Australian Open
Der Corona-Ausbruch nach einer Party im Quarantäne-Hotel gefährdet nicht nur die Australian Open, sondern auch den Frieden

60 Hotelangestellte feierten in Melbourne das Ende der Quarantäne für den Tennis-Tross. Ein weiterer wurde positiv auf die britische Variante des Virus getestet. Trotzdem sollen die Australian Open stattfinden.

Simon Häring
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Das Grand Hyatt Hotel in Melbourne ist eines der drei Quarantäne-Hotels in Melbourne. Viele Spieler sind noch immer dort untergebracht.

Das Grand Hyatt Hotel in Melbourne ist eines der drei Quarantäne-Hotels in Melbourne. Viele Spieler sind noch immer dort untergebracht.

Hamish Blair / AP

Nur mit offenen Armen wurden die Tennis-Nomaden in Melbourne nicht empfangen, die mit 18 Charterflügen aus allen Winkeln der Erde angereist waren. Zu tief sind die Wunden, die der monatelange harte Lockdown im Land gerissen hat. Und zu gross der Stolz auf das Erreichte. Während eines Monats war im Bundesstaat Victoria keine einzige Ansteckung mit dem Coronavirus mehr registriert worden. Es ist das Resultat äusserst strenger Massnahmen. Wer in Australien einreisen darf, wird für 14 Tage in einem Hotel unter Quarantäne gestellt. Für den Tennis-Tross galt eine Ausnahme: Sie durften während fünf Stunden das Zimmer verlassen, um zu trainieren.

Weil das tückische Virus auf drei Flügen dennoch eingeschleppt worden war, wurde 72 Spielerinnen und Spielern dieser Freigang gestrichen. Davon betroffen war unter anderem die Schweizerin Belinda Bencic.

Belinda Bencic war von einer 14-tägigen, harten Quarantäne ohne Freigang betroffen. Am Freitag verlor sie ihr erstes Spiel der Saison.

Belinda Bencic war von einer 14-tägigen, harten Quarantäne ohne Freigang betroffen. Am Freitag verlor sie ihr erstes Spiel der Saison.

Thomas Schreyer

Opposition betreibt mit dem Virus Politik

Zwei von der Quarantäne Betroffene versuchten schon am ersten Tag, aus dem Hotel auszubrechen. Die Folge: Mehr Sicherheitspersonal, das genau das verhindern sollte. Das Gejammer aber wollte nicht abreissen. Sie fühlten sich wie in einem Gefängnis. Sie seien vom Organisator getäuscht worden. Man habe ihnen nicht gesagt, dass eine harte Quarantäne drohe, wenn einer von ihnen positiv getestet werde. Unter diesen Umständen hätten sie die Reise nach Australien gar nicht erst angetreten. Dazu kam, dass Novak Djokovic sich in einem Schreiben für Lockerungen aussprach. Das kam bei den lokalen Behörden nicht gut an. Die Gesundheit der Bevölkerung sei höher zu gewichten als die Bedürfnisse der Sportler.

Kaum war die Quarantäne ausgestanden, kaum war die Freiheit zurück erlangt, erschütterte ein weiterer Coronafall aus dem Umfeld der Tennis-Karawane das Verhältnis zwischen Sportlern und der Bevölkerung.

Sofortige Isolation und Massentests

Doch diesmal war kein Spieler, kein Trainer, kein Physiotherapeut der Schuldige. Sondern Hotelangestellter des Grand Hyatt, wo die Besten untergebracht sind, unter ihnen der Schweizer Stan Wawrinka. Um das Ende der Isolation der Tennis-Karawane zu würdigen, feierten Angestellte eine Party. «Es ist schlimm genug, dass das Virus wieder zirkuliert», sagt Oppositionspolitiker Michael O'Brien der «Herald Sun» und wetterte weiter: «auf unsere Kosten noch eine Party zu feiern, ist unglaublich!» Am Freitag teilten die Behörden mit, dass bei besagtem Hotelangestellten die infektiösere Virusvariante aus Grossbritannien festgestellt worden war. Wo er sich angesteckt hat, lässt sich aber offenbar nicht mehr nachvollziehen.

Turnierdirektor Craig Tiley ist als Krisenmanager gefordert.

Tennis Australia

Erneut griffen die Behörden resolut durch. Am Donnerstag fanden keine Spiele statt, 507 mögliche Kontakte mussten sich im Hotel isolieren und auf das Virus testen lassen. Am Freitag die Erlösung: Es kam zu keiner weiteren Ansteckung. Doch angesichts der Ohnmacht im Kampf gegen die Pandemie bleibt das Verhältnis zwischen Sportlern und Bevölkerung fragil.

Und auch den Veranstaltern wird ganz genau auf die Finger geschaut. Die Absicht, bei geschlossenem Dach keine Maskentragepflicht zu verordnen, wurde abgeschmettert. An den ambitionierten Plänen wird festgehalten. Bis zu 30'000 Zuschauer sollen während der ersten acht Tage auf die Anlage im Melbourne Park strömen, verteilt auf das gesamte Gelände. Ab den Viertelfinals soll die maximale Anzahl auf 25'000 pro Tag beschränkt werden. «Wenn wir uns dem Ende des Turniers nähern, werden wir in der Rod Laver Arena eine unglaubliche Atmosphäre haben », sagt Martin Pakula, Sportminister des Bundesstaates Victoria. Diese werde sich kaum von der Atmosphäre der letzten Jahre unterscheiden. Erwartet werden in den zwei Turnierwochen 390'000 Besucher – halb so viel wie im Vorjahr.

4000 Zuschauer kamen vor Wochenfrist zu einem Schaukampf in Adelaide, um Novak Djokovic spielen zu sehen.

4000 Zuschauer kamen vor Wochenfrist zu einem Schaukampf in Adelaide, um Novak Djokovic spielen zu sehen.

Kelly Barnes / EPA

Entsprechend gross ist auch die Vorfreude der Tennis-Spielerinnen und Spieler, die seit einem Jahr unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder vor kleinem Publikum gespielt haben. Bei einem Schaukampf in Adelaide kamen letzte Woche 4000 Menschen. Novak Djokovic sagte danach:

«Danke, dass ihr gekommen seid und uns diesen Tag so fantastisch gestaltet habt. Das ist wirklich etwas Besonderes.»

Von den 1200 Menschen, die mit der Tennis-Karawane nach Australien gereist waren, wurden nur 10 positiv auf das Coronavirus getestet. Das klingt nach wenig, stellt im Bundesstaat Victoria mit seinen 6,7 Millionen Einwohnern, in dem zuvor während 28 Tagen (!) keine einzige Ansteckung mehr registriert worden war, aber eine echte Bedrohung dar. Eine Party hier oder dort gefährdet nicht nur die Gesundheit, sondern auch den fragilen Frieden zwischen den Australiern und dem Tennis-Tross. Aber wie heisst es so schön? The Show Must Go On - der Ohnmacht zum Trotz.

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