Handball-WM
Für die After-Party hat die Energie nicht mehr gereicht: Der Aargauer Nati-Flügel Marvin Lier zieht nach der WM Bilanz

Dank des 27:24-Sieges zum Abschluss gegen Algerien klassiert sich die Schweizer Handballnationalmannschaft bei der WM in Ägypten in den Top 16. Der Ehrendinger Marvin Lier hat mit 17 Treffern zum starken Endergebnis beigetragen.

Dean Fuss
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Der Aargauer Nationalmannschafts-Flügel Marvin Lier bejubelt einen seiner insgesamt 17 Treffer an der Handball-WM in Ägypten.

Der Aargauer Nationalmannschafts-Flügel Marvin Lier bejubelt einen seiner insgesamt 17 Treffer an der Handball-WM in Ägypten.

Keystone

Mit einem Charterflug kehrte das Schweizer Handball-Nationalteam am Montagnachmittag aus der «WM-Bubble» in Ägypten in die Schweiz zurück. Mit an Bord war auch der 28-jährige Ehrendinger Marvin Lier. Der linke Flügel von Pfadi Winterthur war in den sechs WM-Partien der Schweizer zu durchschnittlich fast 35 Einsatzminuten pro Partie gekommen und hatte dabei 17 Treffer erzielt.

Sind Sie und Ihre Teamkollegen am Sonntagabend noch etwas zum Feiern der starken WM-Auftritte gekommen?

Marvin Lier: Wir haben zwar zusammen angestossen, aber eine grosse Party lag nicht drin. Einerseits, weil wir die «WM-Bubble» nicht verlassen durften und auch auf die Teams Rücksicht genommen haben, die sich noch auf ihre Partien von heute vorbereitet haben. Andererseits hätten wir nach dem brutalen Programm auch gar nicht mehr die Energie dafür gehabt. So haben wir uns einen eher gemütlichen Abend gemacht und konnten die Schlussrangierung in den Top 16 erst einmal in aller Ruhe setzen lassen.

Drei Siege, drei Niederlagen. Was ziehen Sie für eine Bilanz?

Wir haben an der WM gezeigt, was wir können. Wir können stolz auf unsere Leistung sein. Umso mehr, wenn man betrachtet, gegen wen die drei Niederlagen zustande gekommen sind. Und auch die Art und Weise. Wir konnten gegen Norwegen und Frankreich mithalten. Das sind Top-Teams, die um den Titel spielen werden. Und dann sind da ja noch die drei Siege: Der spezielle Turnierauftakt gegen Österreich, als es bereits um alles ging. Der über den Kampf geholte Sieg gegen die Isländer im ersten Hauptrundenspiel, wo wir immer an unsere Chance geglaubt haben. Und schliesslich der brutal wichtige Sieg zum Abschluss der WM gegen Algerien, der uns die Platzierung in den Top 16 gesichert hat.

Viel Einsatzzeit und 17 Treffer – Sie haben auch persönlich ein gutes Turnier gespielt.

Ich bin zufrieden mit meinem Turnier. Ich habe viel Vertrauen erhalten und das auch mit Leistung zurückzahlen können. Im Spiel mit sieben gegen sechs Feldspieler ist es als Flügel nicht immer spektakulär, aber dafür ist das Timing beim Wechsel enorm wichtig. Das hat gut geklappt. Ich habe das Gefühl, dass ich auch meine Position als emotionaler Leader und Antreiber zusammen mit Nik Tominec gut ausgefüllt habe. Aber es war egal, wer viel und wer wenig gespielt hat. Wir haben uns alle gegenseitig Energie gegeben. Denn schlussendlich sind einzelne Statistiken völlig unwichtig. Auch wenn Andy (Schmid, d.Red.) mit seiner Qualität aus der Mannschaft herausragt, ist es der Teamspirit, der uns auszeichnet.

Der Schweizer Flügelspieler Marvin Lier erzielte in Ägypten insgesamt 17 Treffer, fünf Mal war er wie hier gegen Norwegen mittels Siebenmeter erfolgreich.

Der Schweizer Flügelspieler Marvin Lier erzielte in Ägypten insgesamt 17 Treffer, fünf Mal war er wie hier gegen Norwegen mittels Siebenmeter erfolgreich.

Keystone

Was war für Sie das WM-Highlight?

Die Partie gegen Österreich wird wohl keiner von uns jemals vergessen. Die Ausgangslage war klar: Wir mussten gewinnen, wenn wir in die Hauptrunde wollten. Dazu haben wir uns selber enorm Druck gemacht, weil wir die Österreicher endlich einmal besiegen wollten und unbedingt an einem Turnier vor ihnen klassiert sein wollten. Dann kommt noch hinzu, dass wir nach der stundenlangen Anreise direkt vom Flughafen in die Halle gekommen sind. Wir hatten keine Vorbereitung. Kurzum: Dieser Sieg war ein riesiges Highlight.

Haben die schwierigen Umstände dem Team vielleicht sogar geholfen?

Gerade vor dem Österreich-Spiel hatten wir dadurch kaum Zeit überhaupt nervös zu werden. Stattdessen waren wir nach den chaotischen Stunden voller Adrenalin. Schliesslich drehte sich alles darum, ob wir es überhaupt rechtzeitig in die Halle schaffen. Aber wir haben das Adrenalin auf die Platte mitnehmen können und dann durchgezogen.

Sechs Partien innert elf Tagen. Haben Sie schon einmal so dicht gedrängtes Programm erlebt?

Mit der Junioren-Nationalmannschaft habe ich auch schon EM- und WM-Turniere gespielt. Aber auf diesem Niveau ist es natürlich noch einmal etwas ganz anders. Noch dazu mit so viel Einsatzzeit. Das war heftig. Am Sonntag gegen Algerien hat man das dann auch etwas gesehen. Da sind wir komplett auf dem Zahnfleisch gegangen. Im Normalfall wären wir wohl schon noch ein paar Tore besser gewesen, aber mehr lag zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr drin.

Im Gegensatz zu anderen Nationen haben Sie und Ihre Teamkollegen sich nicht über die Zustände rund um die WM beklagt.

Wir haben die Gesamtsituation als sehr gut erlebt. Wir wurden täglich auf das Coronavirus getestet, haben abgeschottet gegessen, überall galt Maskenpflicht. Die sogenannte «Bubble» hat sehr gut funktioniert. Für uns hat es gepasst. Wir haben die WM als sicher erlebt und haben uns sehr wohl gefühlt. Wir haben aber in dieser Hinsicht sicher auch von unserer späten Anreise profitiert, weil bis dahin die grössten Probleme bereits behoben waren. Das war sicher ein Vorteil für uns.

Was wird Ihnen nach der Rückkehr aus Ägypten fehlen?

Natürlich die Mannschaft. In diesen Tagen sind wir unglaublich zusammengewachsen, dass wir Erfolg hatten, hat da natürlich enorm viel zur guten Stimmung beigetragen. Ich werde meine Nati-Teamkollegen schon vermissen. Gerade auch all die Spieler, die im Ausland spielen und die man jetzt wieder länger nicht sehen wird. Gleichzeitig freuen wir uns alle auch auf das gewohnte Umfeld zu Hause und unsere Familien.

Marvin Lier (l.) ist nach dem sechsten Spiel innert elf Tagen erschöpft.

Marvin Lier (l.) ist nach dem sechsten Spiel innert elf Tagen erschöpft.

Keystone

In anderthalb Wochen geht die Meisterschaft auch für Ihren Verein Pfadi Winterthur wieder los. Was steht jetzt für Sie an?

Ich gehe davon aus, dass wir (neben Lier waren mit Cédrie Tynowski und Michal Svajlen zwei weitere Pfader im WM-Kader, d.Red.) noch ein paar Tage frei bekommen werden. Das müssen wir aber noch mit dem Trainer aushandeln. Für die Erholung wäre es ideal, wenn wir jetzt sicher mal zwei, drei Tage einfach nichts machen würden. Dann sehen wir weiter.

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