Karate

Schlussmachen per Facebook: Das Olympiadrama der Aargauer Karateka Elena Quirici

Elena Quirici will die Enttäuschung nun langsam verarbeiten.

Elena Quirici will die Enttäuschung nun langsam verarbeiten.

Elena Quirici ist für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert, ehe sie im Internet erfährt, dass dies nicht mehr stimmt.

Dinge, die man nicht tun sollte? Schlussmachen auf Facebook zum Beispiel. Doch so Ähnliches tat der Internationale Karateverband. Als Elena Quirici vor einiger Zeit auf die App klickt, die das Tor in die – wie heisst es so schön: Welt der sozialen Medien öffnet, erfährt ihr Herz einen Stich.

Sozial? Schlimmer als Liebeskummer. Der ihr versprochene Startplatz an den Olympischen Spielen ist weg. Das erklärt der Internationale Karateverband in einem Post. Das Qualifikationsranking für Tokio ist wieder geöffnet, obwohl ein offizielles Dokument, datiert im März, Quiricis Teilnahmeberechtigung bestätigt.

Natürlich: Die Trennung ist noch nicht definitiv. Quirici hat die Chance, sich erneut für ihren Lebenstraum zu qualifizieren. Trotzdem zerbricht in diesem Moment das ganze Glück, das sie fühlte, seit die Olympiateilnahme feststand. Vermeintlich feststand.

«Es war ein riesiger Schock. Ich konnte nicht glauben, was ich da las», sagt die 26-Jährige. «Man hat mir weggenommen, was schon mir gehörte.» Und das per Facebook. Dem Portal für vermeintliche Nähe. Von wegen!

Das IOC gibt das Okay für den ungewöhnlichen Schritt

Eine persönliche Erklärung hat Quirici nie erhalten. In einem offiziellen Dokument, das dieser Zeitung vorliegt, steht einzig: «Die nötige Verkündung der vier qualifizierten Athleten pro Kategorie, (...) erfolgte unter der Annahme, dass die Olympischen Spiele wie vorgesehen statt­finden.» Also 2020. Nun dient die Verschiebung ins nächste Jahr als Erklärung – oder Aus­rede? –, wieso die offizielle Liste der Teilnehmer nun doch nicht gilt.

Zur Erinnerung: Ende März sagte Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees: «Es ist klar, dass diejenigen Athleten, die sich für die Olympischen Spiele Tokio 2020 qualifiziert haben, weiterhin qualifiziert sind.» Zwar musste das IOC diese Aussage später präzisieren und genehmigte in der Folge auch das Vorgehen im Karate. Trotzdem ist der Schritt, auf einen bereits gefällten Entscheid zurückzukommen, fragwürdig.

Quirici sagt: «Ich habe einen grossen Gerechtigkeitssinn und ich fühle mich nicht gerecht behandelt, nicht respektiert.» Beim Internationalen Karateverband blieb eine Anfrage über die Beweggründe für das Vorgehen unbeantwortet. Das wiederum passt zum schlechten Gesamtbild, das der Weltverband mit der Kommunikation per Facebook abgab.

Klagen oder nicht klagen – und mit welchen Folgen?

Beim Schweizer Karateverband ist man enttäuscht, will den Entscheid, die Qualifikation fortzusetzen, aber akzeptieren. Präsident Roland Zolliker sagt: «Natürlich haben wir uns mit dem Thema einer Beschwerde befasst.» Sogar der Gang an den Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne wurde diskutiert. «Allerdings ist die Chance auf Erfolg enorm klein. Wir wollten nicht als einziger Verband den langen juristischen Weg gehen und Elena durch das Verfahren belasten», sagt Zolliker. «Ich bin überzeugt, dass sie sich erneut qualifizieren wird und dann sogar eine Medaille gewinnen kann.»

Quirici selbst will sich Zeit lassen, um die Enttäuschung zu verarbeiten. «Es ist wichtig, dass man Gefühle zulässt. Gerade im Kampfsport sind negative Gefühle verpönt. Ich finde es aber wichtig, dass ich zulasse, dass es mir nicht gut geht. Dass auch andere sehen, dass dies Okay ist.» Sie will so andere Sportler animieren, dass es im Sport kein Tabu sein darf, enttäuscht und traurig zu sein. Helfen wird ihr, dass in diesem Jahr keine Wettkämpfe mehr stattfinden und die zwei verbleibenden Events, die für das Ranking zählen – ein Weltcup und die Europameisterschaft – erst im nächsten Jahr geplant sind.

Den Entscheid, sich erneut für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren zu müssen, wird sie akzeptieren. «Mein Herz sagt, ich kann es schaffen. Darum will ich es versuchen.» So schnell lässt sich Quirici nicht den Laufpass geben. Auf Facebook sowieso nicht.

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