Zwei volle Sporttaschen, zwei Rucksäcke, vier Tennisschläger und sogar eine Bespannungsmaschine. All das liegt auf einem Gepäckwagen beim Check-in am Flughafen Zürich bereit. Sofort ist klar: Hier reist niemand bloss in die Ferien. Nein, Chelsea Fontenel hat Grosses vor.

In den nächsten drei Jahren besucht die 15-jährige Aargauerin – aufgewachsen in Kaiseraugst und zuletzt vier Jahre in Wettingen zu Hause – in Tampa die renommierte Tennis-Academy von Nick Bollettieri und IMG. In Florida will sich die beste Schweizer Tennisspielerin in ihrer Altersklasse dem grossen Ziel, Profitennisspielerin zu werden, Schritt für Schritt nähern.

Vor zwei Jahren besuchte sie ein zweiwöchiges Tenniscamp der IMG-Tennisacademy in Tampa. Fontenel war überwältigt vom riesengrossen Sportcampus, von den offenherzigen Leuten, von den unzähligen Gleichgesinnten. «Es gefiel mir mega gut. Ich hatte gemerkt: Hier wird man als Person gefeiert», sagt Chelsea.

Schule wichtiger als Profikarriere

Die Experten erkannten ihr grosses Talent und Potenzial, nur zu gerne hätten sie Chelsea umgehend unter Vertrag genommen. Doch Chelseas Eltern blockten ab. Ihnen war wichtig, dass sie erst mal die obligatorische Schulzeit in der Schweiz abschliesst. Das hat sie nun geschafft – mit der überragenden Abschlussnote 5,8. Während viele ihrer Schulkolleginnen und -kollegen nun eine Lehrstelle antreten oder sich weiterbilden, verfolgt Chelsea ihren grossen Traum, will ihr grösstes Hobby zum Beruf machen.

Die Voraussetzungen sind gegeben: Fontenel gehört bereits mit 15 Jahren zu den 40 besten Tennisspielerinnen in der Schweiz. Weltweit belegt sie Platz 19 in ihrer Alterskategorie. Zudem hat sie in diesem Jahr die Marke der Top 600 der Frauen-ITF-Weltrangliste, eine Stufe unterhalb der WTA-Tour, geknackt. Es war ein Meilenstein.

Der Vater bleibt zu Hause, die Mutter reist mit

Nach dem Check-in kullern die Tränen. Chelsea verabschiedet sich von ihrem Vater Cabie mit einer minutenlangen Umarmung. Während der Hausmann in der Schweiz bleibt, begleitet Mutter Kathleen, im Administrationsbereich eines Pharmariesen tätig, Tochter Chelsea in der ersten Woche ihres Abenteuers. Loslassen fällt der Familie nicht leicht.

«Sie ist unser Baby. Es ist für uns alle sicher nicht einfach, aber sie hat ein grosses Ziel vor Augen», sagt Mutter Kathleen. «Sie will das aus tiefstem Herzen und wir unterstützen sie dabei. Wir sind stolz und glücklich, dass sie ihren Weg geht und ihren Traum erfüllen kann.».

Selbstverständlich ist es nicht, der Tennis-Academy, die Grössen wie Andre Agassi oder Maria Scharapowa herausbrachte, anzugehören. «Ich weiss, was es bedeutet, und bin mega happy, dass ich diese Riesenchance erhalte», sagt Chelsea Fontenel.

Grosse finanzielle Herausforderung

Das Projekt zieht grosse finanzielle Herausforderungen mit sich. Dank des Kontrakts mit der IMG-Tennisacademy sind Kost und Logis abgedeckt. Doch die Schweizerin wird viele Turniere spielen müssen, um sich im Ranking steigern zu können.

Damit verbunden sind viele Reisen und Hotelübernachtungen, die Chelsea und ihre Familie selber bezahlen müssen. Deswegen sind sie auf Sponsoren angewiesen. Mittels Crowdfunding auf der Plattform «ibelieveinyou.ch», hofft Chelsea auf viele Unterstützer.

«Es liegt ein langer Weg vor mir. Aber ich bin bereit und werde jeden Tag mein Bestes geben.» Besonders freut sich Chelsea Fontenel darauf, den Fokus voll und ganz auf das Tennis setzen zu können. «Weil ich in der Schweiz am Morgen Schule hatte, konnte ich jeweils nur einen Trainingsblock täglich absolvieren. In Tampa werde ich jeden Tag zwei Blöcke haben», sagt sie und strahlt. Auch in den USA wird sie weiterhin die Schulbank drücken. «Ich freue mich besonders auf die Spanischstunden.»

Zweite Karriere als Sängerin?

Trotz der Aussicht auf eine tolle Zeit in Florida werde sie sicher ihren 9-jährigen Bruder Chelton und ihre Eltern vermissen. Auch ihr Pastor, Reverend Divine, der extra an den Flughafen kam, um sich zu verabschieden, bedeute ihr als Gläubige sehr viel.

Nebst der Bibel hat sie auch ihr Gesangbuch eingepackt. Denn das Singen gehört zu Chelsea Fontenels zweiter grossen Leidenschaft. Unvergessen ist, wie sie im Rahmen des Showspiels zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka vor fünf Jahren im Zürcher Hallenstadion im Nu die Herzen der (TV-)Zuschauer eroberte.

Als 10-Jährige sorgte sie mit einem Tina-Turner-Welthit für Gänsehaut-Atmosphäre. Könnte sie sich auch eine Zweit-Karriere als Sängerin vorstellen? «Das Tennis steht klar im Vordergrund. Aber wer weiss: Amerika ist ja das Land der grossen Chance», sagt sie lachend und startet in ihr Abenteuer.