Der Weg nach Tokio

Warum Judoka Grossklaus mit über 1000 Leuten in ein kleines Bergdorf reist

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Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Ciril Grossklaus.

Von Mitte Dezember bis Ende Januar finden keine Qualifikationsturniere statt. Eineinhalb Monate. Im Judo eine lange Zeit, heutzutage. Das Programm der offiziellen Welttournee ist gespickt mit zahlreichen «Grand Prix»- und «Grand Slam»-Turnieren auf der ganzen Welt. Da gibt es nicht viele Lücken. So stellt sich natürlich die Frage: Sollte man trainieren oder pausieren über die Festtage?

Von Italien weiter nach Österreich

In typisch schweizerischer Manier habe ich mich für einen Kompromiss entschieden. In der Weihnachtswoche habe ich mein Krafttraining normal durchgezogen. Das heisst, am Montag (23.), Mittwoch (25.) und Freitag (27.) war ich von zehn bis zwölf Uhr am Ge­wichte stemmen. Auf der Matte haben wir nur noch zwei Mal trainiert. Über Neujahr hatte ich schliesslich eine fünftägige Auszeit. Eine grosse Pause für meine Verhältnisse.

Am Berchtoldstag trat ich also frisch zu den zwei ersten Einheiten des Jahres an. Auch die Reisetasche musste an diesem Tag gepackt werden, ging es am 3. Januar doch bereits los mit einem kurzen Camp in Italien. Von dort sind wir am vergangenen Montag direkt nach Mittersill gefahren, wo jetzt gerade eines der grössten internationalen Trainingslager der Welt läuft.

Über 1000 Athleten in einem kleinen Bergdorf

Für einen international aktiven Judoka ist es Tradition zum Jahresauftakt in das öster­reichische Bergdörfchen zu reisen. Über 1000 Athleten aus etwa 40 Nationen treffen sich dort, um gut eine Woche lang gegeneinander zu ­kämpfen und voneinander zu profitieren. Eine gängige Praxis im Judo, die auch
mit der grundlegenden ­Philosophie dieser Sportart zu tun hat: Man hilft sich gegenseitig, damit alle Fortschritte erzielen können.

Wichtig ist, über den ­Tellerrand zu schauen

Dieser Austausch mit anderen Athleten aus anderen Ländern ist im Judo extrem wichtig. Es handelt sich in unserem Sport schliesslich um einen Zweikampf. Mensch gegen Mensch. Die zahlreichen Wurftechniken werden in so vielen Variationen ausgeführt und es gibt so viele verschiedene Griffmöglichkeiten und generell unterschiedliche Stilrichtungen, dass man unmöglich an der Weltspitze bestehen kann, wenn man nie über den Tellerrand schaut.

Daher trainiere ich, seit ich sechzehnjährig bin, durchschnittlich zwölf Wochen  pro Jahr im Ausland. Dazu kommen ein bis zwei Wettkämpfe pro Monat, die in­zwischen verteilt auf allen fünf Kontinenten stattfinden. Man könnte sagen, dass ich schon ein wenig «herum gekommen» bin mit meinen 28 Jahren.

Der Lohn für die Arbeit

Ich verbinde deshalb meine Karriere niemals mit Verzicht. Selbst wenn ich meinen Traum einer Olympia-Medaille nicht erreichen sollte, sind mir die gemachten Erfahrungen, das Gelernte und die geschlossenen Freundschaften mit Judokas vielerlei Nationen, Lohn genug für alles, was ich investiert habe.

Nicht falsch verstehen. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich mein Ziel verfehlen sollte. Aber zum Glück habe ich gelernt mit Niederlagen umzugehen. Ohnehin ist jetzt nicht der Zeitpunkt um ein Fazit zu ziehen. Bald geht es wieder Schlag auf Schlag. Bis Ende Mai verbleiben acht Möglichkeiten, um zu punkten und die Olympia-­Qualifikation zu realisieren.

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