Beachsoccer-WM

Ein Zehenbruch, Bubenträume und ein Sandgott: Die Beachsoccer-Nati will in Paraguay Geschichte schreiben

Die Beachsoccer-Nationalmannschaft reist mit viel Power aus dem Aargau an die FIFA-WM in Paraguay. Ganze neun Spieler stammen aus dem Kanton, sie alle haben unterschiedliche Geschichten, aber nur ein einziges Ziel: Nach 2009 endlich wieder Geschichte zu schreiben.

Zwölf Spieler, davon acht aus dem Kanton Aargau. Wer die Kaderliste der Schweizer Beachsoccer-Nati betrachtet, erlebt als Aargauer eine angenehme Überraschung. Während lange Zeit die Basler dominierend waren, hat nun der Rüeblikanton die Nase vorn. Nicht nur deswegen wird bei den Sandgenossen der Zusammenhalt gross geschrieben. Doch während der Wohnort eine Verbindung zwischen den Spielern schafft, bringen sie alle ihre jeweils ganz eigene Geschichte mit.

Da wäre zum Beispiel Angelo Wüest, der nach einem vor vier Wochen erlittenen Zehenbruch schon wieder im Sand steht. Oder Daniele Pichierri, der oft zurückstecken und vierzehn Jahre lang warten musste, um sich endlich seinen Bubentraum erfüllen zu können. Und mittendrin steht er, der Sandgott Dejan Stankovic. Vierfacher WM-Teilnehmer, Welt-Strandfussballer, Vorreiter.

Obwohl er im Gegensatz zu den Neulingen Pichierri und Wüest nicht nur einen Rucksack, sondern ein ganzes Arsenal an Erfahrungen mitbringt, ist bei ihm die Vorfreude gross. Seit fünfzehn Jahren spielt er für die Schweizer Nationalmannschaft, alleine in dieser Saison hat er 200 Partien absolviert. Weil das Turnier nun aber zum ersten Mal live auf SRF 2 ausgestrahlt wird, erlebt auch der aus Neuenhof stammende Routinier ein Debüt.

Für einmal im Rampenlicht

«Im normalen Alltag kümmern sich nicht viele um uns, also geniesse ich es umso mehr, nun im Rampenlicht zu stehen», sagt Stankovic. «Dass meine Liebsten live dabei sein können, macht mich stolz. Trotz meinen 34 Jahren bin ich doch noch ein wenig aufgeregt.» Auch wenn er noch nicht an seinen Rücktritt denken will: Wie oft er noch eine WM erleben wird, weiss keiner.

Gerade deswegen kostet er das Abenteuer voll aus. Gleiches gilt für Angelo Wüest und Daniele Pichierri. Bei ihnen löste nur schon die Verkündung des Kaders Glücksgefühle aus. «Ich war total happy, als ich das Aufgebot gesehen habe und wusste, dass ich dabei bin», sagt Angelo Wüest.

Der Buchser hat vor lauter Stolz schon kurz vor dem positiven Bescheid eine Schweizerflagge in seinem Whatsapp-Status gesetzt und schwärmt schon jetzt von der Atmosphäre vor Ort. Auch Pichierri empfindet es als grosse Ehre, für sein Land auflaufen zu können. «Auf einmal bin ich mittendrin. Das ist etwas, was ich meinen Kindern später einmal erzählen kann», sagt der 28-Jährige.

«Wir kennen uns in- und auswendig»

Obwohl sich die Aufregung noch in Grenzen hält, können sie alle den WM-Start kaum erwarten, selbst wenn jeder seine ganz eigenen Highlights hat. «Ich freue mich ganz speziell darauf, beim ersten Spiel in das Stadion einzulaufen. Ein weiteres Highlight folgt sicherlich,  wenn wir gegen den Gastgeber Paraguay spielen. Dann wird die Hütte voll sein, das wird sehr besonders werden», sagt Wüest.

Wie bei Leader Stankovic steht beim aus Frick stammenden Pichierri hingegen eher der Medienauftritt im Vordergrund. «Es ist ein riesengrosser Schritt für die Sportart. Ich hoffe, dass sie dem einen oder anderen im Kopf bleibt und die Schweiz erkennt, wie viel Zeit überhaupt investiert wird.»

Um als Binnenland voller Amateurspieler mithalten zu können, müssen die Akteure in der Tat einiges leisten. Vier- bis fünfmal pro Woche reisen sie nach Basel, um sich unter Nationaltrainer Angelo Schirinzi auf die Spiele vorzubereiten. Zugleich wird der grösste Nachteil zum Vorteil. Während sich die anderen Länder erst vor den Events treffen, sind die Schweizer eingespielt.

Auch kommt ihnen zugute, dass fast alle aus dem Aargau stammen. «Wir kennen uns in- und auswendig. Wenn wir das auf dem Platz zeigen, sind wir dem Gegner einen Schritt voraus», sagt Stankovic. Oft bilden die Spieler Fahrgemeinschaften. Wie Picchieri spielen viele für die Havana Shots Aargau, kennen sich seit ihrer Anfangszeit.

Mit Losglück und Selbstvertrauen Richtung Erfolg 

«Es ist eine kleine Szene, ziemlich familiär. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es hätte für mich keine Rolle gespielt, wenn ich in die Nationalmannschaft gekommen wäre und keinen gekannt hätte. Das hat mir einiges erleichtert», sagt er. Dass sich die Aargauer in der Überzahl befinden, ist Stankovic und Sandro Spaccarotella, dem Gründer der Havana Shots, zu verdanken.

Beide führten früh Nachwuchsevents durch, entdeckten den einen oder anderen Nationalspieler. Überhaupt hat Stankovic viel getan für den Sport. Er redet gerne von «seinen Jungs». Die das Losglück hatten, auf Paraguay, Japan und die USA zu treffen. Eine Gruppe, die auf dem Papier schwieriger aussieht als sie ist. Die beiden letztgenannten konnte die Schweiz in der jeweils einzigen Begegnung schlagen, Paraguay ist ein besiegbarer Unbekannter.

Stankovic glaubt an den Gruppensieg, den machbaren Viertelfinal. Dem Halbfinal, nach dem schnell einmal alles möglich ist. Ein «Laferi» ist er trotzdem nicht. Er weiss, was realistisch ist, was nicht, ist eine ehrliche Haut. Als sein grösster Traum, der erneute Finaleinzug nach 2009 angesprochen wird, meint er, das sei «gopfertammi» schwierig.

Von der Euphorie der erfahrenen Spieler angesteckt

Doch die Saison, die er als eine intensivsten seiner Karriere bezeichnet, hat die Schweizer gestärkt. Zuversichtlich sind auch die Youngster. Auch wenn sie sich bisher keine konkreten Tipps für ihr erstes WM-Abenteuer eingeholt haben, schauen sie zu den erfahrenen Spieler auf. Von deren Euphorie lassen auch sie sich anstecken.

«Der Viertelfinal ist sicherlich das Minimalziel, aber wenn ich schon einmal dabei bin, habe ich auch das Ziel, zu gewinnen. Wir werden uns für unsere Nation zerreissen. Gerade auch, weil uns die Leute live zuschauen können», sagt der 29-jährige Wüest.

Dass ihre Geschichten für einmal auf der ganz grossen Bühne erzählt werden, spornt sie alle gleichermassen an. Wenn alles klappt wie vorgenommen und der Erfolg tatsächlich eintritt, haben die Aargauer vielleicht bald mehr als nur den Wohnort gemeinsam.

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