Abstieg
Dem TV Endingen bietet sich die Chance auf einen Neuanfang – doch dafür muss er neue Wege finden

Der TV Endingen steigt aus der Handball-Nationalliga-A ab – mal wieder. Und doch ist dieses Mal vieles anders als in früheren Jahren. Der Klub stellt sich neu auf, mit hehren Zielen und grossen Ambitionen. Damit sich diese erfüllen, müssen mutige Entscheidungen her. Eine Analyse.

Frederic Härri
Frederic Härri
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Der TV Endingen blieb in den Playouts gegen GC Amicitia chancenlos. Die 23:29-Niederlage im dritten Spiel besiegelt am Samstag den Abstieg.

Der TV Endingen blieb in den Playouts gegen GC Amicitia chancenlos. Die 23:29-Niederlage im dritten Spiel besiegelt am Samstag den Abstieg.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Um 17.32 Uhr am Samstag tritt ein, was sich seit Wochen angedeutet hatte. Der TV Endingen ist aus der Nationalliga A abgestiegen. Mal wieder.

In den vergangenen Jahren ist es zu einem unerwünschten Ritual verkommen: Kam der TVE hoch, musste er sogleich wieder runter. Endingen, der Liftverein. Einzig 2020 sorgte der coronabedingte Saisonabbruch dafür, dass die Surbtaler zwei Spielzeiten in Serie in der höchsten Schweizer Handball-Liga verbrachten. Einige Optimisten haben wohl auch dieses Jahr auf ein ähnliches Szenario spekuliert und gehofft, dass der Spielbetrieb in der Nationalliga B nicht wieder aufgenommen wird. Doch der Wunsch blieb unerfüllt. Endingen musste sich in der Abstiegsrunde mit der stark besetzten Mannschaft von GC Amicitia messen – und blieb in drei Spielen ohne Chance.

Tränen fliessen und trocknen, so war das immer in Endingen.

Endingen ist der verdiente und logische Absteiger, das steht ausser Frage. Vier Punkte und nur ein einziger Sieg aus der Hauptrunde sind Kennzahlen einer fehlenden Konkurrenzfähigkeit. Insofern wird der Gang in die NLB keinen im Verein mehr überraschen, geschweige denn schockieren, so bitter ein Abstieg im Sport auch sein mag. Tränen fliessen und trocknen, so war das immer in Endingen.

Frederic Härri, Sportredaktor.

Frederic Härri, Sportredaktor.

Severin Bigler

Und doch ist dieser Abstieg anders als die vorherigen. Weil ihm die Möglichkeit auf einen veritablen Neuanfang innewohnt. Weil er neben Trauer auch Gefühle der Vorfreude weckt auf das, was kommt.

Der Klub stellt sich neu auf in diesem Jahr. Die Handballer lösen sich vom Turnverein ab und organisieren sich künftig in einer Aktiengesellschaft. Ab der neuen Saison wird die Mannschaft als Handball Endingen auflaufen, das TV im Namen fällt weg. Auch das Logo ist ein neues, modern und an die Zeit angepasst, die Vereinsfarben Rot, Gelb und Blau nach wie vor präsent.

Der Rückhalt für das Projekt jedenfalls scheint gross. Unterstützer können Aktien erwerben, diese Woche verkündete Roger Küng, Verwaltungsratspräsident der neu geschaffenen Handball Aargau Ost AG, dass 75 Prozent der 1000 erhältlichen Aktien vergeben sind. Nicht einmal zwei Monate nach Verkaufsbeginn ist das ein hervorragender Wert.

Von einigen Abstiegshelden der Vergangenheit wird man sich wohl trennen müssen.

Bei neuen Unterfangen gehen grosse Ambitionen mit einher, das gilt auch im Falle Endingens. Fast zeitgleich zum Projektstart verkündete der Verein die Verpflichtung von Torhüter Dario Ferrante, der vom Kantonsrivalen HSC Suhr Aarau zurückkehrt. Auch der Vertrag mit dem ehrgeizigen Trainer Zoltan Majeri ist vorzeitig bis 2026 verlängert worden. Mittelfristig soll sich die Mannschaft unter den besten sechs der NLA festsetzen, so lautet das hehre Ziel, das mit dem Beigeschmack des neuerlichen Abstiegs umso wagemutiger erscheint. Unmöglich ist das Vorhaben zweifelsfrei nicht.

Doch dafür ist unabdingbar, dass in der Mannschaft ein Umbruch geschieht. Die neue Führung in Endingen muss sich Fragen stellen, die unangenehm sind. Sie muss entscheiden, mit welchen Spielern der zukünftige Weg gegangen werden soll – und mit welchen nicht. Von einigen Aufstiegshelden der Vergangenheit wird man sich wohl trennen müssen. Abschiede tun immer weh, notwendig sind sie nichtsdestotrotz.

Dass der Neustart in der NLB aufgenommen wird, muss dabei kein Nachteil sein. Der Aufenthalt in der schwächer besetzten Liga verschafft Zeit und Ruhe. Läuft alles wie gehabt, wird Endingen in einem Jahr wieder ganz oben an der Tabelle stehen und souverän aufsteigen. Will man sich im Surbtal aber vom ungeliebten Ruf der Liftmannschaft befreien, müssen auch die Strukturen rund um das Fanionteam denen der anderen NLA-Vereine angepasst sein. Das Kader sollte mit Profis verstärkt werden, so dass innerhalb der Mannschaft vermehrt Spieler vertreten sind, die den Handball als Hauptberuf verstehen. Letztlich gilt: Wer zu den Besten gehören will, muss auch trainieren wie die Besten.

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