FC Aarau

Eine riskante Übung: Der FC Aarau setzt im Tor auf den 18-jährigen Nicholas Ammeter

Nicholas Ammeter sagt: «Ich werde vor meinem Debüt gut schlafen.»

Nicholas Ammeter sagt: «Ich werde vor meinem Debüt gut schlafen.»

Nicholas Ammeter ist 18 Jahre alt, die neue Nummer 1 des FC Aarau und der Älteste des Goalietrios. Als eingefleischter FCA-Fan wandelt der Teenager auf den Spuren von Ivan Benito - und lässt sich vor seiner Premiere nicht aus der Ruhe bringen.

Trainer, Sportchef, Goalietrainer, Mitspieler – sie alle versuchen gar nicht erst zu verhehlen, dass die Übung riskant ist. Aber im gleichen Atemzug betonen sie: «Wir können nicht immer nur davon reden, wie gut unsere jungen Goalies sind. Irgendwann müssen wir Taten folgen lassen.»

Irgendwann – das ist heute Samstag, der Tag, an dem für den FC Aarau in Winterthur die neue Saison beginnt. Und auf der Goalieposition eine neue Ära: Mit Nicholas Ammeter, Marvin Hübel und Joël Bonorand verfügt der FCA über drei Talente, um die ihn andere Vereine beneiden.

Alle drei sind Nachwuchs-Nationalspieler, das grösste Können wird Hübel attestiert. Doch den 16-Jährigen bereits jetzt zur neuen Nummer 1 des Profiteams zu machen, wäre zu früh, zumal Hübel noch nicht ausgewachsen ist. Er soll sich unter der Woche im Training an den Männerfussball gewöhnen und am Wochenende mit den U18-Junioren Spielpraxis sammeln.

Ochsentour hinter sich

Bonorand, der 17-jährige Göttibub und Neffe des künftigen FCA-Präsidenten Philipp Bonorand, wird die nächsten zwölf Monate in der 1. Liga beim Partnerverein FC Baden für höhere Aufgaben getrimmt.

Und Ammeter? Er hat die Ochsentour bereits hinter sich und in der vergangenen Spielzeit in Baden derart überzeugt, dass er nun den Job im Tor des FC Aarau bekommt. Ein Jahr früher als geplant zwar, weil der eigentliche Wunschkandidat für die Goalieposition, Djordje Nikolic, von seinem Stammklub FC Basel keine Freigabe für eine erneute Ausleihe erhielt. Doch Sportchef Sandro Burki hat keine Bedenken: «Hätten wir Zweifel, wäre Nicholas jetzt nicht unser Goalie.»

Vor einer Woche erst teilt Burki Ammeter mit, dass Nikolic nicht zurückkehre und der Platz im Tor nun ihm gehöre. Am Tag darauf reist der FC Aarau zwecks Einschwörung auf die neue Saison ins Allgäu, wo wir Ammeter zwischen Mittagessen und Nachmittagstraining zum Gespräch treffen.

Die automatischen Bedenken beim Gedanken an die Premiere

Während andere 18-jährige Fussballer ihre Jugend kaschieren können, kann Ammeter das nicht. Die Erscheinung ist näher an der eines Kindes als eines Mannes, was nicht nur an der mächtigen Zahnspange und der etwas gebückten Körperhaltung liegt.

Die Gedanken gehen zu Ammeters Premiere, und beim Anblick des Teenagers kommen automatisch Bedenken auf. Über 4000 Zuschauer werden zum Saisonauftakt auf der Winterthurer Schützenwiese erwartet, eine Halbzeit lang wird Ammeter die Heimfans eine Bierbecher-Wurfdistanz entfernt im Rücken haben. Wetten, dass Winti-Trainer Ralf Loose seine Spieler zu einer Sonderbehandlung für Ammeter anstiftet? Und wie reagiert Ammeter, wenn ihm etwas misslingt – bleibt er cool oder folgt in der Verunsicherung gleich der nächste Bock?

«Ich werde in der Nacht vor dem Spiel gut schlafen», sagt Ammeter und lächelt die Skepsis weg. Natürlich gehe ihm durch den Kopf, wie es sein werde. Aber man dürfe ihm schon zutrauen, dem Drumherum gewachsen zu sein. «Ich habe zwar noch keine Minute auf Profiniveau gespielt, aber auch meine Vorgänger Djordje Nikolic und Steven Deana hatten irgendwann ihren ersten Einsatz.»

Auf Fragen zum Risiko, das ein ambitionierter Verein mit einem so jungen und unerfahrenen Goalie eingehe, mag er nicht wirklich eingehen. «Das werden wir dann sehen.» Er taut erst auf, als wir zurückblicken in die Kindheit und die Anfänge bei den FCA-Knirpsen.

Waschechter FCA-Fan und Benitos Erbe

Auffallend in Ammeters Biografie ist sein Geburtsort – New York. Vor der Jahrtausendwende wird sein Vater beruflich in die Stadt gerufen, am 11. Dezember 2000 kommt Nicholas zur Welt. «Obwohl ich mich nicht ans Leben in New York erinnern kann, hat mich die Stadt infiziert. Es zieht mich immer wieder rüber.»

Als der Vertrag des Vaters nach drei Jahren ausläuft, kehrt die Familie nach Aarau zurück. Zuerst ins Goldern-Quartier neben dem Stadion Brügglifeld, später zügeln die Ammeters ins Zelgli. «Das erste Mal im Brügglifeld war ich als kleiner Bub, keine fünf Jahre alt. Es war ein Spiel gegen den FC Basel und meine Cousins nahmen mich mit ins Stadion. Sie trugen FCB-Schals und ich weiss noch genau, wie sehr ich mich darüber aufregte.»

Mit Ammeter steht also erstmals seit Klublegende Ivan Benito wieder ein waschechter Aarauer im FCA-Tor. Er erinnert sich: «Benitos Trikot war mein erstes vom FC Aarau. Sein Wechsel zu GC machte mich traurig, und dann stieg der FC Aarau auch noch aus der Super League ab.» Pause. «2010 war ein schlimmer Sommer.»

Ammeter leidet damals als Fan mit, darauf, dass er dereinst einer von Benitos Erben wird, deutet noch nichts hin. «Das wurde erst vor zwei Jahren ernsthaft ein Thema, als ich im Nachwuchs den Sprung in die U18 schaffte.»

Lars Hunn überholt 

In dieser Zeit liegen beim FC Aarau die Hoffnungen auf Lars Hunn. Doch der hat die Wandlung vom hochgelobten Talent zum Stammgoalie im Brügglifeld nicht geschafft. Es heisst, Hunn sei sich zu schade gewesen für den Umweg über den FC Baden, was wiederum bei Sportchef Burki schlecht ankam.

Dieser gilt als Förderer von Ammeter, gibt ihm Anfang 2018 einen Profivertrag, obwohl damals Hunn der erste Anwärter der Eigengewächse auf das FCA-Tor ist. Hunn, brüskiert, versucht sich nun in Deutschland im Nachwuchs des SC Freiburg. Burki sagt: «Wir haben Lars klargemacht, dass Nicholas ihn überholt hat. Daraufhin wollte er den Klub verlassen.»

Es drückt viel über die Unterschiede von Hunn und Ammeter aus, wenn Letzterer sagt: «Ich hätte kein Problem gehabt mit einer weiteren Saison beim FC Baden. Ob 1. Liga oder Challenge League – Hauptsache, ich kann spielen.» Das wird er nun, mit 18 Jahren auf der Profibühne, ohne Deckmantel der Anonymität. Eine riskante Übung. Für Ammeter und für den FC Aarau.

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