Handball-WM
Mit Staff-Badge statt im Goalietrikot: HSC-Torhüter Dario Ferrante ist als Teamarzt der Schweizer Nati an der WM dabei

Der 27-jährige Torhüter des HSC Suhr Aarau stiess erst wenige Stunden vor dem Abflug zur Schweizer WM-Delegation. Als Teamarzt betritt er in Ägypten Neuland.

Dean Fuss
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HSC-Torhüter Dario Ferrante weilt derzeit als Teamarzt der Schweizer Nati an der WM.

HSC-Torhüter Dario Ferrante weilt derzeit als Teamarzt der Schweizer Nati an der WM.

Alexander Wagner

«Das ist doch...?!» Der eine oder andere informierte Aargauer Handball-Fan vor dem TV-Gerät wird bei den Liveübertragungen der Schweizer Partien an der WM am Donnerstag oder spätestens am Samstag gestutzt haben.

Denn auf der Bank der SHV-Auswahl gab es neben den bereits im Vorfeld bekannten Aargauer Delegationsteilnehmern überraschend ein weiterer Vertreter des Kantons zu entdecken: Dario Ferrante.

Allerdings nicht etwa in seiner angestammten Torhüter-Kluft, sondern mit einem schwarzen Staff-Shirt sowie dunklen Jeans bekleidet und einem Funktionärsbadge um den Hals.

Dario Ferrante (2.v.l.) während der Teampräsentation bei der ersten WM-Partie der Schweizer Nationalmannschaft in Ägypten.

Dario Ferrante (2.v.l.) während der Teampräsentation bei der ersten WM-Partie der Schweizer Nationalmannschaft in Ägypten.

Screenshot/TV24

Es handelte sich bei seiner Erscheinung nicht etwa um eine Fata Morgana in der ägyptischen Wüste. Der 27-jährige Torhüter des HSC Suhr Aarau ist tatsächlich mit dem Nationalteam nach Ägypten gereist – in der Funktion des Teamarztes.

Noch spontaner als der Rest der WM-Delegation

Ferrante wurde noch spontaner zum Mitglied des Schweizer WM-Aufgebots, als der Rest der Delegation. Während die Spieler und der restliche Staff am späten Dienstagabend von ihrem Glück erfahren, wurde er erst am Mittwochmittag angefragt.

«Mein Chef hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, die Nati als Teamarzt an die WM zu begleiten», sagt Ferrante, der sofort Feuer und Flamme für das Vorhaben war und sich sogleich einem PCR-Test unterzog. Er sagt:

Was für ein unglaubliches Abenteuer. Mir war sofort klar, dass ich da unbedingt dabei sein muss.

Weil bis zum planmässigen Abflug am kommenden Morgen keine 24 Stunden mehr blieben, war dringende Koordination angesagt. Ferrante musste WM-Reise mit seinen beiden Arbeitgebern, dem HSC Suhr Aarau und dem Altius Swiss Sportmed Center in Rheinfelden, wo er seit Dezember als Assistenzarzt in einem 50-Prozent-­Pensum unter HSC-Teamarzt Lukas Weisskopf angestellt ist, absprechen. Ein Telefonat jagte das andere, dazwischen kümmerte er sich in Sprechstunden um Patienten.

HSC nicht begeistert, dass Ferrante in der Rückrundenvorbereitung fehlt

Schnell waren seine in den kommenden beiden Wochen angesetzten Tage im Operationssaal und Sprechstunden verschoben. Etwas mehr Mühe bereitete ihm sein Verein. Beim HSC zeigte man sich wenig begeistert davon, in der Vorbereitung auf die Anfang Februar beginnende Rückrunde in der NLA neben Leo Grazioli (dritter Torhüter im WM-Kader) auch noch auf einen zweiten Keeper zu verzichten. «Meine Situation mit den beiden Arbeitgebern ist per se schon speziell. Bei der Altius Klinik erhielt ich sofort grünes Licht, in Bezug auf den HSC habe ich den Entscheid für die Nati aufgrund der drängenden Zeit auf eigene Faust gefällt», sagt Ferrante.

Zwischen den Pfosten: So kennt man Dario Ferrante in der Schweizer Handballszene.

Zwischen den Pfosten: So kennt man Dario Ferrante in der Schweizer Handballszene.

Alexander Wagner

Der HSC bestätigt das: «Wir sind nicht glücklich mit der Situation. Aber wir werden das nach der WM im persönlichen Gespräch mit Dario klären und intern regeln», sagt Geschäftsführer Lukas Wernli.

Auch die Coronavorkehrungen sorgen für viel Koordinationsbedarf

Bis dahin liegt Ferrantes Fokus voll und ganz auf der medizinischen Betreuung der Nati-Spieler – komplettes Neuland für ihn: «Als Spieler unterschätzt man, was der Staff im Hintergrund alles leistet», sagt der Neo-Teamarzt, dessen Vorbereitung aufgrund der fehlenden Vorlaufzeit praktisch komplett auf der Strecke geblieben war.

Letztes Gruppenspiel

Am Montag bestreitet die Schweizer Handball-Nationalmannschaft gegen Frankreich ihr abschliessendes Gruppenspiel. Verliert im zweiten Spiel Österreich gegen Norwegen, sind die Schweizer unabhängig von ihrem eigenen Resultat in der Hauptrunde. TV24 überträgt das Spiel Schweiz – Frankreich live, Anpfiff ist um 18.00 Uhr.

Neben der Behandlung kleinerer Blessuren musste sich Ferrante in diesen ersten Tagen auch etwas in den Strukturen vor Ort einfinden. Dazu gehören auch ganz banale Dinge, wie die Frage, wo man im Fall der Fälle zu einem MRI kommen würde, wo er mit seinen Spielern zum Röntgen gehen könnte. Ausserdem gibt es wegen der strikten Coronavorkehrungen rund um die WM auch viel Koordinationsbedarf mit den lokalen Verantwortlichen.

Eine völlig neue Perspektive auf den Spielverlauf

Aber nicht nur die Aufgaben sind andere, auch während der Partien ist so einiges anders als sonst. Zwar sitzt Ferrante auf der Spielerbank, doch nimmt er eine komplett andere Perspektive ein als sonst. «Als Teamarzt hoffe ich natürlich, dass ich möglichst nicht zum Einsatz auf der Platte komme – ganz im Gegensatz zu sonst», sagt er und lacht. Auch den Spielverlauf verfolgt er ganz anders:

Spielerische und taktische Fragen beschäftigen mich jetzt nicht. Vielmehr beobachte ich aus einer medizinischen Perspektive: Geht einer unrund? Bei wem könnte sich etwas anbahnen?

Etwas aber bleibt sich in den beiden Funktionen gleich: die Emotionen. Und so jubelt Ferrante immer wieder mit geballter Faust – auch als Teamarzt.