Australian Open
Die Bevölkerung wird eingesperrt, doch die Australian Open gehen einfach weiter – es ist ein Schlag ins Gesicht der Australier

Wegen eines Corona-Ausbruchs an einem Flughafen in Melbourne geht die Stadt in einen fünftägigen Lockdown, die Menschen dürfen ihre Häuser und Wohnungen nur noch mit triftigem Grund verlassen.

Simon Häring
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Ab Samstag wird in Melbourne ohne Publikum weitergespielt.

Ab Samstag wird in Melbourne ohne Publikum weitergespielt.

Dean Lewins / EPA

Schulen und Universitäten? Geschlossen! Restaurants, Kaffees und Kinos? Geschlossen! Am Freitag um Mitternacht Ortszeit ging Melbourne in einen weiteren Lockdown, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Das verkündete der Premierminister des Bundesstaates Victoria, Daniel Andrews, am Freitag nach einer Krisensitzung. Die Menschen dürfen ihre Häuser und Wohnungen nur für wichtige Dinge verlassen, ausserhalb der eigenen vier Wände herrscht eine Maskenpflicht. Die Regelung gilt vorerst für fünf Tage. Epidemiologen sprechen von einem Circuit-Breaker.

Grund für die Massnahmen ist ein Corona-Ausbruch in einem Flughafen-Hotel in Melbourne. Zuvor war in Victoria während über eines Monats keine lokale Neuansteckung mehr registriert worden, nun sind es innert 24 Stunden gleich fünf neue Fälle, alle mit der ansteckenderen Virusvariante - eingeschleppt von Ferienrückkehrern. Sorgen bereiten den Behörden auch Abwasserproben, die Hinweise auf ein verstärktes Infektionsgeschehen liefern. Australien hat die Pandemie mit scharfen Massnahmen zwar unter Kontrolle, Impfung wurde aber bisher noch keine einzige verabreicht.

Victorias Premierminister Daniel Andrews verkündet einen Lockdown.

Youtbe.com

Tennisspieler als «unverzichtbare Arbeitskräfte»

Melbournes Bevölkerung wird also ein weiteres Mal eingesperrt. Dass die derzeit laufenden Australian Open – ohne Publikum zwar – fortgesetzt werden, muss für sie wie ein Schlag ins Gesicht sein. Dafür bedient man sich eines Kniffs: die Anlage im Melbourne Park gilt jetzt als Arbeitsplatz, die Tennisspieler als «Essential Worker», als unverzichtbare Arbeitskräfte also, die einen «notwendigen Beruf» ausüben. Bislang waren Zuschauer zugelassen. Die Obergrenze war für die ersten Turniertage auf 30’000 Besucher pro Tag festgesetzt worden, die sich auf der Anlage verteilten.

Die Australian Open sind für die Stadt ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 2020 trug das Turnier 270 Millionen Franken zum Bruttoinlandprodukt Victorias bei. Über die letzten zehn Jahre waren es 2 Milliarden Franken. Die Bevölkerung zahlt dafür einen hohen Preis. Nach dem ersten Ausbruch schloss die Regierung die Grenzen und verhängte einen Lockdown, der 111 Tage dauern sollte. Wer in die Heimat zurückkehren wollte, musste einen Platz in einem Quarantäne-Hotel nachweisen. 36'000 Australier warten bis zum heutigen Tag darauf, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen.

Turnierdirektor Craig Tiley hat alle Hände voll zu tun.

Turnierdirektor Craig Tiley hat alle Hände voll zu tun.

James Ross / EPA

Keine Zuschauer mehr, aber mehr Preisgeld

Die Tennisspieler sind in Australien für einmal nicht nur gern gesehene Gäste. Das hat auch mit den zum Teil peinlichen Klagen wegen der 14-tägigen Quarantäne ab Einreise zu tun. Viele Australier empfinden die Durchführung des Turniers als Zwängerei. Der Veranstalter hatte keinen Aufwand gescheut. 1200 Personen aus mehr als 100 Ländern waren mit einer Sonderbewilligung nach Australien eingereist. Weil auf drei der 19 Charterflügen das Coronavirus eingeschleppt worden war, wurden 72 Spielerinnen und Spieler samt ihren Betreuern für zwei Wochen in eine verschärfte Quarantäne versetzt. Betroffen war auch Belinda Bencic.

Die Einzelsieger im Frauen- und Männer-Turnier erhalten in diesem Jahr ein um einen Drittel kleineres Preisgeld als noch im Vorjahr. Doch mit 1,9 Millionen Franken ist der Preis nach wie vor ansehnlich. Die Reduktion ist nicht der Pandemie geschuldet, sondern einem neuen Verteilschlüssel geschuldet. Das Gesamtpreisgeld steigt im Vergleich zum letzten Jahr um beinahe 13 Prozent auf 55 Millionen Franken. Schon die Erstrunden-Verlierer erhalten knapp 70'000 Franken. In Melbourne, in der Tennis-Blase, ist es, als gäbe es keine Pandemie und keine Wirtschaftskrise.

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