Amateurfussball
«Das hat mit Fairness nichts mehr zu tun»: Möglicher Restart im Aargauer Amateurfussball sorgt für dicke Luft

Die Amateursaison soll nach abgeschlossener Hinrunde gewertet werden, so der Wunsch der 13 Regionalverbände. Ein erneuter Abbruch soll, wenn irgendwie möglich, vermieden werden. Doch damit sind nicht alle Aargauer Vereine einverstanden.

Nik Dömer
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Falls die Hinrunde noch zu Ende gespielt wird, muss der FC Lenzburg um den Klassenerhalt kämpfen.

Falls die Hinrunde noch zu Ende gespielt wird, muss der FC Lenzburg um den Klassenerhalt kämpfen.

Alexander Wagner

Der Schweizerische Fussballverband zeigt sich in diesen Tagen kämpferisch: Die Amateursaison soll auf Wunsch aller 13 Regionalverbände nicht wie im Jahr 2020 abgebrochen werden.

Will heissen: Sofern der Bundesrat am 26. Mai zu Gunsten der Amateurvereine lockert, wird die Hinrunde zu Ende gespielt, damit es zu einer sportlichen Wertung kommen kann.

«Bei uns in der Liga sind zwölf von 15 Teams für einen Abbruch»

Diese Neuigkeiten kommen jedoch nicht bei allen Beteiligten in der 2. Liga AFV gut an. Beim abstiegsbedrohten Liga-Schwergewicht FC Lenzburg hat Trainer Samuel Drakopulos nur wenig Verständnis für diesen Entscheid: «Ich verstehe nicht, warum die Regionalverbände unbedingt diese Wertung erzwingen wollen und dabei nicht auf ihre Vereine hören. Ich schätze, bei uns in der Liga sind zwölf von 15 Teams für einen Abbruch. Und unsere Liga ist bestimmt kein Einzelfall. Sollten wir den Spielbetrieb wieder aufnehmen müssen, hat das mit sportlicher Fairness nichts mehr zu tun.»

Der Lenzburger Trainer führt aus: «Es gibt Teams, die trainieren nicht mehr richtig und wollen unnötige Verletzungen vermeiden, weil sie tabellarisch im Niemandsland stecken. Es wird dadurch auch zu Wettbewerbsverzerrung kommen.»

Samuel Drakopulos sieht seine Mannschaft im Nachteil, weil sie sich an die Regeln gehalten haben.

Samuel Drakopulos sieht seine Mannschaft im Nachteil, weil sie sich an die Regeln gehalten haben.

Alexander Wagner

Was Drakopulos ebenfalls erzürnt, ist, dass sich nicht alle Teams an die Regeln halten. «Ich weiss, dass es einige Mannschaften in der Liga gibt, die Testspiele absolvieren und sich nicht an die Einschränkungen halten. Kontrollen und Massnahmen gibt es keine, obwohl dem Verband die Vereine bekannt sind. Schlussendlich sind Mannschaften wie wir, die sich korrekt verhalten, im Nachteil.»

Der Trainer muss sich zwar eingestehen, dass alle Teams im letzten Herbst über die Regeländerung mit der sportlichen Wertung nach absolvierter Hinrunde informiert wurden, betont jedoch auch: «Dass das so mit Nachtragsspielen über die Bühne geht, bei dem die Teams teilweise schon wissen, dass es für sie um nichts mehr geht, macht für mich keinen Sinn.»

Seit über einem halben Jahr konnte Samuel Drakopulos mit seinem Team keine Zweikämpfe mehr trainieren.

Seit über einem halben Jahr konnte Samuel Drakopulos mit seinem Team keine Zweikämpfe mehr trainieren.

Severin Bigler / ©

Für Drakopulos kommt noch hinzu, dass die Teams seit über einem halben Jahr keine Zweikämpfe mehr führen konnten: «Bis zum Restart bleiben uns im Optimalfall zwölf Tage. Das reicht nie und nimmer. Das Zweikampfverhalten muss länger trainiert werden. Meine Spieler sind zwar physisch fit, doch sobald Körperkontakt dazu kommt, gibt es ganz andere Belastungen.»

Auch wenn die Motivation bei Spielern und Trainer des FC Lenzburg schon deutlich höher war, bleibt Drakopulos guten Mutes, was den Ligaerhalt anbelangt: «Wir haben noch drei Spiele zu absolvieren und können den Ligaerhalt aus eigener Kraft schaffen. Ich bleibe optimistisch, trotz der Umstände», betont Drakopulos.

«Ich würde mich nach der Mehrheit der Liga richten»

Während es für den FC Lenzburg um den Klassenerhalt geht, hat der FC Mutschellen keine Sorgen. Viel eher könnte der Leader zum grossen Profiteur vom verkürzten Spielplan werden und den Aufstieg realisieren.

Trotz hervorragender Ausgangslage: Bei Mutschellen wird noch nicht vom Aufstieg gesprochen.

Trotz hervorragender Ausgangslage: Bei Mutschellen wird noch nicht vom Aufstieg gesprochen.

Alexander Wagner

Vier Punkte Vorsprung auf Platz zwei und noch zwei Partien zu absolvieren, die Ausgangslage ist für Trainer Sergio Colacino und seine Spieler delikat. Vom Aufstieg will er aber noch nichts wissen: «Bei uns spricht keiner vom Titel. Wir wissen auch noch nicht, ob überhaupt grünes Licht gegeben wird. Die Euphorie hält sich entsprechend in Grenzen.»

Dass mit dem FC Gontenschwil und dem FC Othmarsingen zwei einfache Gegner auf dem Restprogramm stehen, will er nicht gelten lassen. «Für die beiden geht es noch um etwas, die stecken im Abstiegskampf. Zudem zeigt die Tabelle ein trügerisches Bild, diese Mannschaften haben mehr Qualität.»

Sergio Colacino steht mit seiner Mannschaft kurz vor dem Aufstieg.

Sergio Colacino steht mit seiner Mannschaft kurz vor dem Aufstieg.

Alexander Wagner

Für Colacino gilt es nun, dass seine Mannschaft optimal auf den Restart vorbereitet ist. Der Trainer rechnet damit, dass die Anspannung ansteigen könnte, sofern der Bundesrat den Körperkontakt im Amateursport ab Juni wieder erlaubt.

Colacino ist sich dabei auch bewusst, dass nicht alle Teams Freude am Entschluss der sportlichen Wertung dieser Saison haben: «Natürlich wären meine Spieler enttäuscht, wenn die Saison abgebrochen wird. Aber wenn ich entscheiden müsste, würde ich mich nach der Mehrheit der Liga richten und die Saison allenfalls ohne sportliche Wertung beenden. Ich denke, das wäre die fairste Lösung.»