Martin Prachar ist überrascht. Damit hat er nicht gerechnet. Wie auch? «Ich führe keine Statistik», sagt der 39-Jährige und lacht. Dass er heute Abend gegen den BSV Bern Muri (siehe Box unten rechts) seine 100. Meisterschaftspartie im Trikot des HSC Suhr Aarau bestreiten wird, war dem Tschechen nicht bewusst.

Alles im Griff: Martin Prachar (r.) hält seine Gegenspieler am eigenen Kreis zumeist unter Kontrolle – auch dank seiner grossen Reichweite.

  

Um eine spontane Antwort, was ihm diese Zahl bedeute, ist Prachar trotzdem nicht verlegen: «Das ist für mich etwas sehr Spezielles. Wenn man bedenkt, dass ich meine ersten Spiele für den HSC in der NLB bestritten habe und dann schaut, wo wir jetzt stehen... diese Saison könnte zum Highlight meiner Karriere werden», sagt der 204-Zentimeter-Hüne.

Routinier mit vielen Stationen

Prachar hat seine Karriere in der Heimat Tschechien lanciert. Danach spielte er während vieler Jahre in Spanien, Rumänien und Dänemark, ehe er nach vier Jahren beim BSV Bern Muri im Sommer 2015 zum HSC Suhr Aarau wechselte.

Neben Einsätzen in der Champions League und dem EHF Cup bestritt er auch zahlreiche Partien für das tschechische Nationalteam. Und nun, wenige Wochen vor seinem angekündigten Rücktritt als Profi durchbricht er die Schallmauer von 100 Einsätzen für den HSC.

Spass an der Rolle als Animator

Seine Rolle im Team von Trainer Misha Kaufmann hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. In der laufenden Saison ist Prachar in erster Linie Ergänzungsspieler, der dafür sorgt, dass der Stamm in der Defensive wenn nötig mal etwas Luft kriegt.

Wenn er nicht auf der Platte steht, dann sorgt der Abwehrspezialist auf der Bank für Stimmung, baut seine Mitspieler auf und animiert das Publikum – auch dafür eignet sich seine enorme Reichweite hervorragend. «Ich versuche dem Team zu helfen, wo immer ich kann. In letzter Zeit war das häufig als Animator auf der Bank. Ich finde wichtig, dass die Bank voll mit dabei ist und auch das Publikum ins Boot holt. Das hat einen grossen Einfluss auf die Mannschaft», sagt Prachar.

Kein Wunder, ist der sanfte Riese in der Aarauer Schachenhalle der unbestrittene Publikumsliebling. Wenn er sich auf der Bank erhebt und die Zuschauer animiert, dann geht die ganze Halle mit. Prachar hat keine Mühe damit, dass er mehrheitlich abseits der Platte tätig ist: «Das ist ganz klar auch meine Rolle – und es macht mir grossen Spass.»

Der wichtige Treffer Nummer 10

10 Treffer hat Prachar in seinen bisherigen 99 Einsätzen für Suhr Aarau erzielt. Am meisten in Erinnerung dürfte wohl das letzte bleiben: Ende November des vergangenen Jahres liess ihn der Trainer 13 Sekunden vor dem Ende der Hauptrunden-Partie gegen Fortitudo Gossau beim Stand von 37:22 einen Siebenmeter werfen. Prachar verwertete und liess sich vom Publikum mit einem Ronaldo-Jubel feiern.

Martin Prachar, HSC Suhr Aarau

 

Der Grund für die überschwängliche Freude über einen eher unbedeutenden Treffer: Nach einer torlosen Saison 2017/18 hatte Prachar mit HSC-Geschäftsführer Lukas Wernli um ein gediegenes Nachtessen gewettet, dass er in der laufenden Saison einen Treffer erzielen würde. Weil Prachar neben seinem Engagement als Aktiver beim HSC noch zahlreiche Trainermandate inne hat, ist der Wetteinsatz noch nicht eingelöst. «Im Moment sind wir beide sehr viel beschäftigt. Vielleicht wird es nach der Saison einfacher», sagt Prachar.

Auch in Zukunft mit dem HSC verbunden

Er scheint den Ausdruck «nach meiner Karriere» zu vermeiden. «Der Rücktritt spielt in meinen Gedanken noch keine Rolle», sagt Prachar. «Irgendwann einmal ist es genug und man muss einen Schlussstrich ziehen.» Einen Schlussstrich unter die Beziehung zum HSC will er allerdings vermeiden. Aktuell arbeitet er zusammen mit dem Klub daran, dass er dem HSC nach seinem Rücktritt erhalten bleibt.

Entsprechende Ideen sind vorhanden, es ist allerdings noch nichts spruchreif. Prachar, der mit Frau und Tochter seit einem guten Jahr in Oberentfelden wohnt, plant sein Leben auch über die Karriere hinaus in der Region zu verbringen.

Doch jetzt steht erst einmal noch der Schlussspurt seiner letzten Saison im HSC-Dress auf dem Programm. Und wenn Prachar und Co. so weitermachen wie bisher, dann könnte die Karriere des 39-Jährigen zum Schluss noch gekrönt werden.