Der Berner Oberländer Matthias Gilgien lebt seit zehn Jahren in Norwegen. Zuerst temporär, seit 2014 ist er mit seiner norwegischen Frau und den zwei kleinen Kindern in der Hauptstadt sesshaft geworden. Gilgien war als Orientierungsläufer an zwei Weltmeisterschaften, betreute später das Schweizer und das norwegische Nationalteam.

Heute arbeitet er als Sportwissenschaftler an der Sporthochschule in Oslo und für den norwegischen Skiverband im Bereich der Leistungsanalyse. Seine Frau ist Teamärztin im Skiverband. Gilgien kennt das Schweizer und das norwegische Sportsystem bestens. Der 42-Jährige erklärt, was die Norweger stark macht. Er legt Wert darauf, dass es persönliche Beobachtungen und keine wissenschaftlichen Beweise für den Erfolg sind:

Vier Stunden weniger bei der Arbeit 

«Ich versuche, den Weg zum möglichen Olympiasieg systematisch aufzuzeigen. Beginnen wir im Kindesalter. Es fällt auf, dass sich die norwegischen Mädchen und Buben mehr draussen in der Natur aufhalten als gleichaltrige Schweizer. Der Stellenwert von sportlichen Familienaktivitäten ist hoch. Der Fokus darauf wird noch verstärkt, weil die Norweger im Schnitt vier Stunden pro Woche weniger arbeiten als die Schweizer. Im Winter gehen viele Eltern mit ihren Kindern regelmässig langlaufen. Das gehört einfach zur norwegischen Kultur. Schon Siebenjährige sind mehrere Stunden auf Ski unterwegs. Ein grosser Teil der Bevölkerung hat im Winter regelmässigen Zugang zu Schnee.

In der Schule gibt es neben dem normalen Sportunterricht eine sogenannte Schulfreizeitordnung. Täglich werden zwei Stunden freiwilliges Sporttraining angeboten, das sehr breit gefächert ist. Es kommt oft vor, dass Jugendliche nach der Schule zuerst eine Sportart in diesem Rahmen ausüben und danach in einem Verein nochmals zwei Stunden eine andere. Eine wichtige Herangehensweise zum Sport als Kombination von Leistung und Spass ist die Tatsache, dass es im Jugendsport bis 13 Jahre keine Ranglisten gibt. Das reflektiert die Idee, dass die Jugendlichen die richtige Art der Motivation finden, langfristig Freude an ihrem Tun haben und nicht aufhören, wenn sie später einmal nicht mehr immer gewinnen.

«Wintersport hat einen grossen kulturellen Wert»

Für Jugendliche ab 16 Jahren gibt es in Norwegen bedeutend mehr Sportgymnasien als in der Schweiz. Jedes Gymnasium hat sein spezielles Profil. Und ich habe den Eindruck, dass man grosszügiger Jugendliche aufnimmt, nicht nur auf das reine Talent, sondern auch stark auf das soziale Umfeld Wert legt.

Beim Sprung in ein nationales Kader gibt es einen elementaren Unterschied zur Schweiz. Ich musste mich früher als Athlet der zweiten Garde immer wieder erklären. Hier in Norwegen hat gerade der Wintersport einen grossen kulturellen Wert. Die Norweger identifizieren sich viel mehr mit den Resultaten ihrer Athleten. Es ist eine Werthaltung, dass auch der Zweitbeste unterstützt wird, ohne dass er infrage gestellt wird.

Sport ist in Norwegen ein Kulturgut

Die norwegischen Alpinen zum Beispiel haben die Auflage, zwischen Frühling und Herbst in Oslo zu wohnen. Der Grund ist, dass die Athleten in dieser Zeit gemeinsam im Olympiastützpunkt, dem sogenannten «Olympiatoppen» trainieren. Das ist in Norwegen einerseits der olympische Verband, andererseits aber auch ein Trainingsstützpunkt mit einem grossen Netz an Fachleuten im Bereich Training, Medizin und Wissenschaft.

Der Olympiatoppen befindet sich direkt neben der Sporthochschule. Das widerspiegelt auch das hohe Mass an Zusammenarbeit etwa zwischen den Fachleuten des Leistungszentrums und den Trainern im Skiverband. Der enorme Wissensaustausch und die gegenseitige Offenheit unter den Sportverbänden sind ganz grosse Stärken des norwegischen Sports. Man orientiert sich gegenseitig am Modell der ‹Best Practice›. Dieser weite Blick fusst auf dem Verständnis, dass sich Norwegen sehr über den Sport definiert, ihn als Kulturgut betrachtet und sich dadurch alle im gleichen Boot sitzen sehen.»