung», sagt er. «Ich suche keinen Krach.» Auf seinen Leserbrief habe er positive Reaktionen erhalten. «Ich will nicht, dass der Tearoom Schaden nimmt, will aber auch nicht, dass die Bäckerei wegzieht», sagt der Gemeinderat weiter.

«Nicht alle Absender auf Echtheit überprüfen»

Für das Amt für Wirtschaft ist der Fall um den skurrilen Brief abgeschlossen. «Wir können nicht beweisen, ob und wer den möglicherweise gefälschten Brief geschrieben haben könnte», sagt Amtsleiter Jonas Motschi. Daher müsse Thomas Mägli eigenhändig rechtliche Schritte vornehmen, wenn er dies wolle. Nachdem Mägli dem kantonalen Amt mitgeteilt hatte, nie einen solchen Brief verfasst zu haben, hätten sie das Schreiben ad acta gelegt, sagt Motschi. Es sei das erste Mal, dass er mit einem solchen Fall konfrontiert worden sei. «Es ist nicht schön, wenn jemand im Namen einer anderen Person einen Brief schreibt, aber wir können nicht alle Absender auf ihre Echtheit überprüfen», sagt Motschi. «Allfällige Routinekontrollen wurden zudem unabhängig davon vorgenommen.»

Bäckerin will sich nicht mit Neid-Attacken abgeben

Katharina Koechlin ist die Betreiberin der Bäckerei, die nach ihrem Vornamen benannt ist. Auf Anfrage sagt sie zu den Anschuldigungen, die im mutmasslich gefälschten Brief geäussert werden: «Ich bin nicht nach Welschenrohr gekommen um mich mit unschönen Kindergartenspielen und Neid-Attacken herumschlagen zu müssen.» Auf die Anschuldigungen selbst will sie nicht vertieft eingehen.

Koechlin ist seit 33 Jahren in der Branche tätig und betreibt seit 16 Jahren ihren eigenen Betrieb. Erst war sie im aargauischen Bottenwil tätig, später in Mümliswil-Ramiswil. «Ich bin gekommen, um auch hier mit guter Qualität, Kundenfreundlichkeit und langen Öffnungszeiten zu überzeugen», sagt sie zu den anonymen Vorwürfen. Sie erzählt, dass sie heute doppelt so viele Kunden wie noch vor zwei Jahren habe, als sie die Bäckerei eröffnete. «Am letzten Samstag hatte ich insgesamt 120 Kunden», berichtet Koechlin stolz. Doch die negative Stimmung ihrem Betrieb gegenüber geht nicht spurlos an der Unternehmerin vorbei. «Hätte ich nicht bereits eine treue Stammkundschaft und tolle Bäckerkollegen, so hätte ich wohl schon längst aufgegeben», sagt sie. «Denn das Ganze braucht viel Kraft.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1