Meinung
Ist der FC Aarau ein Aufstiegskandidat? Das sagen die AZ-Reporter vor dem Start in die zweite Saisonhälfte

Wer nach 15 Runden 27 Punkte hat, nur zwei Zähler hinter Tabellenführer GC liegt und mit Offensivfussball begeistert, der provoziert vor der Wiederaufnahme der Meisterschaft (Samstag, 18.15 Uhr in Wil) zwangsläufig die Frage: Ist der FC Aarau ein Aufstiegskandidat? Die FCA-Kenner der AZ sind unterschiedlicher Meinung.

Sebastian Wendel, Ruedi Kuhn
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Reif für die vordersten Tabellenplätze? Die zweite Saisonhälfte, die für den FC Aarau am Samstag in Wil beginnt, wird die Antwort liefern.

Reif für die vordersten Tabellenplätze? Die zweite Saisonhälfte, die für den FC Aarau am Samstag in Wil beginnt, wird die Antwort liefern.

Marc Schumacher / freshfocus

PRO: «Zuletzt war keine andere Mannschaft der Challenge League besser als der FC Aarau»

Für Sebastian Wendel ist klar: Nach den bisherigen Leistungen kann man gar nicht anders, als den FCA als Aufstiegskandidaten zu bezeichnen.

Für Sebastian Wendel ist klar: Nach den bisherigen Leistungen kann man gar nicht anders, als den FCA als Aufstiegskandidaten zu bezeichnen.

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Bruno Berner tut es. Joao Pereira tut es. Und auch Carlos Bernegger. Für die Trainer von Kriens, GC und Thun ist klar: Der FC Aarau ist ein heisser Kandidat für Rang 1 und Rang 2, die zum direkten Aufstieg bzw. zur Barrageteilnahme berechtigen. Warum sollten die drei Herren den FCA als Aufstiegskandidaten bezeichnen, wenn sie es nicht so meinen würden?

Auch sie haben die Entwicklung der Aarauer seit dem Saisonstart verfolgt und in den Direktduellen hautnah miterlebt. Wer die Mannschaft von Trainer Stephan Keller in den 15 bisherigen Partien live hat spielen sehen, der kann gar nicht anders, als den FCA einen heissen Anwärter auf die vordersten Tabellenplätze zu nennen. Im Detail: Schön anzusehender Fussball, funktionierendes Teamgefüge, überdurchschnittliche Fitness und vor der Winterpause auch Effizienz im Torabschluss. Kommt dazu: Im Kollektiv sowie praktisch bei jedem Spieler hat seit Saisonbeginn eine Verbesserung stattgefunden.

«Typisch: Ein paar gute Spiele - und schon heben sie wieder ab!», rufen die Skeptiker aus dem Busch jenen zu, die den FCA bereits ein halbes Jahr nach dem personellen und strategischen Umbruch als Spitzenteam bezeichnen. Mag sein, dass am Ende Recht bekommen und in der Schlusstabelle «nur» Rang 3, 4 oder 5 herausschauen wird. Doch Fussball ist immer auch eine Momentaufnahme. Prognosen werden getroffen unter Einfluss der jüngsten Eindrücke, die eine Mannschaft geliefert hat. Im Wissen, mich zu wiederholen: Diese jüngsten Eindrücke sind beeindruckend. Von den sechs Spielen vor der Winterpause hat Aarau fünf gewonnen und dabei den Anfang Saison noch nicht existierenden Killerinstinkt bewiesen. Besser war im gleichen Zeitraum keine andere Mannschaft der Challenge League.

Was zum nächsten Argument führt: Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren gibt es in heuer keinen Überflieger, der schon bei Saisonhalbzeit gefühlt als Aufsteiger feststeht. GC hat zwar mehr als genug Geld und wohl auch die individuelle Klasse, um ein solcher Überflieger zu sein. Doch die Mannschaft agiert leidenschaftslos und hat sich bislang die Punkte erknorzt statt erspielt. Nur wenn sie sich rasch spielerisch verbessern, werden die Zürcher davonziehen. Ansonsten dürfte es an der Tabellenspitze bis zuletzt ein Gebalge mehrerer Teams um Rang 1 und Rang 2 bleiben, in dem Nuancen über Erfolg und Misserfolg entscheiden: Mittendrin der FC Aarau, der sich wie GC, Stade Lausanne-Ouchy, Thun, Schaffhausen und Winterthur berechtigte Hoffnungen auf den Direktaufstieg oder auf die Barrage machen darf.

Der aktuelle FCA-Talk zum Thema:

CONTRA: «Im Vergleich zur Konkurrenz hat der FC Aarau in mehrerer Hinsicht nicht genug Qualität»

Ruedi Kuhn hingegen traut dem FC Aarau die Rolle des Aufstiegsanwärters in dieser Saison nicht zu.

Ruedi Kuhn hingegen traut dem FC Aarau die Rolle des Aufstiegsanwärters in dieser Saison nicht zu.

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Warum der FC Aarau nicht in die Super League aufsteigt? Die Antwort liegt auf der Hand, denn sie ist seit Jahren die gleiche: Hindernis ist die Konkurrenz. Der Hauptgrund für das Scheitern auch in dieser Saison ist nicht der FC Aarau, der Hauptgrund ist GC. Es ist das Pech der Aarauer, dass von den Klubs der Challenge League immer einer Massstäbe setzt: Sportlich und finanziell!

Nach dem FC Zürich in der Saison 2016/17, Xamax 2017/18, Servette 2018/19 und Lausanne 2019/20, die alle souverän ihrem Favoritenstatus gerecht wurden, ist es nun der Rekordmeister, der Anfang Meisterschaft als erster Aufstiegsanwärter ins Rennen gegangen ist und dieser Rolle auch gerecht wird. GC ist dank chinesischer Investoren der Krösus der Challenge League. GC hat im Vergleich zu den neun Konkurrenten mit Abstand am meisten Geld. Die Zürcher konnte zuletzt zwar nicht überzeugen, werden aber aufsteigen.

Für mich gibt es weitere Gründe, warum der FC Aarau höchstens Rang drei erreichen wird. Der Ausfall von Shkelzen Gashi wiegt langfristig besonders schwer. Der Goalgetter kam im Verlauf der Saison immer besser in Fahrt und schoss sechs Tore in acht Spielen. Seit Anfang November hat er gesundheitliche Probleme. Momentan muss man davon ausgehen, dass er bis im Mai höchstens noch zu Teileinsätzen kommen wird. Mit einem Gashi in Topform könnte der FC Aarau GC durchaus Paroli bieten.

Kommt erschwerend hinzu, dass es im zentralen Mittelfeld momentan an Qualität fehlt. Olivier Jäckle hat als «Scheibenwischer» vor der Viererabwehrkette zweifellos überdurchschnittliche Fähigkeiten. Defensiv hält er die Mannschaft zusammen – Jäckle ist das Rückgrat der Mannschaft. Aber offensiv fehlt eine treibende Kraft, ein Motor, ein Stratege. GC hat so einen: Petar Pusic.

Ein weiterer Minuspunkt: Auf den Positionen der Aussenverteidiger ist das Kader des FC Aarau zu dünn besetzt. Fällt Raoul Giger auf der rechten Abwehrseite aus, gibt es keine gleichwertige Alternative. Und auf der linken Seite konnten sich die beiden Eigengewächse Flavio Caserta und Stevan Lujic aus Qualitätsgründen bislang keinen Stammplatz erkämpfen. Zu wenig Qualität sehe ich leider auch im Sturmzentrum: Ohne Gashi ist der junge Filip Stojilkovic der einzige klassische Stossstürmer. Was ist, wenn der fünffache Saison-Torschütze, der jedoch erst 21- jährig ist, plötzlich das Tor nicht mehr trifft hat oder verletzungsbedingt ausfällt?