Sonderregeln
Beim Schwingen sind nicht mehr alle gleich – das freut die Aargauer Bösen

Die besten 120 Schwinger dürfen wieder trainieren. Auch elf Aargauer profitieren von der Lockerung, die allerdings auch Gefahren birgt. Einige befürchten, dass dadurch Mittelschwinger verloren gehen. Sportler, die dereinst wichtige Vereins-Aufgaben übernehmen könnten.

Martin Probst
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Endlich darf Nick Alpiger (r.) zurück ins Sägemehl. Zwar nur fürs Training, aber immerhin.

Endlich darf Nick Alpiger (r.) zurück ins Sägemehl. Zwar nur fürs Training, aber immerhin.

Keystone

Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Oder wie es Nick Alpiger als leidenschaftlicher Fischer sagt: «So, als ob die Schonzeit zu Ende ist und die Rute endlich wieder zum Einsatz kommt.»

Die Schonzeit der Schwinger dauerte lange. Und war vielmehr eine Leidenszeit. Erst seit dem 17. März dürfen die 120 Besten wieder im Sägemehl und mit Körperkontakt trainieren. Es ist ein Kompromiss zwischen dem Eidgenössischen Schwingerverband ESV, der sehr lange darauf beharrte, entweder alle oder niemanden trainieren zu lassen, und den Behörden, die keine Freigabe für alle erteilen wollten.

Die Lockerung ist ein Sieg für Stefan Strebel. Der Aargauer ist Technischer Leiter beim ESV und hat sich stark für die stufenweise Öffnung eingesetzt.

Stefan Strebel.

Stefan Strebel.

Zvg / Aargauer Zeitung

Strebel hat sich gegen Nordostschweizer und Innerschweizer Kritiker durchgesetzt, deren Teilverbände bis heute gegen die Öffnung sind. So stark, dass einige Spitzenschwinger aus diesen Regionen sogar freiwillig auf das Training verzichten.

Die Plätze wurden nach Leistungskriterien verteilt

Im Aargau verzichtet niemand. Insgesamt elf Schwinger profitieren von den Lockerungen, die ermöglichen, dass alle Eidgenossen und die besten Teilverbands- und Bergkranzer trainieren dürfen. Dies, nachdem der ESV zuvor bereits das Training für bis 20-Jährige erlaubte, als der Bund die Freigabe für diese Altersgruppen erteilte.

Die Aargauer Trainingsgruppen

1. Gruppe
Nick Alpiger, Schwingklub Lenzburg
Patrick Räbmatter, Schwingklub Zofingen
Kaj Hügli, Schwingklub Aarau
Oliver Hermann, Schwingklub Aarau

2. Gruppe
Joel Strebel, Schwingklub Freiamt
Andreas Döbeli, Schwingklub Freiamt
Yannick Klausner, Schwingklub Freiamt
Reto Leuthard, Schwingklub Freiamt

3. Gruppe
Christoph Bieri, Schwingklub Baden-Brugg
Michael Mangold, Schwingklub Fricktal
Samuel Schmid, Schwingklub Fricktal

Andreas Döbeli, Freiämter Eidgenosse und im Athletenrat des ESV, sagt: «Wir vertreten alle Schwinger. Aber als klar wurde, dass bis zu 20-Jährige wieder dürfen, entstand bereits eine Zweiklassengesellschaft. So konnten wir uns mit gutem Gewissen für Lockerungen ein­setzen. Auch wenn ich hoffe, dass bald alle wieder trainieren dürfen.»

Die Auserwählten können nun in klar definierten Gruppen mit maximal vier Schwingern trainieren. Roger Schenk, der Technische Leiter des Aargauer Verbandes, sagt:

«Wir haben die Plätze nach Leistungskriterien vergeben. Wir haben die Bestenliste genommen und von oben nach unten die elf Plätze verteilt.»

Döbeli sagt: «Alle, die nun dürfen, haben schon vorher sehr viel investiert. Darum sind sie dort, wo sie sind.» Und werden belohnt.

Für Christoph Bieri sind das schlüssige Argumente. Und trotzdem sagt der 35-Jährige, der als dreifacher Eidgenosse selbst wieder trainieren darf: «Ich verstehe auch die Gegenseite. Die besten Schwinger der Gegenwart hätten auch noch eine Saison ohne Feste weggesteckt. Ob man ältere Athleten wie mich verlieren würde, ist nicht schlimm. Man muss aufpassen, dass man die Zukunft nicht verliert.»

Er meint damit Schwinger, die älter als 20 sind, die jetzigen Kriterien aber noch nicht erfüllen. Diese müssen nun weiter zuschauen und verpassen den Anschluss. Es entsteht die Gefahr, dass sie irgendwann abspringen. Auch Roger Schenk sagt: «Es betrifft viele, die irgendwann in einem Vorstand sein könnten. Es gibt viele Mittelschwinger, die später Funktionäre werden. Wenn wir diese Schwinger jetzt verlieren, haben wir längerfristig ein Problem.»

Christoph Bieri (r.), hier im Duell mit dem späteren König Christian Stucki.

Christoph Bieri (r.), hier im Duell mit dem späteren König Christian Stucki.

Andy Mettler / swiss-image.ch

Trotz Verständnis für alle nutzt Bieri die Gelegenheit, zu trainieren. Er hat bisher in seiner Karriere 99 Kränze gewonnen. «Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich Nummer 100 vielleicht ohne Zuschauer hole, dann ist das etwas, das mir gar nicht gefällt.» Er sagt, für ihn sei Schwingen längst mehr als nur Sport. «Mit 23, 24 Jahren, als ich noch voll im Saft war, wäre das für mich auch weniger schlimm gewesen. Dann geht es um die grossen Siege. Aber für viele Schwinger geht es um mehr.» Wann und in welcher Form Wettkämpfe möglich sind, ist offen.

Der Alltag als Schwinger soll eine Struktur erhalten

Einer jener Schwinger, die derzeit alles gewinnen könnten, ist Nick Alpiger. Der 24-Jährige sagt: «Schwingen ist das Wichtigste in meinen Leben. Weil es ver­boten war, konnte ich mich sehr lang nur mit der Vergangenheit beschäftigen. Ich will aber die Zukunft schreiben.» Mit oder ohne Zuschauer spielt nur eine Nebenrolle. Hauptsache, es geht wieder los.

In den nächsten Tagen wird Alpiger zusammen mit seinen drei Trainingskollegen einen Plan ausarbeiten. «Es geht darum, dass wir wieder eine Struktur in unser Schwingerleben bringen. So, dass es für alle stimmt.» So müssen für alle passende Tage gefunden werden und es stellen sich Fragen wie: Wo und wann ist eine Halle frei, die sie alleine nutzen können? Wer hat welche Bedürfnisse?

Insgesamt acht Seiten lang ist das Schutzkonzept, das die Trainings regelt. Und es definiert fast alles. So müssen beispielsweise die Schwinghosen nach der Benutzung mindestens drei Tage trocknen. Am liebsten in der Sonne. Es wird alles getan, damit das Geschenk, das die besten Schwinger erhielten, sich nicht als Reinfall entpuppt.

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