Neuverpflichtung

Hoffen auf den Serey-Effekt: Die Hintergründe zum spektakulären Transfercoup des FC Aarau

Vor drei Monaten stiess er im Xamax-Trikot den FC Aarau ins Tal der Tränen, nun ist der 34-jährige Ivorer Geoffroy Serey Dié zurück im Brügglifeld - als Angestellter des FCA. Wie kann sich der Klub diesen Spieler leisten? Und was erhofft man sich von ihm?

Ausgerechnet er: Es ist der 2. Juni 2019, kurz vor 19 Uhr, als Geoffroy Serey Dié den FC Aarau ins Tal der Tränen stösst. Im Barrage-Rückspiel, hinter den Spielern und 8000 Zuschauern liegen ein 120-minütiger Abnützungskampf in der Gluthitze, verwertet der Ivorer den letzten von zehn Penaltys und macht das Wunder perfekt: Xamax bleibt trotz der 0:4-Hinspielpleite in der Super League, die Aarauer Aufstiegsshirts landen im Keller.

Gut drei Monate später ist Serey Dié zurück in Aarau. Nicht etwa, um sich nachträglich als Andenken an den verrückten 2. Juni ein Stück Brügglifeld-Rasen zu sichern, nein, Serey Dié betritt an diesem Donnerstagmittag die Geschäftsstelle des FC Aarau, um einen Vertrag bis Ende Dezember 2019 zu unterzeichnen.

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Nach langem Warten schlägt der FC Aarau auf dem Transfermarkt doch noch zu: Mittelfeld-Puncher Geoffroy Serey Dié hat am Donnerstag einen Vertrag bis Ende 2019 unterschrieben. Die AZ-Experten Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn sind begeistert über die News und finden: "Hut ab, dieser Spieler tut der Mannschaft gut!"

44 Länderspiele für die Elfenbeinküste, 4 Meistertitel mit dem FC Basel, drei Cupsiege mit Basel und Sion, Champions-League-Sternstunden mit dem FCB und 36 Bundesliga-Spiele für Stuttgart, aber auch immer wieder Schlagzeilen wegen Auseinandersetzungen mit Trainern und Mitspielern, Roten Karten und emotionalen Ausbrüchen: Der 34-Jährige hat seit seinem Wechsel 2008 in die Schweiz zum FC Sion für viel Unterhaltung gesorgt, sich primär aber einen Namen als kompromissloser Abräumer und Antreiber gemacht, der all seine Mannschaften besser gemacht hat. Zuletzt im Frühling 2019 Neuchâtel Xamax, zu dem er sich wegen Differenzen mit Basel-Trainer Marcel Koller ausleihen liess. Für den damaligen Xamax-Trainer Stéphane Henchoz (jetzt Sion) war Serey Dié der Schlüssel zur Aufholjagd vom letzten Tabellenplatz in die Barrage – und dort im Rückspiel Antreiber der totgesagten Neuenburger.

Eine Rückkehr nach Basel, wo er noch Vertrag bis 2020 hatte, war nach dem Verbleib von Trainer Koller ausgeschlossen. Der Vertrag wurde aufgelöst und Serey Dié war frei für einen neuen Klub. Es gab Interessenten aus der Super League und dem Ausland – doch gelandet ist Serey Dié nun in Aarau. Wie das?

Verzicht auf Geld und die Brügglifeld-Romantik

Der Transfercoup ist mitunter der Hartnäckigkeit von FCA-Sportchef Sandro Burki zu verdanken. Als Serey Dié nach der ersten Kontaktaufnahme vor einigen Wochen ablehnte, blieb Burki dran. Im Wissen, dass er beim feinfühligen Serey Dié zwar nicht mit Geld, aber mit dem Drumherum punkten kann: mit der familiären Atmosphäre, mit dem provinziellen, aber umso romantischeren Brügglifeld, das Serey Dié bei all seinen Gastspielen mit seinen Ex-Klubs imponierte, und mit der Anführer-Rolle in einer talentierten, aber viel zu lieben Mannschaft.

Geholfen haben auch die guten Beziehungen von Burki und Aarau-Trainer Patrick Rahmen zu Georg Heitz. Der ehemalige Sportchef des FC Basel, der Serey Dié einst ans Rheinknie holte, ist für diesen eine Art Vaterfigur. Heitz führt mittlerweile zusammen mit dem Ex- FCB-Präsidenten Bernhard Heusler und Stephan Werthmüller, dem ehemaligen Finanzchef der Basler, die Beraterfirma «HWH», zu deren Klienten auch Serey Dié zählt.

Nicht zuletzt benötigte es auch das Entgegenkommen des Spielers in finanzieller Hinsicht, verbunden mit dem Wunsch, in der Schweiz und somit in der Nähe der Familie im Baselland zu bleiben. Serey Dié wird in Aarau zwar gut, aber im Vergleich zu seinem Salär in Basel halt doch viel weniger als in seiner Karriere gewohnt verdienen. Und durch die Tatsache, dass Serey Dié vorerst bis Ende Jahr unterschrieben hat und der FCA so «nur» vier Monatslöhne zahlen muss, wurde das Transferpaket erst stemmbar, aber auch dies wohl erst dank Sonderefforts von Personen im FCA-Umfeld.

Im Vertrag gibt es keine Option auf eine Verlängerung. Was nicht ausschliesst, dass Serey Dié auch 2020 noch für den FCA kickt: Voraussetzung dafür ist, dass sich der harmoniebedürftige Spieler in den nächsten Wochen gut einlebt und trotz fortgeschrittenem Alter leistet, was erwartet wird: nämlich die zur Nonchalance neigende FCA-Mannschaft sportlich und emotional aufzumischen. In Aarau hoffen sie auf den Serey-Effekt. So wie vor einem Jahr, als Burki und Rahmen den Sturmriesen und Querdenker Stefan Maierhofer verpflichteten, was sich dank dessen Toren und wegen der unverblümten Art des Österreichers als Glücksgriff erwies.

Am Dienstag erhielt Burki die Meldung, dass Serey Dié nun doch bereit sei für den FCA. Am Mittwoch absolvierte er die medizinischen Tests – Fazit: alles okay. Am Donnerstag dann die Vertragsunterschrift und das erste Training mit den neuen Kollegen. Am Sonntag, wenn der FC Aarau in der zweiten Cuprunde den FC Sion empfängt, wird Serey Dié noch nicht dabei sein; die Spielberechtigung trifft erst nächste Woche vor dem Liga-Heimspiel gegen Schaffhausen ein.

Die «AZ» hätte nach Serey Diés erstem Arbeitstag in Aarau gerne auch von ihm persönlich erfahren, warum er sich nach der anfänglichen Absage doch für den FCA entschieden hat, was hier seine Ziele seien und ob er sich tatsächlich vorstellen könne, länger als nur bis Ende Jahr zu bleiben. Doch Serey Dié will nicht reden, zumindest vorerst nicht. Was viele nicht wissen: So laut und dominant er auf dem Platz und im Kreis der Teamkollegen ist, so scheu ist er nach aussen.

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