Oliver Hegi
Das letzte Karriere-Highlight im Blick: Er ist mit 65-Stunden-Wochen Richtung Tokio unterwegs

Der Schofiser Oliver Hegi führt seit zwei Monaten ein ziemlich anstrengendes Doppelleben als Kunstturner mit dem Ziel Olympische Spiele und als Physik-Student an der ETH. Kein Wunder, sagt der 27-Jährige angesichts von seinen 65-Stunden-Wochen: «Ich mag Herausforderungen»

Marcel Kuchta
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Oliver Hegi im Sommer 2020.

Oliver Hegi im Sommer 2020.

Severin Bigler

Wäre alles nach Plan gelaufen, dann wäre Oliver Hegi jetzt ganz einfach Student. Er würde an der ETH in Zürich das erste Semester des Physik-Studiums besuchen. Und «nebenbei» noch ein wenig in seine ausklingende Karriere als Kunstturner investieren. Um dann seine Laufbahn im kommenden Frühling an der EM in Basel zu beenden.

Aber eben: Was läuft in diesem verhexten (Corona-)Jahr schon nach Plan? Die Olympischen Spiele, die der letzte Karriere-Höhepunkt Hegis gewesen wären, wurden um zwölf Monate verschoben. Und damit alles auf den Kopf gestellt. Der 27-jährige Aargauer musste sich entscheiden: Karrierenende oder noch ein Jahr mehr als Spitzensportler – und das neben dem strengen Studium?

Der Schofiser entschied sich für Letzteres. Er kehrte im Sommer aus Magglingen in sein Heimatdorf ins Elternhaus zurück. Und verlegte seine Trainingsbasis – in Absprache mit dem Turnverband – ins Leistungszentrum in Niederlenz. Nun führt er noch bis in den kommenden Sommer ein Doppelleben. Hier als Physikstudent, dort als Spitzensportler.

65-Stunden-Wochen gehören nun zum Alltag

65 Stunden beträgt Oliver Hegis wöchentliches Pensum. 25 Lektionen Physik (Fern-)Studium. Dazu je 20 Stunden lernen und 20 Stunden Training. «Ja, es ist ziemlich streng», sagt er. «Es ist eine grosse Herausforderung. Aber ich mag Herausforderungen. Es ist sehr spannend und erfordert fiel Selbstdisziplin. Genau so, wie ich mir das vorgestellt habe.»

Der Schlüssel zum Erfolg sind dabei für Hegi die besonderen Konditionen, die er mit dem Turnverband aushandeln konnte. Dass er individuell und ausserhalb des Einflussbereichs von Magglingen trainieren kann, ist für den mehrfachen EM-Medaillengewinner essenziell. «Ich habe wegen des Studiums keinen flexiblen Plan. Ich kann nicht einfach unter der Woche sagen, ich gehe nach Magglingen, weil ich sonst extrem viel vom Studium verpasse. Wenn ich dort den Anschluss verpasse, dann bin ich weg vom Fenster.»

Zumal das Training in Niederlenz in der aktuellen Situation zu Hegis vollster Zufriedenheit läuft. «Wir haben hier fast immer einen Trainer in der Halle. Deshalb kann ich mehr oder weniger dann trainieren gehen, wenn ich will. Das ist vor allem abends der Fall, wenn ich alle meine Aufgaben für das Studium erledigt habe.»

«Ich wollte mein eigenes Ding machen zu können»

Seit März ist Oliver Hegi punkto Training auf sich allein gestellt. Und das ist für ihn auch gut so: «Ich möchte so selbstständig wie möglich trainieren. Weil es wegen des Studiums auch Phasen geben wird, in welchen ich keine Möglichkeiten haben werde, mit einem Trainer zu trainieren.» Es sei sowieso sein Ziel gewesen, unabhängig zu werden «und mein eigenes Ding machen zu können.»

Sein eigenes Ding zu machen, bedeutet im Falle eines Kunstturners aber auch, dass er keinerlei Vergleichsmöglichkeiten mit seinen Mitstreitern im Nationalteam hat. Zumal Wettkämpfe derzeit auch keine stattfinden. Wo steht Oliver Hegi punkto Form? «Keiner weiss, wie sich die Coronazeit ausgewirkt hat auf das eigene Leistungsvermögen», sagt Hegi. «Ich bin diesbezüglich aber zuversichtlich. Ich kann jeden Tag trainieren, kann immer mein Programm absolvieren. Ich habe keine Verletzungen, keine Entzündungen.»

Neue Ansprechpartner in Magglingen

Der angedachte, regelmässige Austausch mit der «Basis» in Magglingen gestaltet sich nicht nur aus logistischen Gründen als kompliziert. Momentan kommt für Hegi erschwerend dazu, dass es an der Verbandsspitze in den letzten Wochen sehr viele Wechsel gegeben hat. Die alten Ansprechpartner, mit denen er auch die Abmachung betreffend «Selbsttraining» getroffen hatte, sind nicht mehr da. Deshalb hängt er diesbezüglich etwas in der Luft. Auch wenn Magglingen in seinen persönlichen Planungen fast keine Rolle mehr spielt, so hofft Oliver Hegi doch, dass er sich auch mit den neuen Entscheidungsträgern einig wird. Diese Woche stehen Gespräche an. «Dann werden wir sehen, wie es weitergeht. Ich kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es da eine Kehrtwende gibt und mein Modell plötzlich nicht mehr möglich sein soll.»

Oliver Hegis Fokus gilt so oder so voll und ganz den Olympischen Spielen in Tokio. Für dieses letzte Highlight seiner Karriere wirft er nochmals alles in die Waagschale