Was dann passiert, beschreibt der Klubchronist der Gontenschwiler so: «Der eingewechselte Frangiosa verlängerte einen langen Ball mit seinem Kopf zu Lüscher. Letzterer drosch den Ball mit seiner gewohnten Überzeugung unter die Latte zum viel umjubelten Ausgleich.»

Niederlage abgewendet. Mit 25 Punkten bleiben die Gontenschwiler souveräner Tabellenführer. Aber was hat es mit dieser Serie auf sich?

Der Reihe nach: Lüscher also hat das 3:3 erzielt. «Lüscher? Sven Lüscher?», mögen sich Fans des FC Aarau und andere Fussball-Interessierte nun fragen. Antwort: Ja genau, Sven Lüscher, der ehemalige Stürmer der Aarauer, der im Sommer 2016 seine Profikarriere beendete.

Danke Sven Lüscher!

Ein Abschieds-Video, welches der FC Aarau für seinen Publikumsliebling zusammengestellt hat.

Wie so viele Ex-Profis lebt auch der 33-Jährige seinen Spieltrieb nun im Amateurbereich aus – seit dieser Saison beim FC Gontenschwil. Vier seiner fünf Trauzeugen spielen beim Klub aus dem Wynental. Das Versprechen, bald zusammen für den gleichen Verein aufzulaufen, hat sich das Quintett im Sommer 2016 auf Mallorca gegeben.

Marc Zahnd, Spielertrainer bei Gontenschwil und seit dem Sandkasten-Alter mit Lüscher befreundet, sagt: «Primär geht es um die Freundschaft.» Dass sie mit dem früheren Aarau-, Winterthur-, YB- und Kriens-Profi keinen mit dem Ballgefühl eines Goldfischs bekommen, das wussten Zahnd und seine Kollegen natürlich schon auch.

1,7 Tore pro Spiel

Aber dass Lüscher gleich so einschlägt? Zahnd witzelt: «Wenn wir ihn im Sturm aufstellen, ist die Grunderwartung die, dass er trifft.» Doch natürlich ahnte niemand, dass Lüscher zur vielleicht spektakulärsten Serie ansetzt, die der Aargauer Regionalfussball je gesehen hat.

Zum Vergleich: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, Synonyme für Tormaschinen vom Dienst, kommen im Klub auf eine Quote von 0,87 (Messi) beziehungsweise 0,76 (Ronaldo) Toren pro Spiel.

Lüscher pulverisiert die Marken der Weltstars um Längen: Er bringt es in dieser Saison auf 1,7 Tore pro Spiel, auf 17 insgesamt. Das Verrückte daran: Lüscher hat in allen zehn Ligaspielen getroffen, in sieben davon gar doppelt. Nur beim Cup-Out am 30. August gegen den Viertligisten Turgi reihte sich auch Lüscher ins Kollektivversagen des Favoriten ein.

Best Goal 2013 – Sven Lüscher.

Egal – auch so ist die Serie mehr als beeindruckend. Was sagt der Verantwortliche? Trocken, wie man ihn kennt, kommentiert Lüscher: «Es wäre ja etwas nicht gut, wenn ich mich auf diesem Niveau nicht behaupten könnte. Auch wenn es um den Spass geht: Wenn der Match läuft, will ich gewinnen.»

Persönlicher Bewacher

Die nicht mehr ganz so gute körperliche Verfassung spüre er zwar schon. «Aber sobald ich Raum habe, kann ich etwas bewirken.» Fragt sich, wie lange die Räume noch da sein werden. Denn Lüscher hat bemerkt: «Meine Torgefährlichkeit scheint sich rumgesprochen zu haben. Mittlerweile teilen mir die Gegner einen persönlichen Bewacher zu.»

Bemerkenswerter ist Lüschers Lauf angesichts der Tatsache, dass er nur ein Mal pro Woche mit Gontenschwil trainiert. An den anderen Tagen ist er U15-Trainer, Stürmercoach und Videoanalyst beim Team Aargau. Sein einst bis 2017 laufender Spielervertrag wurde im Sommer 2016 vom FC Aarau in eine (vorerst) zweijährige Anstellung im Nachwuchsbereich umgemodelt.

«Die Arbeit macht viel Freude, die Jungs sind lernwillig. Dass ich Ex-Profi frisch ab Presse bin, steigert meine Glaubwürdigkeit.» Bleibt zu hoffen, dass es Lüscher gelingt, den Stürmer-Talenten beim Team Aargau sein Rezept zum Toreschiessen einzuimpfen.