Challenge League

Der Rohdiamant im FCA-Sturm: Wenn Alounga nur wüsste, wie gut er ist

Yvan Alounga im Garten des FCA-Teamhotels

Yvan Alounga im Garten des FCA-Teamhotels

Der 17-jährige Yvan Alounga ist die grosse Sturmhoffnung beim FC Aarau – legt er die Selbstzweifel ab, steht einer grossen Karriere nichts im Weg. Im Trainingslager in der Türkei erzählt er seine Geschichte.

«Ein bisschen nervös bin ich schon», sagt Yvan Alounga und lächelt scheu vor seinem ersten Medientermin als Fussballprofi. Zur Unterstützung sitzt Sportchef Sandro Burki mit am Tisch in der Lobby des «Calista Luxury Resort», die temporäre FCA-Heimat während des Trainingslagers in der Südtürkei. Je länger das Gespräch dauert, umso mehr taut Alounga auf und gewährt Einblicke in die bisherige Geschichte der grossen Sturmhoffnung im Brügglifeld.

Alounga, am 5. Februar wird er 18, lebt seit sieben Jahren in der Schweiz. Die Antwort auf die Frage, woran er sich als erstes in der neuen Heimat erinnere, lautet: «Ein Spital.» Es ist ein kalter Winter, als der elfjährige Yvan im Februar 2013 in Olten ankommt. Minustemperaturen aus Kamerun nicht gewohnt, fängt er sich eine schwere Grippe ein. «Das sind vielleicht deine neuen Schulkameraden», sagt seine Mutter, als eine Gruppe Buben das Spitalzimmer betritt, um einen Kollegen im Bett nebenan zu besuchen. Doch eine Unterhaltung ist nicht möglich, Alounga spricht nur Französisch. «Meine Mutter hat gesagt, dass die Buben nett seien, das hat mich beruhigt.»

Er habe sich zwar gefreut auf die Schweiz, weil er dort wieder mit seiner Mutter zusammenleben konnte, die drei Jahre zuvor nach der Trennung vom Vater nach Europa auswandert, via Deutschland in Olten landet und einen Italiener heiratet. Doch Kamerun zu verlassen, macht Alounga auch traurig. In Ebolowa, einem Vorort der Hauptstadt Yaoundé, lebt er nach der Auswanderung der Mutter bei seiner Grossmutter. «Ich hatte viele Kollegen, mit denen ich nach der Schule auf der Strasse Fussball spielte. Mir ging es dort gut. Ausser in der Schule, dort war es sehr streng, mit vielen Regeln.» Aus Kamerun vermisse er vor allem etwas: Das Essen. «Meine Mutter kann kochen, aber so gut wie von meiner Grossmutter schmeckt es nie ganz», lacht er. Zum Glück schicke die Grossmutter ab und zu ein Päckchen mit kamerunischen Spezialitäten nach Olten. «Und wenn wir zu Verwandten in Lausanne fahren und alle zusammen essen, kommen Heimatgefühle auf.» In Kamerun war Alounga seit dem Umzug in in die Schweiz nicht mehr, möchte dies jedoch bald nachholen.

Yvan Alounga, Rohdiamant im FCA-Sturm, der mit seiner Geschichte an Nati-Star Breel Embolo erinnert

Yvan Alounga, Rohdiamant im FCA-Sturm, der mit seiner Geschichte an Nati-Star Breel Embolo erinnert

Zuhause, das sei für ihn mittlerweile die Schweiz - dank des Fussballs. Alle seine Freunde habe er so kennen gelernt. Nach einigen Monaten in einer Integrationsklasse, um Deutsch zu lernen, besucht Alounga ab Sommer 2013 den normalen Unterricht. Im Schulsport spielt er Basketball und Fussball, letzteres so auffällig gut, dass zwei Jugendtrainer ihn ermutigen, zum FC Olten zu kommen. «In Kamerun habe ich nur auf der Strasse gespielt, alle wild durcheinander. Die Anweisungen eines Trainers zu befolgen und nur auf einer Position zu spielen, das kannte ich nicht.» Punkto Grösse und Tempo überragt er schon damals seine Teamkollegen, 2014 wird er in die Solothurner Kantonalauswahl berufen und landet von dort im Nachwuchs des FC Aarau, nachdem der frühere Leiter des Team Aargau, Sascha Stauch, einen Tipp erhalten hat.

Hätte das Geld entschieden, wäre Alounga nicht mehr in Aarau

Als Sandro Burki im August 2017 Sportchef des FC Aarau wird, lässt er sich von Nachwuchschef Sven Christ eine Liste mit den grössten Talenten geben. Burki erzählt: «Gross, stark, schnell, guter Schuss und Linksfuss – was da über Yvans Stärken stand, war hochinteressant.» Doch noch war der Schritt für den damals 15-Jährigen in die Profimannschaft zu früh. Ein Jahr später besucht Burki ein Spiel der U18, ursprünglich wegen einem anderen Spieler, aber hängen bleibt der Auftritt von Alounga. «Taktisch und spielerisch waren die anderen Spieler weiter. Aber es fiel sofort auf, dass Yvan alle Anlagen eines guten Stürmers hat.»

Aloungas Talent macht schnell die Runde, erst recht, als er vor einem Jahr in einem Testspiel gegen das höher klassierte Sion drei Tore erzielt. Etliche Klubs aus der Super League stehen Schlange und als er im Frühling vor der Unterzeichnung des ersten Profivertrags steht, könnte er dies auch bei ausländischen Klubs tun. Wer da alles Interesse zeigt und wie viel Gehalt die Vereine bieten, habe er gar nicht wissen wollen, das sei alles zwischen Burki und seinem Berater gelaufen.

Fest steht: Hätte das Geld entschieden, wäre er nicht mehr beim FCA. Alounga: «Für mich war ein Wechsel kein Thema. Ich wollte meine Familie nicht verlassen und in Aarau kenne ich alles, hier kann ich mich am besten an den Profifussball gewöhnen.» Auf Pochen seiner Mutter hat er sich im Sommer eine Lehrstelle als Logistiker gesichert, als Absicherung, falls die Profikarriere ins Stottern geraten sollte.

Was kaum passieren dürfte, wenn es Alounga gelingt, sein Selbstvertrauen zu vergrössern. «Es ist ein schönes Gefühl, am Morgen aufzustehen und zu wissen, dass ich Fussball spielen gehen darf. Doch als etwas Besonderes fühle ich mich nicht, ich bin noch nirgends.» Nirgends? Bescheidenheit in Ehren, doch sie ist gleichzeitig Aloungas grösste Schwäche. Alle beim FCA, mit denen man über ihn den Stürmer redet, sagen: «Der Junge weiss gar nicht, wie gut er ist.»

Stimmt das? «Ja, ich weiss», sagt Alounga mit leiser Stimme, «alle sagen, ich soll einfach spielen, niemand macht mir Druck. Den mache ich mir nur selber. Auf dem Platz habe ich oft Angst, einen Fehler zu machen.» Das mangelnde Selbstvertrauen äussert sich in der Vorrunde in wirren Aktionen auf dem Spielfeld, bei denen es von aussen wirkt, als sei Alounga mit den Gedanken irgendwo, nur nicht beim Spiel. Dass er es besser kann, dass er ein riesiges Talent ist, daran gibt es indes keine Zweifel: Sein Schuss von der Strafraumgrenze in den Winkel am 2. Spieltag gegen Kriens steht in der Auswahl zum «Tor des Jahres 2019», seine Leistung im Cupspiel gegen den Super-Ligisten FC Sion hat alle verzückt. Auch den U18-Nationaltrainer Heinz Moser, der ihn in der Folge erstmals aufgeboten hat.

Zwei Tore erzielte Alounga in der Vorrunde für den FCA

Zwei Tore erzielte Alounga in der Vorrunde für den FCA

Einmal in der Champions League und für die A-Nationalmannschaft zu spielen, davon träumt Alounga wie alle Jungprofis. Vorerst kleiner sind die Ziele, die er sich gesteckt hat: «In der Schweiz eine gute Karriere zu machen. Und in diesem Jahr will ich beim FC Aarau lernen, lernen, lernen und endlich aufhören, an mir zu zweifeln.»

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