Ein Kellner sagt am Montagmorgen zu Marco Thaler: «Du siehst aus wie Wayne Rooney.» Der fussballerische Vergleich mit dem englischen Rekordtorschützen wäre ja ein Lob, der optische ist es weniger. Später wird Thaler ein Cappuccino statt das bestellte Wasser hingestellt. Bleibt für den 24-Jährigen zu hoffen, dass das neue Jahr glatter läuft als das Rendezvous mit den Servicekräften des «Calista Luxury Resort», wo der FC Aarau während des Trainingslagers logiert.

Marco Thaler, zehn Monate ist es her, als das Kreuzband im rechten Knie riss. Darum die erste Frage: Wie geht es Ihnen?

Thaler: Danke, ich fühle mich körperlich gut. Die Abläufe während eines Spiels, das Erkennen von Situation und meine Reaktion darauf, in diesen Punkten bin ich noch am Aufholen. Darum sind die vielen Testspiele in der Vorbereitung Gold wert. In Zahlen ausgedrückt bin ich bei 85 Prozent.

Nach den Fussbrüchen 2016 und 2017 die schwere Knieverletzung im vergangenen Jahr. Das Schicksal meinte es nicht gut mit Ihnen.

Als mir die Leute im Klub im März sagten, dass sie erst 2019 wieder mit mir rechnen, war das hart. Es schien mir wie eine Ewigkeit. Ich hätte früher zurückkehren können, körperlich war ich bereits Anfang September auf einem guten Level. Aber die Ärzte bremsten mich und sagten, ich müsse die Neun-Monate-Grenze abwarten, dann sei die Gefahr einer erneuten Ruptur auf dem Minimum.

Im September steckten Ihre Teamkollegen in einer historischen Krise und Sie fühlten sich fit genug, um auf den Platz zurückzukehren. Wie gross war die Versuchung, gegen den Rat der Ärzte zu handeln?

Sehr gross. Ich sehe mich als Führungsspieler und wurde im Sommer trotz Verletzung zum Vize-Captain bestimmt. Aber ich habe in den letzten Monaten vor allem eines gelernt: Erst wenn es mir zu 100 Prozent gut geht, bin ich der Mannschaft eine Hilfe. Und mental war ich im Herbst noch nicht bereit für Ernstkämpfe.

Sie sassen ab Oktober trotzdem auf der Ersatzbank, akkreditiert als Materialwart. Wieso das?

Es war mir wichtig und vom Trainer gewünscht, wieder nah bei der Mannschaft zu sein. Ich sah mich als Mentalcoach.

Als Gute-Laune-Bär in der Krise?

Ich bin von Grund auf ein positiver Mensch, in schwierigen Zeiten sehe ich immer auch Positives. Das habe ich den Jungs vermittelt und zur Aufmunterung auch mal einen Spruch gemacht.

Als wir uns in den Wochen nach dem Kreuzbandriss unterhielten, tönten Sie als mögliche Zukunftsoption auch ein Karriereende an.

Ich steckte in der heikelsten Phase nach einem Kreuzbandriss, ich wusste nicht, ob bei der Operation alles gut verlaufen war und ob mich grobe Rückschläge erwarten. Gewollt habe ich das Karriereende in keiner Sekunde. Damals wollte ich mir einfach alle Optionen offen halten. Und wäre es mit dem Knie nicht gut gekommen, würde ich heute nicht mit Ihnen hier sitzen.

Sie haben mir auch gesagt, die Ungewissheit, warum das Kreuzband kaputt ging, die stresse sie.

Ich habe mir die Szene gefühlte 15000 Mal angeschaut. Es war kein Foul und auch keine falsche Bewegung. Es muss also eine Stressreaktion auf die psychisch anstrengende Zeit damals gewesen sein. Auf den Röntgenbildern war zu sehen, dass das Kreuzband nicht einfach gerissen, sondern richtiggehend explodiert ist.

Was meinen Sie mit „psychisch anstrengende Zeit“?

Ich machte mir extrem viele Gedanken über meine Person hinaus. In der Mannschaft lief nicht alles rund, im Verein war es unruhig, die Kritiken von aussen waren hart – diese Dinge haben mich früher sehr belastet. Ich war wohl in dem Moment, als das Kreuzband riss, mit dem Kopf woanders.

Und heute sind Sie – überspitzt formuliert -  Einzel- statt Mannschaftssportler?

Auf keinen Fall. Doch wie gesagt: Erst wenn es mir gut geht, kann ich dem Rest helfen. Vielleicht bin ich noch zu sehr Mannschaftssportler, aber ich arbeite daran. Ich habe mir Freiräume genommen. Kassenwart bin ich zwar immer noch, doch statt wie früher um Mitternacht noch zwei Stunden die Abrechnung zu machen, verschiebe ich dies heutzutage auf den nächsten Tag und gehe schlafen.

Vor Ihrer Verletzung waren Super-League-Klubs hinter Ihnen her. Danach mussten Sie froh sein, dass Ihnen der FC Aarau einen neuen Vertrag gibt. Einverstanden?

Tönt hart, aber ja, so war es. Die Gesundheit ist das Kapital jedes Fussballers. Bin ich nicht gesund, bin ich kein interessanter Spieler. Vor der Verletzung versprachen mir gewisse Personen das Blaue vom Himmel, danach wünschten sie noch gute Besserung und liessen nichts mehr von sich hören. Aber hey: Ich verstehe das. Es gibt nur eine Handvoll Spieler auf der Welt, die auch auf dem Operationstisch einen Vertrag angeboten bekommen. Zu diesen gehöre ich definitiv nicht (lacht).

War die Vertragsverlängerung beim FC Aarau die Verlegenheitslösung?

Ich habe schon vor der Verletzung gesagt: In Aarau zu bleiben kommt für mich genauso infrage wie ein Wechsel. Die Antwort auf Ihre Frage ist ganz klar: Nein.

Schon Sandro Burkis Vorgänger als Sportchef, Raimondo Ponte, wollte den Vertrag mit Ihnen verlängern. Damals haben Sie abgelehnt mit der Begründung, einen Plan zu vermissen.

Für mein Interview damals mit Ihnen wurde ich von vielen Leuten kritisiert. Wie könne ich es wagen, mich so kritisch über den Klub zu äussern! Die Meinung war: Ein Spieler, der einen besser dotierten Vertrag vorgelegt bekommt, soll den Mund halten und gefälligst unterschreiben. Ich sehe das anders: Ich liebe den FC Aarau und mir ist wichtig, wo der Weg hingeht. Der Vorwurf, ich hätte aus finanziellen Gründen nicht schon früher verlängert, ist ein Witz: 2014 habe ich den ersten Profivertrag unterschrieben und vier Jahre wurde daran nichts verändert.

Burki setzt auf in die Jahre gekommene Spieler mit grossem Namen, auf Eigengewächse und auf Leihspieler. Stimmt dieser Weg für Sie?

Mich haben seine Pläne von Anfang an überzeugt.  Die Mischung im Team aus Persönlichkeiten mit ruhmreicher Vita und jungen Spielern, die alle auch schon Charakterköpfe sind, passt. Wir haben eine Leistungskultur, es herrscht nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen – aber die Meinungsverschiedenheiten sind immer konstruktiv, alle wollen primär den Erfolg des Vereins.

Überraschender als Ihre Vertragsverlängerung war die Tatsache, dass Sie gleich für drei Jahre unterschrieben haben.

Wie meinen Sie das?

Aus Burkis Sicht, weil er einem verletzten Spieler einen langfristigen Vertrag gibt. Und aus Ihrer Sicht, weil Sie einst tendenziell gegen eine Vertragsverlängerung waren.

Okay, ich verstehe. Als Sandro mir drei Jahre vorschlug, habe ich keine Sekunde gezögert. Das Angebot war fair und wertschätzend in allen Punkten. Ich spürte: Der FC Aarau rechnet mit mir, das muss ich annehmen. Kein anderer Spieler ist so lange den an Klub gebunden.

Sie haben vor einem Jahr auch mit der Vertragsverlängerung gezögert, weil Sie mittelfristig in die Super League möchten. Haben Sie Ihre Ansprüche runtergeschraubt?

Ich habe meine Ansprüche verändert: Primär will ich maximal gesund sein. Nur so werde ich ein besserer Spieler. Konkrete Ziele, wann ich wo spielen will, habe ich nicht mehr, das bringt nichts, ich muss in der Gegenwart denken.

Ausgerechnet jetzt, wo Sie zurückkehren, hat die Mannschaft den Tritt gefunden. In der Innenverteidigung scheinen Giuseppe Leo und Nicolas Bürgy gesetzt. Ihnen droht erstmals in Ihrer Karriere die Situation, dass Sie nicht spielen, obwohl Sie gesund sind.

Ich muss erst an den Punkt kommen, an dem ich sagen kann: „Ich erkenne mich auf dem Platz wieder“ Bis zum Rückrundenstart sind es noch zehn Tage. Ich habe also noch Zeit. Gleichzeitig werde ich nicht nervös, wenn ich gegen Wil nicht spiele. Mittelfristig habe ich den Anspruch auf einen Stammplatz. Den hat auch der FC Aarau an mich, darum haben sie mich langfristig gebunden.

Ist der Konkurrenzkampf so gross wie noch nie, seit sie beim FCA spielen?

Definitiv. Wir sind vier Innenverteidiger auf gleichem Niveau. Auf allen anderen Positionen ist es genauso. Schon die Trainings sind qualitativ so hochstehend und intensiv, dass der Lernfaktor in jeder Einheit fast wie in einem Spiel ist.

Sie schwärmen – wie erklären Sie sich dann die sechs Niederlagen zu Saisonbeginn?

Kicken können wir alle, auf diesem Level spielt sich Fussball sich im Kopf ab. Es mag langweilig tönen: Aber etliche Spieler hatten schwierige Zeiten hinter sich, sonst wären sie ja gar nicht zum FC Aarau gekommen. Auch ein Ronaldo und Messi brauchen nach langen Pausen Zeit, wieder in Form zu kommen. Wenn es in der persönlichen Findungsphase gleichzeitig dem Kollektiv schlecht geht, dann ist der Absturz vorprogrammiert. Ich erkenne heute die Jungs von damals nicht wieder. Wie sie performen, wie sie reden, wie sie auftreten. Aber es liegen nur sechs Monate dazwischen - verrückt!

Die Barrage liegt nur noch drin, wenn der FCA gut aus den Startlöchern kommt und wenn er sich bis zum Saisonende keine Hänger mehr leistet. Als wie wichtig schätzen Sie es für den Burgfrieden im prominenten Kader ein, dass es bis im Mai sportlich um etwas geht, sprich die Barrage möglich ist?

Lassen wir die Barrage noch beiseite. Viele vergessen, dass wir vom Abstiegsplatz gleich weit entfernt sind wie von der Barrage. Letztlich ist es so: Wir sind alles Profis. Wer sich als Reservist hängen lässt und nicht bereit ist, wenn es ihn braucht – sorry, Job verfehlt. Nehmen wir Damir Mehidic: Monatelang kam er hinten links nicht am überragenden Linus Obexer vorbei. Und dann spielt er im letzten Match der Vorrunde gegen Kriens und trocknet Ligatopskorer Nico Siegrist ab. Warum? Weil er trainiert hat wie ein Verrückter. Die Spieler der ersten Garde haben ihren Vorsprung verdient, aber sie müssen wissen: Wir dahinter sind ihnen im Nacken.

Zum Schluss noch zu einem Thema abseits des Platzes: Was erhoffen Sie sich von der neuen Klubführung, die im Sommer übernimmt?

Ich wünsche mir, dass Sandro auch in der nächsten Saison unser Sportchef ist.

Zweifeln Sie daran?

Sein Vertrag läuft Ende Saison aus.

Welchen Kurs soll die neue Führung einschlagen?

Wir haben hinter Servette und Winterthur den dritthöchsten Zuschauerschnitt der Liga. Wäre es in dieser Saison von Anfang an gut gelaufen, wären wir noch weiter vorne. Schon aus Respekt den Fans gegenüber ist es alternativlos, die Ambitionen hoch zu halten. Ich jedenfalls habe nicht verlängert, um künftig gegen den Abstieg zu spielen.

Bis jetzt zeichnet sich kein Nachfolger von Präsident Alfred Schmid ab. Fürchten Sie eine Notlösung?

Ich bin überzeugt, Herr Schmid und die restlichen Verwaltungsräte werden den FCA nur dann abgeben, wenn sie ihn in besten Händen wissen.