Spiel des Lebens
Walter Gabathuler und sein Sturz fünf Minuten vor dem Start

Springreiter Walter Gabathuler über seinen Einsatz beim CSIO in Aachen 1979, bei dem er überraschend den zweiten Platz geholt hat.

Fabio Baranzini
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Walter Gabathuler hatte Glück im Unglück.

Walter Gabathuler hatte Glück im Unglück.

Fabio Baranzini

«Der grosse Preis des CSIO in Aachen ist ein Wettkampf auf absolutem Topniveau, vergleichbar mit Wimbledon im Tennis. Die gesamte Weltspitze ist versammelt und die Reitanlage ist riesig. Ich gehörte damals noch nicht zu den Favoriten, qualifizierte mich aber für das Stechen um den Turniersieg. In der Entscheidung scheiterte ich dann aber ganz knapp und belegte mit sechs Zehntel Rückstand den zweiten Rang. Dies war bis dahin mein grösster Erfolg und war so etwas wie der Startschuss für meine erfolgreichsten Jahre als Springreiter.

Dieser zweite Platz bleibt mir aber auch deshalb in besonderer Erinnerung, weil mir wenige Minuten vor dem Einsatz im Stechen beim Aufwärmen ein Missgeschick unterlaufen ist. Ich war mit meinem Pferd «Harley» auf dem Abreitplatz am Einreiten. Dabei tastete ich mich langsam an die Wettkampfhöhe der Hindernisse heran. Und dann passierte es: Bei einem Hindernis – einem Oxer – ist «Harley» etwas zu früh abgesprungen und hat es nicht ganz drüber geschafft. Wir sind gestürzt und haben uns überschlagen. Beide blieben unverletzt, aber unglücklicherweise ereignete sich der Sturz ganz am Schluss des Aufwärmens, als nur noch zwei Reiter vor mir das Stechen absolvieren mussten.

Es dauerte also nur noch rund fünf Minuten, bis ich hätte starten müssen. Aber allein schon die Strecke vom Abreitplatz bis ins Stadion nahm etwa zwei Minuten in Anspruch und weil ich nach dem Sturz mein Pferd erst noch in der anderen Ecke des Abreitplatzes holen, es säubern und alles wieder vorbereiten musste, wurde der Wettkampf kurz unterbrochen. Meine Frau hat mir geholfen und als alles wieder in Ordnung war, habe ich mit Harley noch kurz ein paar Sprünge über niedrigere Hindernisse gemacht, um das Vertrauen wieder zu finden.

Obwohl ich durch den Sturz den Fokus verloren hatte und die Konzentration wieder neu aufbauen musste, war ich bereit, als mit etwas Verspätung das Startsignal im Stadion erklang. Ich habe alles gegeben, habe aber, als ich ins Ziel gekommen bin, gleich gesehen, dass ich nur Zweiter bin. Im ersten Moment ärgerte ich mich natürlich ein wenig, denn mit einem Sieg beim GP in Aachen hätte ich mir einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Ich fragte mich auch, ob ich ohne Sturz die sechs Zehntel nicht verloren hätte. Rückblickend ist dieser zweite Platz aber bis heute einer der wichtigsten Erfolge in meiner Karriere, denn trotz des Sturzes kam ich dem Sieg in Aachen nie mehr so nahe wie 1979.»

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