Als Eline Gemperle im dänischen Lyseng ins Ziel läuft, ist sie ob der soeben erreichten Laufbestzeit selbst überrascht. «Bei der ersten Passage des Zielgeländes hörte ich, dass ich auf dem zweiten Zwischenrang liege.» Doch ausgerechnet dann schleichen sich beim bisher fast fehlerfreien Rennen der Boniswilerin Unsicherheiten ein:

«Beim zwölften Posten machte ich einen Fehler im Postenraum und kurz darauf stiess ich noch mit einem anderen Läufer zusammen. Darum war ich eigentlich sicher, dass es im Ziel nicht für die Bestzeit reichen würde.» Doch Gemperle täuscht sich und fällt aus allen Wolken, als sie mit 19 Sekunden Reserve die Spitze übernimmt.

Eline Gemperle unterwegs zur Goldmedaille.

Eline Gemperle unterwegs zur Goldmedaille.

Trotz der aufgestellten Laufbestzeit verschwendet Gemperle noch keine Gedanken an den Sieg. 50 Läuferinnen sind noch im Rennen und Gemperle ist sich sicher, dass ihre Bestzeit noch geknackt wird. Als jedoch auch die Favoritinnen reihenweise hinter Gemperle zurückfallen, beginnt sie langsam zu realisieren, was möglich wird an diesem Tag.

Die Nervosität ist nach dem Lauf am grössten

«Anfangs liebäugelte ich mit einem Diplom, später mit einem Podestplatz.» Aber auch die folgenden Athletinnen beissen sich an der Zeit der 19-jährigen Gymnasiastin die Zähne aus. Am nächsten kommt ihr die unmittelbar nach ihr gestartete Schwedin Tilda Ostberg, die in der Endabrechnung nur drei Sekunden hinter Gemperle zurückliegt. Gemperle hat sich da bereits etwas zurückgezogen. «Ich war deutlich nervöser als vor dem Lauf und brauchte etwas Abstand.» Als der Sieg der Boniswilerin endgültig feststeht, ist die Freude riesig.

Dass Gemperle ausgerechnet in der kürzesten OL-Disziplin zugeschlagen hat, ist kein Zufall. Die Aargauerin bezeichnet sich selbst als Sprint-Spezialistin. Denn im urbanen Gelände kann sie ihre physischen Qualitäten am besten ausspielen. Dass es an ihrer ersten Junioren-WM gleich ganz nach vorne reicht, kommt auch für die Tochter der ehemaligen Nationalkaderathletin Sara Gemperle überraschend. «Ich hatte mir vor dem Rennen einen Top-10-Platz zum Ziel gesetzt.»

Nicht die letzte Teilnahme

Der erste Einsatz an einer internationalen Meisterschaft war es für die amtierende Schweizer Meisterin im Sprint allerdings nicht. Bereits im letzten Jahr konnte sie an der Jugend-EM in Bulgarien Erfahrungen sammeln. Auch dort ging Gemperle im Sprint mit grossen Ambitionen an den Start, scheiterte jedoch an ihrer eigenen Erwartungshaltung. «Damals brach für mich eine kleine Welt zusammen, aber dieses Erlebnis hat mir in Bezug auf dieses Jahr enorm geholfen.»

Der erfolgreiche Sprint stellte derweil erst den Auftakt in die Junioren-WM in Dänemark dar. Nach der Langdistanz (Platz 53) und der Mitteldistanz, welche Gemperle wegen Unwohlsein auslassen musste, steht noch die abschliessende Staffel auf dem Programm, bei der die Schweizer Teams durchaus mit Podestambitionen an den Start gehen können.

Da Gemperle noch ein Jahr bei den Juniorinnen startberechtigt ist, bietet sich ihr ausserdem die Möglichkeit, ihren Titel im nächsten Jahr zu verteidigen. In Zukunft kann sich die 19-Jährige durchaus vorstellen, voll auf die Karte Sprint zu setzen. Im Zuge der Umstrukturierung der OL-WM, die im Zweijahresrhythmus eine reine Sprint-WM vorsieht, ist dies durchaus eine valable Option.