Kein Fussballtempel St. Jakob-Park, kein schickes Trainerbüro mit Designermöbeln – eine Woche vor dem Saisonstart empfängt Patrick Rahmen im Container, seit einem Jahr und bis auf weiteres sein Rückzugsort im Stadion Brügglifeld. Der 50-Jährige war vor einem Monat einer der Hauptakteure in der Sommerposse des Schweizer Fussballs: Rahmen stand kurz vor der Unterschrift beim FC Basel, ehe dort Präsident Bernhard Burgener seine Meinung revidierte und an Marcel Koller festhielt.

Es war nach 2017 das zweite Mal, dass Rahmen den sichergeglaubten Trainerjob bei seinem Herzensverein doch nicht erhielt. Eine Gefühlsachterbahn, schon wieder, nachdem Rahmen und der FC Aarau den Aufstieg in die Super League auf unerklärliche Art und Weise verpassten. FC Aarau statt FC Basel, Challenge League statt Super League – zwei Mal den Kürzeren gezogen? «Nein», sagt Rahmen entschieden, «ich habe einen tollen Job bei einem gesunden Verein mit sensationellen Fans und einem tollen Umfeld.»

Aber mal ehrlich: Wie oft sind Sie sich in den vergangenen Wochen im Traum im FCB-Trainingsanzug erschienen?

Patrick Rahmen: Nie. Als die Dinge in die andere Richtung liefen, habe ich das Thema «FC Basel» schnell abgehakt. Es gibt in Aarau so viel zu tun, ich habe gar keine Zeit für Sentimentalitäten.

Zum zweiten Mal in zwei Jahren haben Sie Ihren Traumjob «FCB-Trainer» nicht bekommen – frustriert?

Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt schon als Trainer in Basel gewähnt, zumal dort Marcel Koller einen laufenden Vertrag hat.

Patrick Rahmen bleibt Trainer des FC Aarau.

Patrick Rahmen bleibt Trainer des FC Aarau.

Sind Sie enttäuscht von Personen beim FC Basel, die Sie erst als Trainer wollten und dann plötzlich nicht mehr?

Kein Kommentar.

Der FC Basel hat in der Öffentlichkeit zuletzt ein fragwürdiges Bild abgegeben, zudem droht dem Klub in absehbarer Zeit ein finanzielles Fiasko. Vielleicht ist es am Ende gar besser für Sie, hat es mit dem Wechsel nicht geklappt.

Solche Gedanken habe ich nicht. Es gab Gespräche zwischen mir und dem FC Basel, am Ende hat es nicht geklappt. Alles Weitere müssen Sie die Verantwortlichen in Basel fragen.

Sie wollten sich in der besagten Woche mit der Familie auf Mallorca von der anstrengenden Saison mit dem FC Aarau erholen – ging das überhaupt? Und wie haben Sie aus der Ferne das Hickhack beim FCB erlebt?

Es waren keine normalen Ferien. Für die Familie, für die man als Fussballtrainer eh schon zu wenig als zu viel Zeit hat, war es nicht so schön.

Fiel es Ihnen schwer, nach dem verpassten Sprung nach oben den Fokus wieder auf Aarau und die zweitklassige Challenge League zu richten?

Überhaupt nicht. Ich schätze mich sehr glücklich mit dem, was ich in Aarau habe: Ein Klub mit viel Tradition, ein freundschaftliches Verhältnis zu Sportchef Sandro Burki und eine Vereinsführung, die den FCA unaufgeregt führt. Meine Aufgabe ist es, die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Aber natürlich verfolge ich, wie jeder in diesem Geschäft, auch persönliche Ziele – irgendwann will ich den Sprung in die Super League schaffen. Was nicht heisst, ich renne beim erstbesten Angebot weg. Am liebsten würde ich mit dem FC Aarau nach oben gehen.

Er würde mit dem FC Aarau am liebsten Aufsteigen: Patrick Rahmen.

Er würde mit dem FC Aarau am liebsten Aufsteigen: Patrick Rahmen.

Die grosse Frage vor der in einer Woche beginnenden Saison ist, wie gut der FC Aarau den Schock über den verpassten Aufstieg verdaut hat. Wie sieht das beim Trainer aus?

In den ersten Tagen nach der Barrage hatte ich Mühe, die Geschehnisse zu akzeptieren. Auch wenn Fussball manchmal unerklärlich ist: Wir haben an diesem Tag gegen Xamax Fehler gemacht. Zum ersten Mal die vergangene Saison als positiv einstufen konnte ich am Maienzug: Viele Aarauerinnen und Aarauer haben uns am Vorabend und am Bankett gedankt für die Euphorie, die wir in der Stadt ausgelöst haben.

Apropos: Wie war sonst Ihre Maienzug-Premiere?

Wunderbare zwei Tage!

Besser als die Basler Fasnacht?

Ganz anders und deshalb nicht vergleichbar.

Dann hoffe ich, Sie sind bei der nächsten Antwort weniger diplomatisch. Das Kader des FC Aarau ist eine Woche vor dem Saisonstart nicht konkurrenzfähig mit Lausanne und GC.

Wir haben mit den Abgängen von Nikolic, Bürgy, Obexer, Karanovic, Frontino und Tasar viel Substanz verloren. Wir sind auf der Suche nach einem torgefährlichen Offensivspieler, aber bislang wurde keiner dieser Spieler 1:1 ersetzt. Wir haben aber immer noch eine gute Mannschaft mit Spielern, die sich kennen. Diese Tatsache kann zum grossen Trumpf werden.

In der Natur jedes Sportlers liegt doch der Wille, sich zu verbessern. Heisst für den FC Aarau: Rang 1 und der direkte Aufstieg.

Wir haben die Messlatte in der vergangenen Saison sehr hoch gelegt, und ich verstehe Ihre Argumentation. Aber ich möchte der hohen Erwartungshaltung entschieden entgegentreten und darauf hinweisen, dass wir quantitativ und qualitativ noch nicht so aufgestellt sind wie zuletzt. GC und Lausanne leben finanziell in anderen Sphären. Doch die vergangene Saison hat auch gezeigt, wie eng die Teams in der Challenge League beisammen sind. Ein guter Teamgeist kann andere Defizite ausgleichen. Und wenn keine Verletzungswelle auf uns zukommt, haben wir gegen jeden Gegner Argumente für den Sieg.

Der Aarauer Stadtrat empfängt 21 Spieler des FC Aarau im Haus zum Schlossgarten zu einem Apéro.

Gelingt dem FC Aarau nächste Saison der Aufstieg in die höchste Schweizer Spielklasse?

Symptomatisch für das ausgedünnte Kader ist die Goalieposition: Der Wunsch, Djordje Nikolic erneut vom FC Basel auszuleihen, wird sich wohl nicht erfüllen. Der FC Aarau geht also mit dem 18-jährigen Nicholas Ammeter und dem 16-jährigen Marvin Hübel in die Saison. Verträgt sich das mit den hohen Ambitionen?

Mit Ammeter als Goalie hätte ich überhaupt kein Problem, der FC Aarau ist bekannt für seine Goalietalente, also sollten den Lippenbekenntnissen auch Taten folgen. Das jugendliche Alter birgt ein Risiko, wenn es um die Verarbeitung von Fehlern geht. Ein junger Spieler steckt Fehler weniger schnell weg als ein gestandener Profi. Grundsätzlich halte ich aber sehr viel von Ammeter und Hübel.

Nochmals zur Barrage gegen Xamax: Sie scheinen den Schock verdaut zu haben – die Spieler auch?

Die Jungs hatten keine drei Wochen Ferien, in dieser Zeit kann man ein solch einschneidendes Erlebnis nicht komplett verarbeiten. Das war in den ersten Tagen der Vorbereitung offensichtlich, die Gespräche in der Kabine drehten sich hauptsächlich um die Barrage. Nach der ersten Trainingswoche musste ich vor der Mannschaft Klartext reden und ihnen klarmachen, dass sie die Vergangenheit sofort ablegen müssen, sonst haben wir ein Problem.

Warum?

Weil es am 20. Juli gegen Winterthur wieder von vorne beginnt. Wenn wir dann immer noch an der Barrage zu kauen haben und nicht die Aggressivität und den Hunger an den Tag legen, die es in dieser Liga braucht, droht ein böses Erwachen.

Den letztjährigen Saisonstart zu toppen, wird nicht allzu schwer sein – bereits ein Punkt in den ersten sechs Spielen genügt.

Den Zynismus überlasse ich Ihnen. Ich meine es ernst: Wir haben im Frühling eine Begeisterung in der Stadt und in der Region ausgelöst, in den letzten zwei Heimspielen war das Brügglifeld voll. Es kamen Menschen erstmals seit über zehn Jahren wieder an einen FCA-Match. Mein grösstes Anliegen ist es, diese Euphorie in die neue Saison mitzunehmen. Dafür braucht es eine Mannschaft, in der jeder für den anderen «secklet» und die Tugenden des FC Aarau lebt: Leidenschaft, Kampf und familiärer Zusammenhalt. Schauen Sie: Der FC Winterthur hatte in der vergangenen Saison einen höheren Zuschauerschnitt als wir. Das freut mich für die Winterthurer, aber als FCA-Trainer wurmt mich das. Es liegt an uns, das zu ändern, das Potenzial ist vorhanden.