Halbfinal erreicht
Die Schiessbude wird zum Bollwerk und weitere Erkenntnisse nach der Cup-Gala des FC Aarau gegen Winterthur

In der Liga im Barrage-Rennen mittendrin, im Cup im Halbfinal: Der FC Aarau tanzt vor dem letzten Saisonviertel auf zwei Hochzeiten. Die AZ nennt drei Gründe für die aufkeimende Euphorie rund ums Brügglifeld.

Sebastian Wendel
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Zwei wegweisende Spiele, zwei Siege: FCA-Trainer Stephan Keller hat nach den Ostertagen Grund zum Jubeln.

Zwei wegweisende Spiele, zwei Siege: FCA-Trainer Stephan Keller hat nach den Ostertagen Grund zum Jubeln.

Marc Schumacher / freshfocus

Wow! Was war das für eine Demonstration! Der FC Aarau liess dem FC Winterthur im Cup-Viertelfinal nicht den Hauch einer Chance. Kein Zögern, Vollgas ab der ersten Minute, Effizienz im Abschluss und eine Defensive, die auch gegen harmlose Gäste stets konzentriert blieb.

Winterthurs Sportchef Oliver Kaiser redete im Anschluss von der schlechtesten Leistung unter Ralf Loose, dem Trainer, der seit Sommer 2018 in der Eulachstadt amtet und der ausgerechnet am Tag vor der Nicht-Leistung im Brügglifeld seinen Vertrag bis 2023 verlängert hatte.

Diametral anders die Gefühlslage bei den Aarauern. Ja, das sei der besten Saisonleistung nahe gekommen, fand Captain Olivier Jäckle, betonte aber, dass solche Vergleiche immer schwierig seien. Fakt ist: So eindeutig verteilt waren die Kräfteverhältnisse in Duellen zwischen Aarau und Winterthur nicht oft – und wenn, dann zu Ungunsten des FCA. Zum bis dato letzten Mal bezwang man die Winterthur im Frühling 2016 mit drei Toren Unterschied.

Der Cup-Achtelfinal und drei Tage zuvor das Ligaspiel gegen den FC Schaffhausen bildeten ein Päckli, das wegweisend war für den Rest der Saison. Mission erfüllt – der FC Aarau tanzt weiter auf zwei Hochzeiten. Drei Erkenntnisse nach erfolgreichen Ostertagen im Brügglifeld:

1. Die Schiessbude wird zum Bollwerk

Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Die Saison 2019/20 war in mehrerer Hinsicht schlecht, gar zur Peinlichkeit wurde die Gegentorflut: In 38 Spielen (inkl. Cup) trafen die Gegner insgesamt 84 Mal gegen den FC Aarau, Schlusslicht Chiasso kam «lediglich» auf 72 Gegentore. Im Schnitt musste der damalige Stammgoalie Nicholas Ammeter 2,2 Mal pro Partie hinter sich greifen – ein katastrophaler Wert.

Als Ende September 2020 die laufende Saison mit neuem Sportkonzept, neuem Trainerteam und vielen neuen Spielern begann, schien es, als würde der FCA ausgerechnet die leidige Defensivschwäche nicht losgeworden sein: Schon nach zwei Spieltagen war man bei acht Gegentoren angelangt.

Seither jedoch geht’s aufwärts: Goalie Simon Enzler strahlt Sicherheit aus, das Innenverteidiger-Duo Bergsma/Thiesson harmoniert immer besser und spätestens nach der Verpflichtung von Linksverteidiger Bastien Conus (kam im Februar aus Chiasso) ist man auf beiden Aussenverteidiger-Positionen für Challenge-League-Verhältnisse überdurchschnittlich gut besetzt.

Die zunehmende defensive Stabilität ist nicht nur ein Gefühl, sie wird auch statistisch untermauert: Im ersten Saisonviertel hat der FC Aarau in neun Partien 16 Gegentore kassiert, im zweiten Viertel waren es 15. Im dritten Viertel dann der grösste Sprung: Nur noch neun Gegentore in neun Spielen. Insgesamt steht der FCA nach 30 Saisonspielen (inkl. Cup) bei 42 Gegentoren, in der Liga sind es 40 Gegentore in 27 Spielen. Letzteres ist immer noch der drittschlechteste Wert aller zehn Challenge-League-Teams, doch der Trend von zuletzt einem Gegentor pro Partie ist klar positiv und eines Barrage-Anwärters würdig.

Übrigens: Während Aarau in der Saison 2019/20 insgesamt nur fünf Mal eine Partie ohne Gegentor beendete, sind es heuer nach drei Vierteln der Spielzeit bereits acht «Zu-Null», zuletzt zwei Mal in Folge beim 1:0 gegen Schaffhausen und beim 3:0 im Cup-Viertelfinal gegen Winterthur.

Die Aarauer Spieler jubeln über den ersten Halbfinal-Einzug seit 16 Jahren.
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Grosser Jubel bei den Aarauern nach dem Halbfinal-Einzug.
Ausgelassener Jubel bei Stephan Keller nach dem 3:0-Erfolg.
Stojilkovic verbucht beinahe den vierten Aarauer Treffer.
Filip Stojilkovic beschäftigt die Winterthurer Defensive in der zweiten Halbzeit.
Donat Rrudhani lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Jérôme Thiesson leistet die Vorarbeit beim dritten Aarauer Streich.
Kurz nach der Pause kann Shkelzen Gashi auf 3:0 erhöhen.
Der FC Winterthur kommt kaum zu nennenswerten Chancen.
Bastien Conus zündet den Turbo.
Leon Bergsma jubelt mit seinen Teamkollegen.
Dominante Aarauer führen zur Halbzeit verdient mit 2:0.
Bergsma trifft nach einem Eckball von Shkelzen Gashi.
Kurz vor dem Pausentee trifft Innenverteidiger Leon Bergsma zum 2:0.
Leon Bergsma mit kämpferischem Einsatz.
Die Aarauer geben das Spieldiktat während der ersten Halbzeit nie aus der Hand.
Zwei Schweizer Fussball-Titanen im Duell.
Der FC Aarau hat den FC Winterthur während der ersten Halbzeit im Griff.
Almeida kann eine Vorlage von Donat Rrudhani verwerten.
Mickael Almeida jubelt über den verdienten Aarauer Führungstreffer.
Einst Teamkollegen, nun in den Farben getrennt: Davide Callà und Shkelzen Gashi.

Die Aarauer Spieler jubeln über den ersten Halbfinal-Einzug seit 16 Jahren.

freshfocus

2. Aufsteigende Form bei Sorgenkindern

Vor der Länderspielpause waren Innenverteidiger Jérôme Thiesson, Flügelspieler Marco Aratore und Mittelfeldakteur Mats Hammerich die Sorgenkinder im FCA-Kader: Thiesson verschuldete beim 1:4 gegen GC mit Abspielfehlern zwei Gegentore, notabene nicht die ersten Aussetzer des 33-Jährigen in dieser Saison. Aratore, der im vergangenen Oktober aus Russland zum FCA zurückgekehrt war, konnte die hohen Erwartungen seither nicht erfüllen. Und Hammerich, obwohl er von Trainer Stephan Keller sehr viel Spielzeit erhält, schien trotz dieses Vertrauens keine Fortschritte zu machen.

Die zweiwöchige Länderspielpause scheint dem Trio gutgetan zu haben: Thiesson hat als Innenverteidiger naturgemäss grossen Anteil daran, dass Aarau sowohl gegen Schaffhausen als auch gegen Winterthur ohne Gegentor blieb. Und gegen den FCW bereitete er zudem mit einer Massflanke das 3:0 durch Shkelzen Gashi vor. Aratore stand gegen Winterthur erstmals seit über einem Monat wieder in der Startformation und zeigte sein bestes Spiel seit der Rückkehr aus Russland.

Und Hammerich? Der hatte gegen Winterthur auch für den Laien erstmals in dieser Saison grossen Einfluss auf die Partie und auf den Sieg. Er ging nicht nur weite Wege, sondern gewann wichtige Zweikämpfe und demonstrierte in der ersten Halbzeit von ihm unbekannte Spielmacherqualitäten. Für Trainer Stephan Keller hat Hammerich schon immer seine Wichtigkeit, sonst hätte er ihn nicht in 18 Saisonspielen in die Startelf gestellt und zu so etwas wie seinem persönlichen Projekt gemacht. Keller nennt Hammerich «unseren Indianer» - passt, denn Häuptling sein entspricht auch (noch?) nicht dem Naturell des Blondschopfs. Seine jüngsten zwei Auftritte waren definitiv die besten der Saison, trotzdem ging die Tendenz in den Vertragsgesprächen schon zuvor in Richtung «Verlängern». Ende Saison läuft Hammerichs aktueller Vertrag aus, man darf davon ausgehen, dass bald die Meldung zur Verlängerung erfolgt. Doch einfacher wird’s für Hammerich in Zukunft dadurch nicht: Auf seiner Position im zentralen Mittelfeld wird der FC Aarau im Sommer, so ist es intern beschlossene Sache, einen gewichtigen Neuzugang verpflichten, um das durch den Rücktritt von Elsad Zverotic entstandene Vakuum zu füllen.

3. Wintertransfers schlagen voll ein

Transfers bei Saisonhalbzeit sind so eine Sache: Die Zeit zur Akklimatisation der Neuzugänge ist kurz – und wären die Neuzugänge in Topform, hätten ihre Klubs sie kaum gehen lassen. Es bestand also auch Anlass zur Skepsis, als der FC Aarau Mitte Februar die Verpflichtung von Mickael Almeida und Bastien Conus (beide aus Chiasso) bekannt gab.

Doch wie Vieles seit dem Umbruch im vergangenen Sommer hat sich auch ihre Verpflichtung als der richtige Schachzug zum richtigen Zeitpunkt herausgestellt: Conus wurde für die Position hinten links in der Abwehr verpflichtet, bis dato eine Schwachstelle im FCA-Spiel. Der gebürtige Basler ist seit seiner Ankunft in jedem Match Stammkraft, überzeugt mit Laufvermögen, Kampfkraft und Torgefährlichkeit (zwei Assists in zehn Spielen) – Problem hinten links gelöst.

Der feine Techniker Almeida entpuppt sich als ideale Ergänzung zu Sturmtank Filip Stojilkovic und sorgt zudem für den nötigen Konkurrenzkampf auf dieser Position. Der Portugiese trifft nicht nur selber (drei Tore), seit seiner Ankunft ist auch Stojilkovic wieder erfolgreich, nachdem dieser zuvor fast zwei Monate auf einen Treffer warten musste.

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