Sagenhaftes Gäu
Die Sage vom Bauer und dem Teufel – oder weshalb die Gäuer bis heute lange Schritte machen

Die Sage über den Grund, weshalb die Gäuer bis heute lange Schritte machen, ist von der Volkskundlerin Elisabeth Pfluger aufgeschrieben worden. Die Geschichte handelt von einem Geschwindigkeitslauf zwischen einem Gäuer Bauern und dem Teufel.

Lavinia Scioli
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Elisabeth Pfluger (1919-2018) signierte 2009 ihr Buch «He nu so de» bei Bücher Lüthy in Solothurn.

Elisabeth Pfluger (1919-2018) signierte 2009 ihr Buch «He nu so de» bei Bücher Lüthy in Solothurn.

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Die drei Worte «eis, zweu, drüü!» reichten, um eine ganz bestimmte Gangart im Gäu zu verbreiten. Obwohl ein bestimmter Pakt zwischen Teufel und Bauer lange her sein muss, hat er die Gäuer verändert und bis heute geprägt. Volkskundlerin Elisabeth Pfluger (1919–2018) erklärt in ihrem Buch «He nu so de» die Geschichte «Di länge Schritt vo de Gäuer». Man kennt das Gäu und seine acht Gemeinden. Doch wie zeichnen sich die Gäuer aus? «Di urchige Gäuer si grossi, käferigi Lüüt mid breiten Achsle. Mid länge Schritte chöme si gsatzlig derhär», schreibt Elisabeth Pfluger in «He nu so de». Die Autorin selber ist in Härkingen geboren.

Es gibt einen bestimmten Grund, weshalb sich die Gäuer mit solch langen Schritten vorwärts bringen, hat sie herausgefunden: der Seelenfang des Teufels durch das Gäu. Die Geschichte besagt, dass der Teufel auf seinem Seelenfang einem Bauern begegnete. Es folgte ein kleiner Wortwechsel, und schliesslich führte eins zum anderen: Die beiden liessen sich auf einen Wettlauf ein. Wenn der Bauer gewinnen sollte, erhält er vom Teufel «e Sack voll Guldstückli». Gewinnt aber der Teufel, so darf er dem Bauern seine Seele rauben. Aber der Bauer liess sich nicht so einfach auf den Pakt ein. Er stellte dem Teufel eine Bedingung: er entscheide, wo der Wettlauf stattfinden sollte. «Uf daas hed de Hörnlimaa ygschlage», schreibt Pfluger.

Man war sich also einig. Wo genau sich dieser Wettlauf im Gäu ereignete, erwähnt die Autorin nicht. Der Bauer führte den Teufel auf einen frisch gefahrenen Roggenacker, auf dem die «bruune Härdmutte» in der Sonne strahlten. Auf Drei laufen beide auf und davon. Der Bauer wird sich wohl mit der Standortwahl etwas überlegt haben, denn er rannte wie mit «Rysestifle» über die Ackerfuhren. Er wusste genau, dass er nur mit langen Schritten gewinnen kann. Dieses Wissen will sich der Bauer zunutze machen.

Der Wettlauf um die Seele des Bauern war knapp

Der Teufel liess sich dennoch nicht entmutigen: «Uf sine dünne Chnebelibeine isch er näbenine zäberled wie s Bysewätter. Uf ei Chlofterschritt vom Gäuer hed er eisder sibemol müese stöferle. Derzue heds ne ersch no allpott überstöckled», heisst es. Genau das war der Plan des Bauern. Mit seinem Wissen, dass man eben lange Schritte machen muss, holte er sich gekonnt einen Vorteil. Trotzdem: Der Wettlauf war knapp – und nur weil es den Teufel kurz vor dem Ziel nochmals «gottströflig» auf die Nase schlug, gewann der Bauer. «Däwäg hed er um nes Hoorbreit putzt», fasst Elisabeth Pfluger zusammen.

Aber wieso machen die Gäuer noch heute solch lange Schritte? Der Schrecken muss sehr tief gewesen sein. So tief, dass «d Gäuer no hüt eisder Schritt nähme, wie wenn si midem Teufel müesste um ihri Seel laufe».

Quelle: Elisabeth Pfluger, «Di länge Schritt vo de Gäuer». In: He nu so de. Verlag Textwerkstatt, Olten.

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