Analyse
Befindlichkeiten im Westschweizer Eishockey: Bunte Welt zwischen Charme und Chaos

Könnte es auch sein, dass wir in der Deutschschweiz alles ganz falsch sehen? Dass wir bei unseren Betrachtungen über die Zustände in der welschen Hockeykultur womöglich gar zu Arroganz neigen?

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Goalie Tobias Stephan (links) und Justin Krueger: Wohin führt Lausannes Weg?

Goalie Tobias Stephan (links) und Justin Krueger: Wohin führt Lausannes Weg?

Bild: Freshfocus

Vier Klubs der höchsten Liga gehören zum Welschland: Servette, Lausanne, Ajoie und Gottéron. Im Kanton Freiburg sind die Deutschschweizer klar in der Minderheit. Die Tabelle zeigt die unterschiedliche Gemütslage. Gottéron gehört zur Spitzengruppe der Liga, ist als einziges welsches Team auf einem direkten Playoffplatz klassiert und hat soeben mit dem Punktemaximum die nächste Runde der Champions League erreicht. Lausanne ist im europäischen Wettbewerb bereits gescheitert, Servette und Ajoie belegen in der National League die beiden letzten Plätze. Es ist eine bunte Welt zwischen Charme und Chaos. Einerseits der Charme der Romantiker und Aussenseiter aus der Ajoie und der spielerische Charme Gottérons. Und andererseits das Chaos in Lausanne und in Genf.

In der olympischen Welthauptstadt ist fast alles anders. Dieses Hockey-Unternehmen kann nicht mit den in der Deutschschweiz üblichen Denkansätzen analysiert werden. Als einziger Klub der Liga wird Lausanne von Geldgebern ausländischer Herkunft kontrolliert. Lausanne gibt genug Geld aus, um die Liga zu dominieren. Eigentlich ist Lausanne der FC Sion des Eishockeys. In Sion regiert Präsident Christian Constantin absolutistisch und in seinem Reich herrscht ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenhaus. Aber anders als bei einem richtigen Bienenvolk gibt es beim emsigen Treiben keine höhere innere Logik. Der oberste Chef mischt sich laufend ins sportliche Tagesgeschäft ein. Lausannes Manager Petr Svoboda heuert und feuert die Trainer fast wie Constantin. Aktuell hat er drei auf der Lohnliste: die geschassten Ville Peltonen und Craig MacTavish versuchen auf dem Rechtsweg, an ihr Geld zu kommen und niemand mag Geld in eine Wette investieren, ob der aktuelle Cheftrainer John Fust an Weihnachten noch an der Bande stehen wird. WM-Silberheld Joël Genazzi ist vom Coach auf die Tribüne gesetzt worden und die Sportchefs aus der Deutschschweiz haben sich schon nach sofortigen Transfermöglichkeiten erkundigt. Soeben hat Lausanne mit Genazzi um drei Jahre verlängert. Chaos in Lausanne, weil sich einer in alles einmischt.

Chaos in Genf, weil keiner mehr genug Autorität hat, um sich in alles einzumischen: Chris McSorley hat 2002 ein überschuldetes, zweitklassiges Servette übernommen und zum bestfunktionierenden Sportunternehmen der Westschweiz gemacht. Im Frühjahr 2020 ist er entmachtet worden. Das Team, das er gebaut hat, ist mit dem Trainer, den er ausgebildet hat, 2021 bis in den Final gestürmt. Nun ist Chris McSorley Cheftrainer in Lugano und Servette ist ans Tabellenende abgerutscht. Wir denken: Lausanne und Servette, halt typisch welsch. Und politisch unkorrekt, wie wir nun mal sind, verweisen wir darauf, dass einzig Gottéron in der Westschweiz so gut funktioniert, weil eben ein Pragmatiker deutscher Zunge den Klub führt: Präsident Hubert Waeber entstammt der deutschsprachigen Minderheit des Kantons: er ist ein Sensler.

Ganz im Sinne des Buches der Bücher sehen wir den Splitter im Auge des Westschweizer Hockeys. Aber nicht den Balken im eigenen Auge. In den letzten Jahren ist das sportliche Chaos mit Trainern, Sportchefs und ausländischem Personal in Bern so gross wie in Lausanne. Den grössten Zuschauereinbruch muss Bern hinnehmen. Die Romantiker aus Ajoie haben im Aufstiegskampf die selbstgefälligen Klotener besiegt. Die letzten drei Teams, die aus der höchsten Liga (vorübergehend) absteigen mussten, sind Langnau, die Lakers und Kloten. Ja, es ist wahr: seit 1973 (La Chaux-de-Fonds) hat nie mehr ein Team aus der Westschweiz den Titel geholt. Aber ansonsten ist die Hockeykultur der Deutschschweizer jener der Welschen ähnlicher als wir zwischen Bern und Zürich zugeben wollen. Es ist genauso eine bunte Welt zwischen Charme und Chaos.

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