Amir Abrashi
Der Captain mit dem Diplomatenpass

Amir Abrashi lebt als Fussballer von seinem unbändigen Ehrgeiz. Gegen Lausanne strebt er mit GC den ersten Sieg nach dem Aufstieg an.

Peter Birrer
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GC-Captain Amir Abrashi (rechts) im Duell mit YB-Spieler Christopher Martins.

GC-Captain Amir Abrashi (rechts) im Duell mit YB-Spieler Christopher Martins.

Claudio De Capitani / freshfocus

Dieser Enthusiasmus! Dieses Feuer! Diese Liebe zum Spiel! Diese Lust auf Zweikämpfe und Emotionen!

Amir Abrashi ist im Nu auf Betriebstemperatur, das Energiebündel erzählt mit flottem Tempo, ansteckender Begeisterung und in breitestem Thurgauer Dialekt, wie er tickt, was ihn antreibt, warum er mit 31 keinen Gedanken an ein Ende seiner Karriere verschwendet. Die Leidenschaft für seinen Beruf lässt nicht nach. Im Gegenteil.

Seit sechs Wochen ist er zurück bei GC, er trägt Blau-Weiss mit Stolz, weil der Klub ihm viel bedeutet. Er formuliert es so: «Hier bin ich geschnitzt worden.» Bei GC hat er im Sommer 2010 in der Super League debütiert, mit GC hat er 2013 den Cup gewonnen, von GC ist er 2015 zum SC Freiburg gezogen. Und jetzt erklärt er manchem, der neu beim Rekordmeister ist, die Bedeutung des Vereins.

Seine Rolle ist heute eine andere als damals, er ist heute der Captain und ein Wortführer, nicht mehr der Jungspund, der grossen Respekt hatte vor Routiniers wie Ricardo Cabanas, Boris Smiljanic oder Veroljub Salatic. Und wenn sich Amir auf dem Platz mit einem Gegner anlegt oder nach einem Schiedsrichterentscheid reklamiert, mahnt ihn der Vater: «Amir, du bist zu aggressiv.»

Der Kampfgeist treibt ihn an: «Euch zeige ich es!»

Fussball hat für den Vater einen überschaubaren Stellenwert, aber da, wo der Sohn auftritt, ist er in Begleitung seiner Frau oft. Natürlich sind die beiden stolz, wenn sie sehen, wo Amir auftritt, aber deswegen würden sie nie ihre Bescheidenheit ablegen. Ihnen ist wichtig, dass es ihm gut geht. Und dass er befolgt, was die Eltern ihm mitgegeben haben: bodenständig bleiben, korrekt, anständig und umgänglich sein.

Als Bub hat er einen Kampfgeist entwickelt, der sein Markenzeichen geworden ist. Abrashi, geboren in Uzwil und mit drei älteren Schwester in Bischofszell aufgewachsen, gehörte stets zu den Kleinsten. «Mich trieb ein Gedanke immer an: Euch Grösseren, vermeintlich Stärkeren, zeige ich es!», sagt er. Nichts bot sich dazu mehr an als der Fussball: Abrashi schreckte vor keinem Gegenspieler zurück.

Diese Mentalität hat ihm geholfen, Karriere zu machen. In der Jugend schafft er es in die Schweizer Nachwuchsauswahlen, bei GC wird er Profi, gefördert von Ciriaco Sforza. Vom Trainer hat er einmal den Satz gelesen, dass er, Abrashi, ein Rohdiamant sei, den es zu schleifen gelte. Die Worte beflügeln ihn. Mit der Schweizer U-21 erreicht er 2011 den EM-Final gegen Spanien (0:2), aber eine Stufe weiter oben ist das Gerangel um die Positionen im Mittelfeld zu gross. Abrashi wird trotzdem A-Nationalspieler – von Albanien. Und 2016 ist er mit der Auswahl des Landes seiner Eltern an der EM in Frankreich dabei. Die Nation feiert die Fussballer als Helden, nach ihrer Rückkehr vom Turnier erhält jeder von ihnen den Diplomatenpass.

In Freiburg lernt Abrashi von Christian Streich

Abrashis Augen leuchten. Die emotionalen Bilder dieses Kapitels haben sich eingebrannt, und wenn er sie beschreibt, tut er das mit ansteckendem Enthusiasmus. Er hat aber auch Rückschläge wegstecken müssen, zwei Kreuzbandrisse zum Beispiel. Um stark zurückzukehren, engagierte er einen Personal Trainer. Verbrachte Tage mit ihm. Sogar die Ferien. Abrashi sagt: «Er hat mich gerettet.»

In Freiburg lernt er viel von Christian Streich, diesem Trainer mit der unverstellten, erfrischenden Art, Interviews zu geben. Er bringt Abrashi taktische Finessen bei, er zeigt ihm auf, wie viel möglich ist, wenn eine Mannschaft als intakte Einheit funktioniert. Im Breisgau ist Abrashi sowieso am richtigen Ort. Wer meint, sich ein bequemes Leben einrichten zu können, ist bei Streich und dem SC Freiburg an der falschen Adresse.

Streich kann unangenehm sein, unausstehlich fast nach Niederlagen, er kritisiert Spieler auch direkt, etwa an Videositzungen. Aber zu ihm findet Abrashi den Draht. Er erinnert sich an die erste Begegnung mit ihm, 2015 in der Autobahnraststätte in Affoltern am Albis. Streich ist mit seiner Familie auf dem Weg in die Ferien, geknickt nach dem Abstieg mit dem SC Freiburg. Einige Zeit nach dem Treffen erzählt ihm Streich, wie Abrashi Eindruck mit seinem positiven Auftreten gemacht habe. Seine Frau habe ihm gesagt: «Den musst du nehmen.» Kontakt zu Streich hat Abrashi immer noch. Unlängst rief Streich ihn an, einfach, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Und wenn Abrashi gefragt wird, ob er einem Jungen zu einem Wechsel nach Freiburg raten würde, zögert er keine Sekunde: «Unbedingt!»

Jubel über den Schweizer Coup gegen Frankreich

Abrashi, der zumindest vorübergehend bei seinen Eltern in Pfungen eingezogen ist, hat bei GC nach seinem leihweisen Abstecher zum FC Basel einen Zweijahresvertrag unterzeichnet. Nach der Regelung seiner Zukunft hat er die EM verfolgt – als Fan der Schweizer. Bei der spektakulären Wende gegen Frankreich im Achtelfinal ist er vor dem Fernseher mehrmals aufgesprungen, er sagt: «Es war grossartig, wie wir das geschafft haben.» Er sagt «wir», weil er nicht nur Albaner, sondern auch Schweizer ist: «Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich die Ausbildung gemacht, hier bin ich Fussballer geworden. Der Schweiz werde ich immer dankbar sein.»

Nun beherrscht das Tagesgeschäft seine Gedanken, die kommenden Spiele mit GC. Lausanne ist der nächste Gegner am Samstag, nach dem 0:2 gegen Basel und dem 0:0 bei YB («das war wichtig für die Moral») strebt er mit seinen Kollegen den ersten Sieg an: «Das gäbe uns Schwung für die weiteren Aufgaben. Wir müssen das packen!»

Und wieder dringt diese Entschlossenheit durch, diese Lust, diese Unerschrockenheit.

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