Ski Freestyle
Mit 70 Stundenkilometer in die Luft: Der Aargauer Nicolas Gygax fliegt für den nächsten grossen Moment

Der 24-jährige Freiämter Skiakrobat Nicolas Gygax will beim Weltcup-Auftakt in Finnland seinen Sieger-Sprung von 2019 zeigen.

Frederic Härri
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Nicolas Gygax im Portrait und in luftiger Höhe.

Nicolas Gygax im Portrait und in luftiger Höhe.

Bilder: SwissSki/Keystone / Montage:AZ_cri

Sportler leben von Momenten. Im Fussball können sich diese Momente zuweilen über 90 Minuten ausdehnen. Wenn etwa Bayern München Tore anhäuft und den FC Barcelona in der Champions League mit 8:2 schlägt oder, wie zuletzt, die deutsche Nationalmannschaft beim 0:6 von Spanien deklassiert wird.

Skiakrobaten, wie der Freiämter Nicolas Gygax einer ist, ticken anders. Bei ihnen wird die Grösse eines Moments in drei Sekunden definiert. Wie damals, vor einem Jahr, als Gygax zum Sprung ansetzte.

Es war Anfang 2019 in Park City in den USA. Im erstmals ausgetragenen Team-Wettbewerb an der Weltmeisterschaft im Aerial Freestyle Ski schaffte es die Schweizer Fraktion bis in den Final. Als Letzter war Gygax dran, ein junger Mann aus Islisberg, damals 23-jährig.

Er schraubte sich in die Luft, zehn Meter hoch, den Körper auf 70 Stundenkilometer beschleunigt. Ein Salto, dann noch ein Salto, und ein dritter, umrahmt von vier Schrauben. Full-Double-Full-Full nennt sich das in der Sprache der Skiakrobaten. Ein Wahnsinnssprung. 121,68 Punkte gab es dafür, eine Bestleistung, die den Sieg brachte.

Umso überraschender war der Erfolg, weil die Schweizer die favorisierten Russen und Chinesen hinter sich liessen. Ein unerwarteter, ein schöner Moment.

Noe Roth (l.), Carol Bouvard (M.) und Nicolas Gygax feiern ihre Goldmedaille beim Teamwettkampf an der Aerials-WM in Park City 2019.

Noe Roth (l.), Carol Bouvard (M.) und Nicolas Gygax feiern ihre Goldmedaille beim Teamwettkampf an der Aerials-WM in Park City 2019.

George Frey / EPA

Es soll noch nicht der Sprung seines Lebens gewesen sein

Die Erde aber, sie dreht sich weiter. Sportliche Bestleistungen, Siege und Niederlagen laufen ob ihrer Regelmässigkeit Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Und auch Nicolas Gygax, mittlerweile 24 Jahre alt, hofft, dass das, was er in Park City abgeliefert hat, noch nicht der Sprung seines Lebens gewesen ist.

Er will mehr. In diesen Tagen bereitet er sich im finnischen Schnee auf den nächsten Moment vor, der für ihn ein grosser werden könnte. Diesen Freitag beginnt in Ruka die Weltcup-Saison. Allzu ehrgeizig gibt sich Gygax vor dem Start nicht, zumindest verbal. «Ziel ist die Qualifikation für den Final», sagt Gygax. «Dann schauen wir, was dabei herauskommt.»

Einen Team-Event wie damals in den USA wird es in Finnland nicht geben. Für Gygax ist das aber zweitrangig. Sein Sport sei ja auch ein Einzelsport, auf den zwei Skiern steht letztlich jeder allein.

Nicolas Gygax in seinem Element in der Luft.

Nicolas Gygax in seinem Element in der Luft.

Tatyana Zenkovich / EPA

In den Trainings feilt er derzeit am richtigen Tempo, an den passenden Rotationen und Salti. Den Full-Double-Full-Full will er noch einmal stehen, auch der Double-Full-Full-Full mit einer Doppelschraube im ersten Salto gehört zum Repertoire. Gygax sagt, er fühle sich bereit, die Kombinationen in ihrer vollen Blüte in die Luft zu zaubern:

Die Trainings in diesem Jahr haben mir gezeigt, dass ich solche Sprünge schaffen kann.

Dabei half ihm auch, dass das Coronavirus seiner Trainingsstruktur nicht derart zugesetzt hat wie anderen Sportlern. Bis im Mai hatte Gygax wie jedes Jahr trainingsfrei, danach waren zwar die Fitnessstudios zu, aber Gygax feilte zu Hause mit Gewichten an der Rumpf- und Beinmuskulatur.

Auch auf die Trips ins Ausland, wo die grossen Wasserschanzen stehen, musste Gygax diesmal verzichten. Dafür stand mit der Wasserschanze in Mettmenstetten eine passable Alternative bereit. «Wir können uns glücklich schätzen, dass wir hier in der Schweiz so eine Anlage haben», sagt Gygax.

Routinier Gygax erklärt den anderen, wie die Waschmaschine funktioniert

Und doch ist der Freiämter froh, dass die internationale Saison wieder los geht. Er, der am liebsten auf gepackten Koffern sitzt, darf von Neuem die Welt bereisen. In Finnland teilt er sich eine Wohnung mit den anderen Athleten im Schweizer Aerials-Kader von Swiss Ski.

Vier Männer und drei Frauen sind im Team, mit seinen 24 Jahren ist Gygax der älteste. Er ist Teamleader und Routinier, manchmal äussert sich das auch in den ganz alltäglichen Dingen:

Man zeigt den anderen vielleicht mal, wie die Waschmaschine funktioniert.

Noch einige Wochen bleibt Gygax in Finnland, Weihnachten und Neujahr verbringt er daheim bei der Familie in Islisberg. Die nächste Station im Weltcup heisst Russland. Und dieses Mal sieht es danach aus, als ob Gygax die volle Saison bestreiten kann.

Die Semesterprüfungen schreibt er in Russland

Im vergangenen Jahr hatte er noch zwei Wettkämpfe verpasst, weil er an der Uni Zürich Prüfungen schreiben musste. Jetzt verlagert sich alles auf den virtuellen Raum. Online-Vorlesung statt Präsenzunterricht. «Das macht es für mich massiv einfacher», sagt Gygax.

Die Semesterprüfungen in VWL wird er im Januar in Russland schreiben können. Wenn das WLAN hält – und er auf der Schanze nicht gerade dem nächsten grossen Moment entgegenfliegt.