Para-Schwimmen

Von der WM auf die Schulbank: Para-Schwimmerin Nora Meister gewinnt in London zwei Bronzemedaillen

Eine Premiere, zwei Medaillen: Nora Meister überzeugt in London in den Kategorien 100m Rücken und 400m Freistil und holt ihre ersten beiden Bronzemedaillen an einer Weltmeisterschaft.

Die 16-jährige Nora Meister aus Lenzburg gewinnt an der Para-Schwimm-Weltmeisterschaft in London in den Kategorien 100m Rücken und 400m Freistil die Bronzemedaille. Somit sichert die junge Schwimmerin der Schweiz zwei halbe Quotenplätze für die Paralympics 2020 in Tokio.

Ohne grosse Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gleitet Nora Meister mit ihrem Rollstuhl am Zürcher Flughafen Richtung Ausgang. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein gewöhnlicher Teenager, der soeben von seinen Ferien oder einem Sprachaufenthalt aus London zurückgekehrt ist. Doch bei näherer Betrachtung wird klar, dass dieser Eindruck trügt: Um den Hals von Meister baumeln zwei Bronzemedaillen.

Alles andere als gewöhnlich ist auch ihr Empfang. Kaum hat Nora Meister den Passagierstrom hinter sich gelassen, wird die junge Lenzburgerin von ihrem Begrüssungskomitee umringt und mit Umarmungen und kleinen Geschenken überhäuft. Nach all dem Trubel und den obligatorischen Erinnerungsfotos braucht Meister erst einmal einen Augenblick, um sich zu sammeln.

Überhaupt kann die Kantischülerin ihren Erfolg noch immer kaum fassen. «Es fällt mir schwer, es zu realisieren. Es ist noch immer so …», sie bricht ab. Gewisse Dinge lassen sich manchmal einfach nicht in Worte fassen, egal, wie sehr man es auch versucht. Dass sie an ihren ersten Weltmeisterschaften gleich zweimal eine Medaille abgreift, damit hatte keiner so richtig gerechnet. «Es war sehr überraschend. Irgendwie krass», sagt Meister.

Das Talent einmal mehr bestätigt

Dass sie sich Erfolge nicht gewohnt ist, kann allerdings nicht behauptet werden. Mit ihren beiden Bronzemedaillen über 100 m Rücken und 400 m Freistil bestätigt sie einmal mehr ihr grosses Talent, selbst wenn sie sich dieses selten zugestehen mag. Die seit ihrer Geburt mit Arthrogryposis multiplex congenita – einer Versteifung der Gelenke – lebende Meister fällt immer wieder durch ihren Fleiss und ihren Ehrgeiz auf.

Podest über 100m Rücken (v.r.): Meister, Marks, Newkirk.

Podest über 100m Rücken (v.r.): Meister, Marks, Newkirk.

Im vergangenen Jahr holte sie an den Europameisterschaften in Dublin drei Medaillen, am diesjährigen Weltcup in Berlin stellte sie einen neuen Weltrekord über 200 m Rücken auf. Nun folgten erneut zwei Medaillen – trotz ihrer vergangenen Erfolge so unerwartet, dass sie sich noch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hat, wo sie diese zu Hause überhaupt aufstellen soll.

Lange Vorbereitungsphase

Vielmehr drehten sich ihre Gedanken nach dem Wettkampfende um ihre Heimkehr. «Ich freue mich total darauf, nach Hause zu kommen. Ich war eine lange Zeit weg», sagt Meister.
Nicht nur in der Wettkampfphase, sondern auch in der Vorbereitung war sie länger von ihren Eltern getrennt. Zusammen mit der restlichen Schweizer Delegation trainierte sie über sechs Wochen hinweg unter Nationaltrainer Martin Salmingkeit in Magglingen.

Doch trotz der anstrengenden vergangenen Wochen ist Meister die verdiente Ruhe nicht vergönnt. Einen Tag nach ihrer Ankunft ging es für sie wieder zurück auf die Schulbank. Viel lieber würde sie allerdings so schnell wie möglich zurück ins Becken. «Ich lege zurzeit eine Trainingspause ein. Aber ich weiss jetzt schon, dass ich es spätestens morgen vermissen werde, im Wasser zu sein», sagt die 16-Jährige.

Tolle Begegnungen, traumhafte Architektur

Über diese Wartezeit dürften sie ihre Erinnerungen an London hinwegtrösten. Als prägendes Erlebnis bezeichnet sie die Einladung des Schweizer Botschafters, der die Athletinnen und Athleten und den Staff zum Essen empfing. Ihre weiteren Highlights? «Überhaupt einmal an Weltmeisterschaften teilnehmen zu können, all die Begegnungen vor Ort. Es ist toll, auf Menschen aus anderen Ländern zu treffen, denen ich sonst nie begegnen würde», sagt Meister.

Auch der Wettkampfort hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. «Das Hallenbad war wirklich schön. Anders gebaut als all die anderen Bäder, die ich kenne. Dort schwimmen zu dürfen, war ein grosses Highlight», schwärmt Meister über das von Zaha Hadid entworfene London Aquatics Center. Dieses war einer der Austragungsorte der Olympischen Sommerspiele und der Sommer-Paralympics 2012 und dürfte Meister somit schon einmal einen Vorgeschmack auf die ganz grosse Bühne gegeben haben.

Den Sprung dorthin will Meister als Nächstes in Angriff nehmen. Mit ihrem gelungenen Auftritt hat sie der Schweiz zwei halbe Quotenplätze für die Paralympics 2020 in Tokio gesichert, mit grosser Wahrscheinlichkeit werden eine Frau und zwei Männer für die Schweiz starten. Sich einen dieser Plätze zu sichern und ihr Land in Tokio vertreten zu können, ist nach wie vor Meisters grösster Traum. Doch bis dieser endlich in Reichweite rückt, wird sie noch viele Bahnen schwimmen und viele Tage auf der Schulbank drücken müssen. Gelingt ihr aber die Qualifikation, so wird die Kantischülerin spätestens dann einmal für grosse Aufmerksamkeit sorgen.

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