Analyse

Alles ist möglich, nichts ist möglich: Der FCB startet heute in die Europa League

Der FCB (hier Silvan Widmer) startet heute ins Abenteuer Europa League. Die grosse Vorfreude bleibt aus.

Der FCB (hier Silvan Widmer) startet heute ins Abenteuer Europa League. Die grosse Vorfreude bleibt aus.

Der FC Basel startet mit dem heutigen Spiel gegen Krasnodar in die Gruppenphase der Europa League. Etwas, worauf man sich in Basel lange freute nach einem Jahr ohne internationale Spiele. Nur bleibt die Euphorie jetzt plötzlich aus.

«Ändlig wider Europa.» So wirbt der FC Basel vor dem Auftakt in die Gruppenphase der Europa League von heute. Endlich wieder internationale Spiele. Das hatten sich die Fans, die Spieler, und die Führung so sehr gewünscht. Denn wie sehr man die internationale Bühne in Basel liebt, wurde dann so richtig deutlich, als sie fehlte: in der letzten Saison.

Ohne europäisch zu spielen, war der europäische Fussball omnipräsent. Weil der grosse Reiz für Spieler fehlte, nach Basel zu kommen oder hier zu bleiben. Weil das Geld fehlte, um das strukturelle Defizit zu decken. Und weil fehlte, was die Essenz des Fussballs ist und aus den Liga-Spielen in nicht generiert werden kann: die ganz grossen Emotionen.

Emotionen, wie sie die Siege gegen Benfica oder Manchester United auslösten. Oder zuletzt das Heimspiel gegen Eindhoven. Emotionen, die fast greifbar waren. Emotionen, die nur europäische Nächte nach Basel bringen. Die Erwartungen an diese Gruppenphase waren riesig, die Wünsche hiessen Borussia Mönchengladbach, Espanyol Barcelona und Glasgow Rangers. Grosse Klubs aus reizvollen Ligen. Europäische Strahlkraft im tristen Alltag der Super League. Nur: Die Realität heisst nicht Gladbach oder Glasgow, sondern Krasnodar, Getafe und Trabzonspor.

Strapaziös, unattraktiv, unangenehm

Der FC Basel hat für diese Gruppenphase der Europa League bekommen, was er nicht wollte: strapaziöse Reisen sowie unattraktive, weil eher unbekannte, aber gleichermassen extrem unangenehme Gegner. Die grosse Euphorie löste die Auslosung nicht aus. Und die grosse Euphorie, sie lässt auch am Tag des ersten Spiels, bei welchem der FCB heute Krasnodar empfängt, auf sich warten. Das Kribbeln rund um das Joggeli ist nicht spürbar. Das mediale Interesse am Tag zuvor überschaubar. Eben so der Run auf die Tickets. Lediglich 12 500 Karten konnte der FCB bis gestern absetzen. Ernüchternd.

Die Europa League ist nichts, was in Basel die Massen anzieht. Dem war schon immer so. Das Basler Publikum ist aus den letzten zwei Jahrzehnten erfolgsverwöhnt. Wer alle grossen zu Gast hatte – von Barça, Bayern, Real Madrid bis hin zu Liverpool, Chelsea und den beiden Manchester Klubs – der lässt sich mit Trabzonspor und Getafe kaum anlocken. Und eben auch nicht mit Krasnodar.

Dabei ist die Ausgangslage in dieser Gruppe extrem spannend, weil sie so offen wie selten ist. Zwar ist der FCB aufgrund seiner gesammelten Koeffizienten-Punkte das Team aus Top 1. Der grosse Favorit aber ist er nicht. Einen grossen Favoriten auszumachen, ist ohnehin fast unmöglich. Dafür sind die Kräfteverhältnisse zu ausgeglichen. Was so viel heisst wie: Für den FCB ist alles möglich – aber auch nichts. Er kann diese Gruppe gewinnen – er kann aber auch ganz viel verlieren und an Teams scheitern, die in der breiten Wahrnehmung schlagbare No-Names sind.

Der Weg zum europäischen Überwintern, was in den vergangenen Jahren stets das Ziel der Basler war und es auch dieses Jahr sein muss, geht über die Heimspiele. Will der FCB weiter kommen, muss er zu Hause drei Mal siegen. Punkte in Spanien bei Getafe sind eher unrealistisch, tat sich der FCB mit Vertretern der Primera División doch traditionell schwer. In Trabzon wartet ein Hexenkessel. Etwas, womit eine junge Mannschaft erst einmal umgehen muss. Und in Russland wartet die grosse Unbekannte, aber auch die grosse russische Kälte eines zu Ende gehenden Novembermonats.

Der FCB muss zu Hause den Grundstein legen, auf dem er aufbauen kann: Er muss heute gewinnen. Unbedingt. Ohne Sieg im Auftaktspiel ist die Ausgangslage bereits schwer. Und vor allem: Ohne Sieg und mitreissendem Spiel locken auch die Partien gegen Trabzonspor und Getafe nicht die Massen ins Joggeli.

Die Europa League bietet viel. Eigentlich

Die Europa League hätte nach dem Jahr des Wartens auf Europa die Sehnsüchte stillen sollen. Schliesslich hat heutzutage auch die Europa League immens viel zu bieten. Finanziell kann sie nicht mithalten mit der Champions League, grossen Namen aber kann sie trotzdem bieten. In diesem Fall aber nur nicht für den FCB.

So verkommt die Europa League zu dem, was sie zu oft und meist auch zu Unrecht gemacht wird: zum Trostpreis. Für den FCB ist diese Europa-League-Kampagne, noch bevor sie begonnen hat, nicht das, was man sich von ihr im Vorfeld versprochen hatte. Kein Glanz, kaum Potenzial für grosse Geschichten. Der FCB muss diesen unspektakulären Auftakt, der sich über sechs wenig reizvolle Spiele erstreckt, irgendwie überstehen. Sich weiter spielen. In die K. o.-Runden. Und dort auf den ganz grossen Namen hoffen. Einen Namen, der die Massen anlockt, die Fans träumen lässt und die Spieler noch Jahre später davon erzählen lässt.

Dort hinzukommen, das wird aber schwer genug. Platz eins oder zwei müssen das Ziel sein. Aber der Weg ist weit. Das Gefühl, das man nicht weg bekommt, ist nicht: Endlich Europa. Sondern: Dann halt Europa.

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