Zwei Jahre vor der Fussball-WM 2006 herrscht in Deutschland Ausnahmezustand. Ottmar Hitzfeld verzichtet aus persönlichen Gründen auf den Job des deutschen Nationaltrainers. Die Boulevardpresse in unserem nördlichen Nachbarland ist in Aufruhr.

Die Reporter sind heiss auf Schlagzeilen. Wo ist Hitzfeld? Was ist los
mit ihm? Ist er krank? Will er nicht mehr? Ist seine Trainerkarriere vorbei?

Der Moderator der Talkshow «Doppelpass» im deutschen Sportfernsehen ist besonders hartnäckig. Er hat mich als Vertrauten von Hitzfeld ausgemacht und löchert mich mit Fragen. Er will unbedingt, dass ich Hitzfeld treffe und mit ihm über die Absage spreche.

Aber Ottmar ist auf seinem Handy nicht zu erreichen. Ich rufe seine Frau Beatrix an, die mir weiterhilft. «Ottmar und ich sind in Engelberg», sagt sie. «Momentan spielt er eine Runde Golf.»

Eine Stunde später bin ich auf dem Golfplatz. Hitzfeld kommt mir entgegen. Als er mich sieht, runzelt er die Stirn. «Was willst Du denn hier», fragt er mich. «Die Wahrheit», entgegne ich. «Wie geht es Dir, Ottmar», sage ich. «Ganz Fussball-Deutschland will wissen, warum Du den Job des Nationaltrainers nicht annimmst. Das kann niemand verstehen. Die Leute machen sich Sorgen um Dich. Was ist los mit Dir?»

Hitzfeld lächelt. «Alles ist gut», beruhigt er mich. «Es geht mir besser. Ich brauche ein wenig Ruhe, muss mich erholen, werde in nächster Zeit also keinen Trainerposten annehmen. Auch nicht das Amt des deutschen Nationaltrainers.

Ich brauche etwas Abstand vom Fussball. Momentan zählen nur meine Gesundheit und meine Familie.» Mit deutschen Journalisten will Hitzfeld zu diesem Zeitpunkt nicht sprechen. «Erkläre den Reportern auf eine unaufgeregte Art und Weise, was Sache ist», sagt er. «Ich vertraue Dir, aber mach keine Sprüche.»

So wurde ich zum Sprachrohr von Ottmar. Gegen meinen Willen: Es war nicht das erste Mal, dass mein Verhältnis zu Hitzfeld auf eine harte Probe gestellt und zu einer Herausforderung wurde. Hatte er sich etwas in den Kopf gesetzt, zog er es durch. Kompromisslos! Um Erfolg zu haben und Siege einzufahren, war ihm fast jedes Mittel recht.

Er konnte knallhart sein. Nicht nur im Umgang mit Spielern. Hitzfeld hatte die Gabe, Medienvertreter auf seine Seite zu ziehen, ja sie sogar zu instrumentalisieren. Hielt sich ein Journalist nicht an seine Regeln und missbrauchte sein Vertrauen, war er weg vom Fenster.

Nach der erfolgreichen Zeit bei Bayern München zwischen 1998 und 2004 schlug Hitzfeld viele lukrative Angebote aus und erteilte sogar den Königlichen von Real Madrid eine Absage. Als ich von seiner Frau Beatrix erfuhr, dass er ein Angebot als Sport-Direktor von Katar hatte, liess ich die kleine Bombe platzen. Das hätte ich wohl lieber nicht getan. Mein Verhältnis zu Hitzfeld war danach nicht mehr das gleiche wie früher. Er liess mich fallen. Wie eine heisse Kartoffel!