Am Mittwochnachmittag wird fix, was die «AZ» am Dienstagabend angekündigt hat: Varol Tasar wechselt innerhalb der Challenge League vom FC Aarau zu Tabellenführer Servette Genf.

Auf den ersten Blick macht der Transfer den Anschein, als hätte man sich im Brügglifeld von den Genfern düpieren lassen. Tasar ist nicht irgendein Spieler, er ist mit 5 Toren und 6 Assists statistisch der beste Offensivspieler des FC Aarau.

Doch Sportchef Sandro Burki zeigt auf Anfrage keine Anzeichen von Frust. Er sagt: «Natürlich haben wir versucht, den Vertrag mit Varol zu verlängern, damit er noch lange bei uns spielt. Nach intensiven Gesprächen hat er sich zu diesem Schritt entschieden. Für den FC Aarau ist es nach dem Abschluss der Verhandlungen ein in allen Belangen sehr zufriedenstellender Deal.» Was heisst das? Burki will nicht ins Detail gehen, fügt nur noch an: «Alle Eventualitäten sind geregelt.»

Fakt ist: Tasar steht ab sofort auf der Lohnliste von Servette, wird die Saison aber im Trikot des FC Aarau beenden. Das war die Grundvoraussetzung, dass Burki überhaupt zu einem Transfer zum jetzigen Zeitpunkt gesprächsbereit war. Und Fakt ist auch, dass Tasar in den verbleibenden zwei Direktduellen zwischen Aarau und Servette spielberechtigt ist. Doch was ist gemeint mit «alle Eventualitäten sind geregelt»?

Rückkauf-Option für Aarau?

Ende Saison sind folgende vier Szenarien möglich:

  1. Servette steigt in die Super League auf, der FC Aarau nicht.
  2. Der FC Aarau steigt auf, Servette nicht.
  3. Beide Mannschaften steigen auf.
  4. Weder Servette noch der FC Aarau steigen auf.

Servette führt nach 20 Spieltagen die Challenge-League-Tabelle mit acht Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Lausanne an. Trotz der überraschenden Niederlage am vergangenen Wochenende in Chiasso (1:2) sind die von Alain Geiger (ex-Aarau) trainierten Genfer weiterhin der erste Anwärter auf den direkten Aufstiegsplatz. Varol Tasar hat bei Servette unterschrieben mit der Überzeugung, im Sommer zu einem Super-Ligisten zu wechseln.

Doch aufgepasst: Noch sind 16 Spiele zu absolvieren. Was, wenn in den nächsten Wochen der FC Aarau weiterhin Sieg an Sieg an reiht und Servette zu schwächeln beginnt? Was, wenn sich die Aarauer und die Genfer um den Aufstieg duellieren?

In diesem Fall würde Tasar in Teufels Küche geraten: Mit jedem Tor und Assist für den FC Aarau würde er sein Vorhaben, in der nächsten mit Servette in der Super League zu spielen, gefährden. Und nach jeder vergebenen Torchance oder nach jeder schwachen Leistung würde es heissen, Tasar gebe nicht mehr alles für den FCA, er sei mit dem Kopf bereits in Genf.

Auch für Trainer Patrick Rahmen wäre die Situation alles andere als angenehm: Gemessen an dessen sportlichen Qualitäten kann er im Aufstiegsrennen nicht auf Tasar verzichten. Andererseits birgt eine Nomination des Deutsch-Türken den beschriebenen Zündstoff.

Deal des Jahres

Aber eben – Burki sagt, alle Eventualitäten seien geregelt und der FC Aarau dürfe mit den ausgehandelten Konditionen sehr zufrieden sein. Man kann daraus schlussfolgern: Sollte Ende Saison tatsächlich Szenario b) eintreten, also Aarau steigt auf und Servette nicht, dann würde Tasar im Sommer doch in Aarau bleiben.

Der FCA müsste in diesem Fall den 22-jährigen wohl für eine ähnliche Summe, die er in den nächsten Tagen von Servette erhält, zurückkaufen. Diese Summe dürfte sich zwischen 500 000 und 750 000 Franken bewegen. Bei allen anderen Szenarien wird Tasar ab Sommer für Servette spielen.

Sollte sich der FC Aarau diese Rückkauf-Option gesichert haben, gibt es zwei Dinge festzuhalten: Burki ist der Deal des Jahres gelungen, während die Verhandlungsfähigkeiten der Servette-Verantwortlichen infrage zu stellen sind. Und für Tasar gilt: Er muss sich in den verbleibenden Partien mit dem FC Aarau, besonders in den Direktduellen gegen Servette, nicht zurücknehmen. Er hat die Sicherheit, in der nächsten Saison auf jeden Fall in der Super League zu spielen. Ausser natürlich, weder der FC Aarau noch Servette steigen auf.

Mit der grossen Kelle

Bleibt zum Schluss die Frage: Warum Servette? Warum der Wechsel in eine Region, deren Sprache und Kultur Tasar fremd sind? Warum nicht ein Wechsel zu einem Klub, der bereits in der Super League spielt? Interessenten gab es genug, etwa Luzern und Lugano. Und Tasar hätte etwaige Bredouillen elegant umdribbelt.

Hauptgrund ist das Geld. Die Genfer, mit dem potenten Grosssponsor Rolex im Rücken, richten für die in ihrem Denken sicherstehende Rückkehr in die Super League mit der grossen Kelle an. Sie haben Tasar das beste Lohn- und dem FC Aarau das beste Ablöseangebot gemacht – mit grossem Abstand zu den mitbietenden Klubs aus der Super League.

Zur Erinnerung: Servette ging seit 2012 zwei Mal pleite. Das muss nichts heissen für die aktuellen Pläne der Genfer, soll an dieser Stelle aber trotzdem erwähnt sein.

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