Orientierungslauf
Langdistanz-OL in Erlinsbach: die Legenden ersetzen die Stars – an Glamour fehlt es trotzdem nicht

An der Schweizer Meisterschaft über die Langdistanz in Erlinsbach fehlen die Besten, trotzdem versprühen die Sieger Glamour.

Rainer Sommerhalder
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Simone Niggli, die beste Orientierungsläuferin aller Zeiten, gewinnt mit 39 Jahren ihren elften Schweizer Meistertitel über die Langdistanz.

Simone Niggli, die beste Orientierungsläuferin aller Zeiten, gewinnt mit 39 Jahren ihren elften Schweizer Meistertitel über die Langdistanz.

Keystone

Schweizer Meisterschaften im Orientierungslauf haben zwei Gesichter. Da wären zum einen die 1600 mehr oder weniger ambitionierten Hobbyläuferinnen und -läufer, die sich am Wochenende innerhalb von 24 Stunden im Kanton Aargau in mehr als 30 Kategorien um die Schweizer Meistertitel im Sprint und über die Langdistanz massen.

Und da sind auch die zwei Dutzend Spitzenathleten der Elite, die dank Schweizer Qualitätsarbeit nationale Titelkämpfe seit Jahren zu Weltklasse-Events upgraden. Wenn wie am Samstag in Windisch der Fricktaler Matthias Kyburz den Sprint vor dem Ostschweizer Daniel Hubmann und dem belgischen Gast und Weltcupsieger Yannick Michiels gewinnt, dann kann der Sieger mit Genugtuung sagen: «Das gibt mir zusätzlich Selbstvertrauen für die WM. In dieser Form gehöre ich in jeder Disziplin zu den Titelanwärtern.»

Resultate:

Damen (8.8km, 455m Steigung, 17 Posten):

- Simone Niggli; 1:07:29

- Lisa Holer; +5:52

- Isabelle Feer; +10:46

- Andrea Roggo; +11:08

- Lisa Schubnell; +12:21

- Martina Ruch; +12:45

Herren (13.8km, 680m Steigung, 27 Posten):

- Fabian Hertner; 1:28:16

- Kaspar Hägler; +5:38

- Florian Schneider; +6:00

- Andreas Rüedlinger; +9:31

- Sven Aschwanden; +10:21

- Baptiste Rollier; +11:18

Doch ausgerechnet in der Königsdisziplin über die Langdistanz am Sonntag glänzen Kyburz und Co. durch Abwesenheit. Weil bereits am kommenden Freitag der erste WM-Einsatz in Estland auf dem Programm steht, verzichtet der Grossteil der Schweizer Weltmeisterschafts-Delegation auf den Start im kräftezehrenden Gelände auf der Saalhöhe. «Die Terminkollision ist bedauernswert. Ich wäre sehr gerne gestartet», sagt Titelverteidiger Kyburz.

Unvorteilhafte Verschiebungen

Wieso konnte es überhaupt zu dieser Situation kommen, die im OL ein Novum darstellt? Man darf nicht einfach mit dem Finger auf einen Schuldigen zeigen und den Schwarzen Peter verteilen. Denn einerseits besteht das Problem, dass der internationale Verband seine Termine bislang immer erst nach dem Schweizer Verband bekannt gab. Und die WM in Estland findet rund einen Monat vor dem «normalen» Zeitpunkt des jährlichen Saisonhöhepunkts statt.

Mit dieser Verschiebung hatte Swiss Orienteering nicht gerechnet, als es seinerseits die nationale Meisterschaft erstmals seit Jahrzehnten vom Herbst in den Frühsommer verlegte. Damit wollte man dem Termindruck der prall gefüllten nationalen Herbstsaison mit mehreren Läufen in alpinem Gelände Rechnung tragen. Das Thema bot in Erlinsbach auf jeden Fall Stoff für Diskussionen. «Ich verstehe nicht, wieso der Verband für die Schweizer Meisterschaft kein Datum im Spätsommer gefunden hat», kritisierte ausgerechnet der neue Schweizer Meister Fabian Hertner.

Der Baselbieter war der einzige WM-Fahrer, der die Strapazen auf sich nahm – auch, weil er wegen eines Muskelfaserrisses die WM-Hauptprobe im Weltcup vor Monatsfrist verpasst hatte. Immerhin kam Hertner, der bereits WM- und EM-Titel sein eigen nennen darf, so im Alter von 32 Jahren zur Premiere des ersten Schweizer Meistertitels über die Langdistanz.

Gold für «Gold-Sime»

Und das Fehlen der aktuell besten Orientierungsläufer bescherte den Organisatoren des OLK Argus zumindest die prominenteste Siegerin, die es in dieser Sportart überhaupt geben kann. Die 23-fache Weltmeisterin Simone Niggli feierte im Seniorenalter von 39 Jahren ihren insgesamt elften Schweizer Meistertitel über die Königsdistanz – mit einem Vorsprung, der an die besten Zeiten von «Gold-Sime» erinnerte.

Fabian Hertner, Sieger Elite: «Ich verstehe nicht, wieso der Verband für die Schweizer Meisterschaft kein Datum im Spätsommer gefunden hat.»

Fabian Hertner, Sieger Elite: «Ich verstehe nicht, wieso der Verband für die Schweizer Meisterschaft kein Datum im Spätsommer gefunden hat.»

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Ohne Niggli hätte OL in der Schweiz nie diesen Stellenwert erreicht. Auch die dreifache Mutter, die im Grunde vor dreieinhalb Jahren vom Spitzensport zurückgetreten ist, reist übrigens an die Weltmeisterschaften ins Baltikum – als Assistenztrainerin des Frauenteams.

Vielleicht erlebte das OL-Volk gestern Sonntag sogar einen historischen Moment mit – den letzten Meistertitel ihrer Königin. Nicht nur der unaufhaltsame Alterungsprozess dient dafür als Argument, sondern auch die Arbeit der nationalen und internationalen Verbandsfunktionäre.

Diese haben ab 2020 einen harmonisierten Jahreskalender für die wichtigsten Wettkämpfe angekündigt. Neu soll die WM dauerhaft vom traditionellen Termin anfangs August vorverschoben werden, um Grossanlässen wie zum Beispiel den Olympischen Spielen oder der Leichtathletik-WM aus dem Weg zu gehen. Zudem sind im neuen Terminplan fixe Zeitfenster für nationale Meisterschaften vorgesehen. Damit wird die Luft selbst für eine Legende wie Simone Niggli wieder dünner.

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