EM-Achtelfinal
«Hello Wembley, da sind wir wieder»: Die Geschichte spielt bei England gegen Deutschland immer mit

Die Engländer fürchten sich trotz souveräner Vorrunde vor dem Achtelfinal-Gegner, die Deutschen vergessen wegen dem Los die schwachen Leistungen bisher.

Sebastian Wendel
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Ab dem Achtelfinal könnte jede Spiel für den deutschen Bundestrainer Joachim Löw das letzte sein: Nach der EM wird er von Hansi Flick abgelöst.

Ab dem Achtelfinal könnte jede Spiel für den deutschen Bundestrainer Joachim Löw das letzte sein: Nach der EM wird er von Hansi Flick abgelöst.

Freshfocus

Als am vergangenen Mittwochabend die Schlussphase der letzten Partie Deutschlands in der Gruppenphase anbricht, sind auf den Zeitungsredaktionen die Abgesänge getippt: Wie 2018 würde der vierfache Welt- und dreifache Europameister in der Vorrunde scheitern – am Fussballzwerg Ungarn. Was für eine Schmach!

Zehn Minuten später tritt Mittelfeldspieler Joshua Kimmich vor die Mikrofone. Kollege Goretzka hat mit seinem Tor zum 2:2 das Schlimmste abgewendet, Deutschland ist durch, Blamage ganz knapp abgewendet. Doch von Demut keine Spur – sogar der Chefkritiker lässt den Mahnfinger unten und grinst mit Blick auf den Achtelfinal:

«Im Wembley gegen England? Könnte schlimmer sein.»

Kimmich denkt in diesem Moment weniger an die sportlichen Chancen im Duell mit der Mannschaft mit dem höchsten Marktwert aller EM-Teilnehmer (1,26 Milliarden Euro). Vielmehr ist es die Vorfreude auf das Erlebnis – und das Wissen um die Vergangenheit: England gegen Deutschland im Wembley – mehr Geschichte in ein Spiel gepackt geht nicht. Beispiele gefällig?

Ein Nicht-Tor, fehlendes «Beweismaterial» und das Penalty-Drama

1966 erzielt Geoffrey Hurst in der Verlängerung des WM-Finals das berühmteste Nicht-Tor der Fussballgeschichte: Sein Schuss prallt von der Latte auf die Linie und zurück ins Feld – nur der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst und Linienrichter Bachramow haben den Ball drin gesehen und England den ersten und bis heute einzigen Turniersieg beschert.

Sechs Jahre später sind beim Abschlusstraining der Deutschen im Wembley keine Tore aufgebaut, Franz Beckenbauer spottet: «Jetzt haben sie das Beweismaterial verschwinden lassen.» Zur «Strafe» wird England mit 3:1 zerzaust.

1996, EM in England, Halbfinal zwischen den Gastgebern und Deutschland. Es kommt zum Penaltyschiessen, Gareth Southgate verschiesst als Einziger. Southgate ist heute Trainer der «Three Lions» und wurde natürlich an das Drama erinnert. Seine Antwort spricht Bände: «Ich habe versagt und trage das seither mit mir rum.»

Das letzte Tor im alten Wembley? Erzielte ein Deutscher, Dietmar Hamann beim 1:0 im Jahr 2000. Danach wird das Stadion abgerissen und während sieben Jahren für 1,2 Milliarden Euro neu gebaut.

WM 1966 Final: Der berühmteste Treffer der Fussballgeschichte ist keiner: Das «Wembley-Tor» (Ball auf, nicht hinter der Linie) zum 3:2 beschert England den WM-Titel.
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WM 1970 Viertelfinal: Der berühmteste Treffer der Fussballgeschichte ist keiner: Das «Wembley-Tor» (Ball auf, nicht hinter der Linie) zum 3:2 beschert England den WM-Titel.
WM 1990 in Italien Halbfinal: Tränen bei England-Star Paul Gascoigne nach dem Penalty-Out (Bild). Wie 1996 holt Deutschland im Endspiel den Titel.
EM 1996 in England Halbfinal: Am Heimturnier zementiert England seinen Deutschland-Komplex: Southgate (Bild) scheitert als einziger Schütze im Penaltyschiessen.
WM 2010 in Südafrika Achtelfinal: Ein Schuss von Lampard landet weit hinter Torlinie, das Spiel geht weiter. Deutschland siegt 4:1, an der nächsten WM wird die Torlinientechnologie eingeführt.

WM 1966 Final: Der berühmteste Treffer der Fussballgeschichte ist keiner: Das «Wembley-Tor» (Ball auf, nicht hinter der Linie) zum 3:2 beschert England den WM-Titel.

Str / AP

«Hello Wembley, da sind wir wieder!», titelt die Bild-Zeitung voller Vorfreude. Die ideenlose, phasenweise gruslige Vorstellung gegen Ungarn? Geschenkt! Ganz anders die Reaktionen in England, wo Hochmut eigentlich zur Fussball-DNA gehört – ausser es geht gegen Deutschland: Southgates Mannschaft hat die Gruppe ohne Gegentor und mit sieben Punkten gewonnen, doch nach Bekanntwerden des Achtelfinal-Gegners jammert die «Sun»: «Die Deutschen kommen nach Hause.»

Für den Sieger steht Tür zum Final weit offen

Die Berichterstattung im Vorfeld des Gigantenduells ist geprägt von der Vergangenheit. Sie macht Deutschland zum Favoriten. Dabei liefert die Gegenwart gute Gründe für etwas deutsche Bescheidenheit und mehr englisches Selbstvertrauen.

Wacklige Abwehr, statisches Mittelfeldzentrum, kein Stürmer mit Torgarantie – Deutschland hat in jeder Reihe Probleme, für die Jogi Löw im letzten Turnier seiner 15-jährigen Bundestrainer-Ära (noch) keine Lösungen gefunden hat. Das 4:2 im Gruppenspiel gegen Portugal war zwar begeisternd, ging vor allem aber auf die Galavorstellung von Robin Gosens (1 Tor, 2 Vorlagen) zurück. Und gegen Ungarn brachte erst die Einwechslung des 18-jährigen Jamal Musiala die vermisste List ins Offensivspiel.

England hingegen trat bislang auf, wie ein Turnierfavorit in der Vorrunde auftreten muss: Nüchtern, aber doch souverän und so, als hätte sie noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt.

Sportlich sind die Engländer zu favorisieren. Aber in dieser Affiche, und findet sie dann auch noch im Wembley statt, spielt die Historie immer mit. Darum: Alles offen. Der Sieger hat die höchste Hürde auf dem Weg in den Final hinter sich: Danach warten Schweden oder die Ukraine (Viertelfinal) und Dänemark oder Tschechien (Halbfinal).

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