Interview

Oliver Hegi: «Ich wäre bereit gewesen, einen Schlussstrich zu ziehen»

Kunstturner Oliver Hegi.

Kunstturner Oliver Hegi.

Eigentlich war der Plan klar skizziert: Im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio im Sommer 2020 ein letzter grosser Effort. Dann der Abschied aus Magglingen, die Rückkehr in die Heimat, den Kanton Aargau. Im Herbst der Einstieg ins Physik-Studium an der ETH Zürich. Und dann im kommenden Frühling, nach der Heim-EM in Basel, der endgültige Rücktritt vom Spitzensport. Doch das Coronavirus machte Oliver Hegis neuem Lebensentwurf einen dicken Strich durch die Rechnung.

In knapp zwei Monaten wären die Olympischen Spiele in Tokio losgegangen. Wo würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt stehen bei Ihren Vorbereitungen?
Oliver Hegi: Unter normalen Umständen wäre ich momentan in Magglingen in der letzten Trainingsphase vor den Spielen. Die Einheiten wären sehr intensiv und die Belastung hoch. Jetzt ginge es um den finalen Feinschliff.

Jetzt ist alles anders gekommen. Die Spiele wurden um ein Jahr verschoben. Wie schwierig war es für Sie, diese komplette Planänderung zu verkraften?
Es war schon nicht ganz einfach. Am Anfang ist man leer und fragt sich: «Was passiert gerade?» Viel mehr als abwarten kann man nicht. Als dann klar war, dass die Olympischen Spiele verschoben werden, ist es bei mir darum gegangen, eine neue Lösung zu suchen mit dem Physik-Studium, welches im September anfängt und mit der Wohnung, die ich im Sommer in Niederlenz beziehe. Will ich ganz auf mein neues Leben setzen? Oder doch eine Zwischenlösung anstreben?

Wie lange dauerte dieser Entscheidungsprozess?
Ich denke etwa zwei Wochen, nachdem der Entscheid getroffen wurde, dass die Olympischen Spiele nicht stattfinden. Ich entschloss mich dazu, dass ich es versuchen und weiter trainieren möchte. Natürlich war es am Anfang ein unausgereifter Plan, aber mittlerweile sind die Einzelheiten geklärt. Ich wohne derzeit in meinem Elternhaus in Schafisheim und trainiere im Regionalen Turnzentrum in Niederlenz. Nach Magglingen werde ich nur noch sporadisch fahren.

Oliver Hegi in der Lenzburger Altstadt.

Oliver Hegi in der Lenzburger Altstadt.

Wie liefen die Diskussionen mit dem Turnverband?
Es ist nicht auf der Hand gelegen, dass so eine Speziallösung möglich ist. Wir mussten uns irgendwo in der Mitte treffen. Unter normalen Umständen wäre so etwas kaum machbar gewesen. Umso glücklicher bin ich, dass mir der Turnverband in dieser Situation entgegenkommt. Es gibt mir das Vertrauen, dass ich das Ganze so umsetzen kann, wie ich es mir vorstelle. Man muss auch sehen: Mit 27 Jahren gehöre ich zu den erfahreneren Turnern. Und ich bin von Natur aus sehr selbstständig und kann auf mich selber achten. Darum stehen die Verantwortlichen auch voll und ganz hinter mir. Bei einem jungen Turner, der sich noch nicht bewiesen hat, würden sie vermutlich anders denken.

Wären Sie sofort zurückgetreten, wenn dieser Kompromiss nicht möglich gewesen wäre?
Ich war am Scheideweg. In meiner jetzigen Lebensphase ist mir mein Privatleben und meine berufliche Zukunft tatsächlich wichtiger als der Turnsport. Deshalb wäre ich wohl auch bereit gewesen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Sie waren jetzt zehn Jahre in Magglingen, in einer speziellen Sportwelt zu Hause. Hatten Sie Respekt vor dem Austritt aus der «Bubble»?
In dieser Blase, in welcher man lebt, entwickelt man sich in eine spezielle Richtung. Gerade Turner sind in der Regel sehr diszipliniert und haben einen grossen Durchhaltewillen. Man entwickelt aber auch eine Art Resistenz gegen den Alltag. Man ist so vom restlichen Leben abgekoppelt, wird derart umsorgt, dass man sich oft gar nicht eigenständig entwickeln kann. Ich habe immer dagegen angekämpft. Mir hat diese fehlende Selbstbestimmung oft Mühe gemacht. Darum fiel mir jetzt der Schritt zurück in den Alltag auch leichter. Ich kenne genügend Beispiele, in denen es anders lief, wo sich die Sportler im «normalen» Leben zu Beginn nicht zurechtfanden

Sie haben in einem Interview davon gesprochen, dass man in Magglingen oft auf einer Welle mitreitet – in positiver wie in negativer Hinsicht. Wie haben Sie das erlebt?
Man nimmt die Stimmung der ganzen Gruppe auf, sie wirkt sich auf die eigene Motivation aus. Wenn die Stimmung gut ist, kann sie dich zu Höchstleistungen antreiben. Wenn sie schlecht ist, dann kann sie dich extrem runterziehen. Ich bin ein Mensch, der sich durch die Atmosphäre leicht beeinflussen lässt. Negative Spannungen wirken sich langfristig auf die Leistung aus. Jetzt bin ich im Turnzentrum in Niederlenz zu hundert Prozent auf mich selbst gestellt. Ich trage die Verantwortung.

Dann waren Sie schon immer mehr der Individualist, der sich einfach irgendwie der Gruppe anpasste?
Ich war nie einer, der sich im Team versteckt hat. Ich wollte immer meinen eigenen Weg gehen. Manchmal war ich auch ein Sturkopf (lacht). Aber wenn ich dann meine Ziele nicht erreichte, dann war ich wenigstens selber dafür verantwortlich. Klar war ich mit 17, als ich nach Magglingen kam, noch unsicherer. Aber ich wurde dadurch, dass ich früh auf mich selber gestellt war, schnell selbstständig.

Sie kehren nun in Niederlenz an den Ort zurück, wo Ihre Kunstturner-Karriere begann.
Das ist wirklich sehr speziell. Ich habe Niederlenz als Teenager verlassen, der damals mit Gleichaltrigen zusammen trainierte. Jetzt kehre ich als gestandenen Mann zurück. Die Trainer sind immer noch dieselben, aber jetzt haben wir natürlich ganz andere Rollen. Ich freue mich extrem. Sie sind auch sehr professionell, haben technisch ein grosses Wissen und sind extrem hilfsbereit. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben.

Oliver Hegi (l.) beim Gewinn der EM-Silbermedaille in Cluj zusammen mit seinem Teamkollegen Pablo Brägger.

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Oliver Hegi (l.) beim Gewinn der EM-Silbermedaille in Cluj zusammen mit seinem Teamkollegen Pablo Brägger.

Fühlen Sie sich auch als Vorbild für die jungen Athleten?
Es ist schön, wenn die jungen Turner in mir ein Vorbild sehen. Wenn sie erkennen, was sie erreichen können. Andererseits freue ich mich, wenn ich ihnen Tipps mit auf den Weg geben kann.

Im Herbst beginnen Sie an der ETH in Zürich ein Physik-Studium. Weshalb Physik?
Ich bin schon immer ein sehr rationaler, wissenschaftlicher und auf Fakten basierter Typ gewesen. Mich fasziniert, dass so ziemlich alles auf dieser Welt durch Physik und andere Naturwissenschaften erklärbar ist. Es ist ein anspruchsvolles Studium. Vor allem in Kombination mit dem Spitzensport. Mal schauen, wie das funktioniert.

Sie streben Perfektion an, tanzen aber auf zwei Hochzeiten. Keine Angst, den Motor zu überdrehen?
Nein. So perfektionistisch ich sein kann, so sehr kann ich in gewissen Bereichen auch ein Minimalist und sehr effizient sein. Ich weiss, dass das erste Studiums-Jahr mit Mathematik sehr hart wird. Aber ich strebe da auch nicht einen Sechser an. Weil mir der für mein weiteres Studium nichts bringt. Das heisst für mich: Einfach durchkommen und gleichzeitig im Sport versuchen, das Beste herauszuholen, um noch einmal an die Spitze zu kommen. Ich bin selber gespannt, wie dieses Experiment am Ende herauskommt.

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