ANALYSE
Roger Federer: Das Ringen um ein Ende in Würde

Analyse zu Roger Federers Absage für die Australian Open.

Simon Häring
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Wann und in welchem Zustand Roger Federer in den Tennis-Zirkus zurückkehrt, ist weiter ungewiss.

Wann und in welchem Zustand Roger Federer in den Tennis-Zirkus zurückkehrt, ist weiter ungewiss.

Bild: Keystone

Überraschen konnte diese Meldungen niemanden mehr. Zuletzt säte er bei den Sports Awards selber Zweifel, ob er überhaupt noch einmal auf den Platz zurückkehren würde, als er sagte: «Wenn es das gewesen sein sollte von mir, wer weiss, dann wäre es ein unglaublicher Schlusspunkt für mich.» Er lag bereits damals weit hinter seinem Zeitplan. Nachdem Federer sich im Sommer einer zweiten Operation am Knie unterzogen hatte, kehrte er nicht wie geplant im August, sondern erst im Oktober auf den Tennisplatz zurück.

Simon Häring.

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Inzwischen bereitet er sich zwar an seinem Zweitwohnsitz in Dubai auf die kommende Saison vor, die um drei Wochen auf Anfang Februar verschobenen Australian Open kommen für ihn aber noch zu früh. Er habe entschieden, dass es langfristig die beste Entscheidung für ihn sei, nach den Australian Open ins Wettkampftennis zurückzukehren. Er habe starke Fortschritte gemacht. Die Zweifel, ob er noch einmal an die Weltspitze zurückkehren wird, werden dennoch immer lauter.

Roger Federers Feuer, seine Leidenschaft, der fast schon kindliche Enthusiasmus – sie verblüffen jeden um ihn herum. Im Kopf sei Federer ein 19-Jähriger, in den Beinen wie ein 29-Jähriger, und im Pass sei er 39, sagte Ex-Profi Fabrice Santoro einmal. Heute, mit fast 40 Jahren, umweht jeden von Federers Auftritten ein Hauch von Endgültigkeit, dem auch er sich nicht entziehen kann. Immer öfter klingt es nach Abschied. Immer öfter bleibt der Eindruck, dass es ihm darum geht, die Türe zu diesem Kapitel selbstbestimmt hinter sich zu schliessen.

«Wenn du etwas im Leben am besten kannst, willst du das niemals aufgeben», lautet einer seiner Leitsätze. «Und für mich ist das Tennis.» Und doch ist kein Prophet, wer sagt, es seien die letzten Sandkörner, die durch die Kehle der Uhr rinnen. Überall wird er mit der Frage konfrontiert werden, ob es das letzte Mal gewesen sei. Ob er denn wiederkomme. Und weil er die Frage selber nicht beantworten kann oder will, wird er jedes Mal so behandelt, als wäre es ein Abschied für immer. Das mag schön sein, aber es ist mit Sicherheit auch schwer auszuhalten für einen, der sich von dem lösen muss, das ihn geformt und sein Leben mehr geprägt hat als alles andere.

Doch das Tennis, wie er es kennt, gibt es nicht mehr, seit eine Pandemie die Welt in ihren Klauen hält. Federer wird sich die Frage stellen, welchen Preis er bereit ist, zu zahlen. Möchte er lange Absenzen auf sich nehmen, um vor halb leeren Rängen zu spielen? Wird er weiterspielen, wenn er keine Chancen mehr sieht, gegen die Besten gewinnen zu können? Es sind Fragen, denen er sich nicht entziehen kann.

Das letzte Jahr hat Federer eine Welt eröffnet, zu der er während zweier Jahrzehnte keinen Zugang mehr hatte. Einen Alltag mit Beständigkeit, in dem er bestimmen konnte, wann, wo und zu welchem Anlass er im Rampenlicht stehen will. Er verbrachte viel Zeit mit der Familie, kümmerte sich um seine Stiftung und organisierte sein Unternehmen. Das Tennis hat begonnen, sich von ihm zu lösen. Und er sich vom Tennis.

So glamourös und aufregend es wirkt – auch das Leben in der Tennis-Karawane ist geprägt von zermürbenden Routinen: den immer gleichen Städten, Stadien, Flughäfen, den Hotels und Fragen. In einer Welt, in der man schnell erwachsen und noch viel schneller alt wird, hat Federer das Kunststück geschafft, lange jung zu bleiben. Die meisten werden vor dem 30. Geburtstag von diesem Karussell abgeworfen – der Körper zwingt sie dazu, oder andere Lebensbereiche sind wichtiger geworden – der Wunsch nach Heimat, Verwurzelung, die eigene Familie.

Federer wurde 2009 erstmals Vater. Wohl nicht einmal er selber hatte damit gerechnet, elf Jahre später immer noch Tennis zu spielen. Er konnte sich freilich den Luxus leisten, mit seiner Entourage zu reisen: Frau, Kindern, Eltern, Trainer, Physiotherapeut, Nannys und Lehrer. Das hat ihm geholfen, den Lauf der Zeit aufzuhalten. Doch nun, während der Pandemie, dürften solche Reisen nicht mehr möglich sein.

«Ich hoffe, es gibt noch etwas von mir zu sehen im neuen Jahr. Wenn ich es nicht schaffe, bricht für mich keine Welt zusammen», sagte Federer. Seine letzten grossen Ziele sind Wimbledon, die Olympischen Spiele in Tokio, und die US Open. «Schön wäre es einfach, wenn ich noch einmal auf den Platz zurückkehren würde.»

Federer sagte einmal, er müsse nicht auch noch kitschig aufhören. Darum geht es längst nicht mehr. Sondern darum, ein letztes Mal die Zeit anzuhalten. Den Tennis-Zirkus erhobenen Hauptes zu verlassen. Und die Türe selbstbestimmt hinter sich zu schliessen. Es ist ein Ringen um ein Ende in Würde. Und die letzte grosse Mission.

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